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Burgrieden
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Was das Arbeitsgeschirr über die Vergangenheit verrät

Der Historische Verein Burgrieden kann Kindern auf lebendige Weise Historisches naheberingen
Im Besitz des Historischen Vereins Gesamtgemeinde Burgrieden: jeweils ein Paar originale Kuh- und Ziegengeschirre.
Im Besitz des Historischen Vereins Gesamtgemeinde Burgrieden: jeweils ein Paar originale Kuh- und Ziegengeschirre.
Kurt Kiechle

Burgrieden te „Das Geschirr oder auch die Schirrung dient dazu, Zugtiere einzuspannen, damit diese beispielsweise einen Wagen, einen Karren ziehen können". So nüchtern wie Wikipedia Sinn und Zweck von solchen Zuggeschirren beschreibt, geht es bei einer Führung im kleinen Heimatmuseum nicht zu, wenn Schüler danach fragen, was es denn mit solchen nicht alltäglichen Ausstellungsexemplaren auf sich hat.

Jeweils zwei Arbeitsgeschirre für Kühe und Ziegen kann der Historische Verein sein Eigen nennen und den Besuchern präsentieren. Und die Jüngeren, eben die Kinder, haben meistens so etwas noch nie gesehen, und können sich deshalb nicht so richtig vorstellen, wie die Spitzkummets an die Tiere angelegt – angeschirrt – wurden.

Die Fragesteller bekommen von den Museumsbetreuern natürlich eine erschöpfende Antwort, mit der sie etwas anfangen können. Maria Dietrich, Vorsitzende des Vereins und selbst in der Landwirtschaft aufgewachsen, zeigt sich jedes Mal ein bisschen amüsiert, wenn die an der Heimatgeschichte interessierten jungen Besucher vermuten, dass die Geschirre um den Körper der Tiere gelegt wurden oder werden. „Die passen doch gar nicht um den Bauch“.

Kummet: ein steifer, gepolsteter Ring

Was sie dann zu hören bekommen, erstaunt sie dann doch. So erfahren sie, dass das Kummet, in manchen Gegenden oft auch Kummt genannt, ein steifer, gepolsteter Ring ist, oder aus ebensolchen Ringsegmenten besteht. Es wird den Zugtieren wie Pferde, Kühe, Ochsen und auch Ziegen um den Hals gelegt und erlaubt es, die Zugkraft durch eine der Tierart entsprechende Gestaltung sinnvoll auf Brustkorb, Schultern und Widerrist zu verteilen.

Heute würden die diversen Geschirrarten fast ausschließlich nur noch bei Pferden zum Einsatz kommen, erfährt man bei einer Museumsführung weiter. Kühe oder Ochsen, die früher gefragte Zugtiere waren, werden hierzulande kaum noch eingespannt. Eine Renaissance erlebten dagegen Ziegengespanne.

Auch Ziegen werden vor kleine Wagen gespannt

Die Tiere werden mit Vorliebe vor Leiterwagen, kleine Kutschen, etwa für Ausfahrten ins Grüne, vor allem aber zum Vergnügen der Kinder, gespannt. Gleichwohl hat auch so mancher Ziegenhalter seine Freude, wenn er mit seinen Gespannen bei Festumzügen, wie beispielsweise beim Kinder - und Heimatfest in Laupheim, eine Bereicherung und vielen Menschen, ob groß oder klein, ein Blickfang sein kann.

Dass der Historische Verein in den Besitz von diesen Zuggeschirren kommen konnte, hat er Bürgern zu verdanken, die ihm diese Exponate dauerhaft und für Ausstellungszwecke überlassen haben. Neben alten Getreidesäcken samt Sackkarren, Dezimalwaage, etlichen maßstabs - und detailgetreuen Nachbildungen von bäuerlichen Gerätschaften sind sie ein kleiner Beitrag zum Thema „Landwirtschaft“.

Die beiden Kummets für Ziegen zeigen keinerlei Gebrauchsspuren, weil sie bei ihrer Anfertigung auch gar nicht als Geschirr gedacht waren, sondern als Dekoration. In dieser Funktion schmückten sie auch jahrelang die rustikal eingerichtete Gartenhütte – von den Besitzern scherzhaft „Säuferstüble“ genannt – des vor einigen Jahren verstorbenen Ehrenmitglieds Franz Englert. Seine, den Heimatforschern ebenso wohlgesinnte Frau Erika hat mit dem Einverständnis ihrer Söhne die fachmännisch gefertigten Ziegengeschirre dem Historischen Verein vermacht. „Mein verstorbener Mann hatte sie von einem Arbeitskollegen geschenkt bekommen, dem er seinerseits einen Gefallen getan hat", erinnert sich die Geberin.

Seit die Ziegenzucht Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts einen enormen Aufschwung erfuhr, wurden Ziegen auch als Zugtiere eingespannt. Selbst Kinder konnten sich als Gespannlenker nützlich machen. In dieser Zeit kam auch der Spruch auf: „Die Ziege ist die Kuh des kleinen Mannes - die Eisenbahner- oder Bahnwärter-Kuh".

Der Begriff rührte davon, so lässt sich nachlesen, dass die Überwachung von Eisenbahnschranken und Gleisanlagen oft einfache Leute erledigten.

Als Bahnwärter bekamen sie dafür eine bezahlbare Dienstwohnung, meist ein Häuschen an der Bahnlinie, und dazu einen kleinen Garten, den sie bewirtschaften konnten. Da der Lohn für die Bahnwärtertätigkeit äußerst gering ausfiel, suchten die Bahnwärter nach einem Nebenverdienst. Und fanden diesen in der Ziegenhaltung. Aber auch Fabrikarbeiter reklamierten für sich die Ziegenhaltung, wie auch Kleinst- Landwirte.

Auch der Schreiber dieser Zeilen musste neben einer Kuh und einem Rind zwei Ziegen hüten, die, anstatt an Pflöcke gebunden zu sein, alle Freiheiten genießen durften Und diese nutzten sie nicht selten weidlich aus. Anstatt bei den Rindviechern zu bleiben, unternahmen sie Alleingänge, die sogar bis auf die Gleise der Eisenbahn-Nebenstrecke des Rottalmolles führten.

Ziegen können auch recht anspruchsvoll sein

Man muss wissen, dass Ziegen auf der einen Seite recht anspruchslose Tiere sind, die auch mal Laub und Baumrinde und sogenannte Unkräuter auf dem Speisezettel haben, aber auf der anderen Seite sehr anspruchsvoll in Sachen Futter sind. So ist für die hervorragenden und neugierigen Futterverwerter zum Beispiel eine reine Grasweide nicht nur uninteressant, sondern erwiesenermaßen gesundheitsschädlich. So erschließt sich dem früheren Hütebuben auch, weshalb seine "Geißen" mit Vorliebe die Gleisböschung aufsuchten, denn dort gab es verschiedene (Un-)Kräuter und würzige Pflanzen. Da gab es einfach nichts zu meckern.

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