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Isny im Allgäu
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Wecker-Wahnsinn

Der Münchner Poet, Lyriker und Mahner zeigt sich auf dem Theaterfestival in Lebens-Bestform

Beeindruckende Combo begleitet bekennnenden „Puccinisten“: Konstantin Wecker und seine Musiker auf dem Theaterfestival.
Beeindruckende Combo begleitet bekennnenden „Puccinisten“: Konstantin Wecker und seine Musiker auf dem Theaterfestival.
Matthias Hagmann

Isny sz Was für einen großartigen Abend durfte das Publikum im ausverkauften Zelt des Isnyer Theaterfestivals mit Konstantin Wecker am Dienstag erleben: Der Poet, Lyriker, Mahner, Mutzusprecher, Aufforderer, Aktivist „gegen Krieg und Militarismus“ – wie er sich selbst charakterisierte – und nicht zuletzt der „bekennende Puccinist“, als der er die Konzertpassage mit einer Hommage an einen erfolglosen Opernsänger, seinen Vater einleitete, vermochte die Zuhörer bis zum letzten Hauch seiner siebten Zugabe fesseln.

Der Zorn, die Wut, die weltschmerzheischende Melancholie seiner früheren Jahre ist einer Bühnenpräsenz gewichen, die irgendwo zwischen Altersweisheit und augenzwinkernder Selbstironie liegt. Das schließt auch Gassenhauer für das Revoluzzertum aus, die er früher zuhauf geliefert hat. Und verbunden mit der Verbeugung vor dem Altmeister des bayerischen Chansons sei gleich hier zu Beginn ein Kompliment an den Mischer am Tonpult ausgesprochen: Grandios, wie er jede Silbe aus Weckers Mund ins Festivalzelt lockte – im Gegensatz zum Berufskollegen am Mittwochabend, bei Kofelgschroa und Voodoo Jürgens (Bericht folgt). Und welch Fingerspitzengefühl er dabei bewies, die Klangkaskaden der großartigen Musiker Weckers Stimme umspülen zu lassen: Jo Barnickel an Keyboards und Flügel, Fany Kammerlander am Cello, Markus Wall mit der Violine, Wolfgang Gleixner am Schlagzeug und Severin Trogbacher an der elektrischen Gitarre; wobei letzterer im Lied „Empört Euch, wehrt Euch!“ den verdienten Raum für ein verzückendes Rock-Solo eingeräumt bekam. Taktschlag für Weckers warndende Worte: „Die Diktatur ist noch nicht ausgebrochen, sie üben noch.“

Gitarristen braucht eine Combo – selbstredend – auch beim Blues, die Hymne an den „Wehdam“, den bayerischen Schmerz, das Unbehagen angesichts der Liebe: „Bei jeder Schönen frag’ ich mich: Bist Du’s? So gut wie heute hat’s mich nie gebluest.“ Laut Wecker übrigens ein Gefühl, das die ganze Band erfüllt: „Wir sind der Meinung, der Wolfgang Amadeus war der erste Blueser.“

Womit der Bogen zur Klassik geschlagen wäre, jenen unerschöpflichen Fundus, aus dem der Münchner seit seiner Kindheit schöpft, beim virtuosen Spiel am Flügel ebenso wie in den Erinnerungen an den Vater, an welchen er die Festivalgäste teilhaben ließ. Wie erwähnt Opernsänger, habe er den „kleinen Konstantin alle Frauenpartien der italienischen romantischen Opera“ mitsingen lassen, etwa aus „La Traviata“. Durchs Zelt schallte tatsächlich eine frühe Tonaufnahme des Duetts, fast eine Reminiszenz an die Schellackplatte, die das Publikum den Atem anhalten ließ. Weckers begleitende Worte: „Pathos heißt Leidenschaft – wie kann Kunst nicht leidenschaftlich sein? Und wie soll sich der Chef der Deutschen Bank zu einem pathetischen Menschen entwickeln?“

Dann stimmte er zur Melodie von „Nessun Dorma“ (Sic: „Keiner schlafe“), der berühmten Arie aus Giacomo Puccinis Oper Turandot, das „Lied für den Vater“ an, den Kriegsdienstverweigerer in der Zeit des Dritten Reiches. „Wahnsinn! Wahnsinn!“ schallte eine Stimme durchs Zelt, als der letzte Ton verklungen war, das Publikum aber noch den Atem anhielt. Ein Wort, welches das Konzert auf den Punkt bringt.

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