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Vom Wollen und nicht Können

Das Landestheater Tübingen eröffnet die Saison mit der Komödie „Richtfest“
Als sich alle die 3-D-Brillen überstülpen, hören die Besucher den Song „Cigarette burns forever“ von Adam Green.
Als sich alle die 3-D-Brillen überstülpen, hören die Besucher den Song „Cigarette burns forever“ von Adam Green.
Martin Sigmund

Isny sz Ein Richtfest im üblichen Sinne hat es am vergangenen Sonntag auf der Bühne des sanierungsbedürftigen Isnyer Kurhauses nicht gegeben. Nicht mal bis zum Fundament für das erträumte Haus haben es die elf Bauherren gebracht, mit denen das Landestheater Tübingen unter der Regie von Jan Jochymski angereist war. Mit der Komödie „Richtfest“ von Erfolgsautor Lutz Hübner ist die Kulturreihe „zwischentöne“ in die neue Saison gestartet.

Es war absehbar, dass der Wunschtraum von den eigenen vier Wänden platzen würde. Die Frage war nur: wie? Die einen, Holger (Rolf Kindermann) und Birgit (Sabine Weithörner) mit der halberwachsenen Tochter Judith (Mattea Cavic), möchten eine Lebensgemeinschaft, bei der zwischenmenschliche Kontakte die erste Geige spielen.

„Wahlverwandte“ in „Goethe 28“

Die anderen, Ludger (Andreas Guglielmetti) und Vera (Susanne Weckerle), möchten sich gepflegt zurückziehen und die Gemeinschaft nur dann nutzen, wenn’s mal ein bisschen langweilig ist zu zweit. Noch andere, Christian (Heiner Kock) und Mila (Laura Sauer), haben nicht so viel Geld auf der hohen Kante, möchten aber trotzdem und unbedingt eine Altersabsicherung. Wären da noch das Schwulen-Paar Frank (Daniel Holzberg) und Mick (Robin Walter Dörnemann) und Rentnerin Charlotte (Gotthard Sinn).

Sie versammeln sich in der Eingangsszene um Architekt Philipp (Raphael Westermeier). Euphorisch werfen sie mit immer neuen Ideen um sich, wie sie denn wohnen wollen als „Wahlverwandte“ in „Goethe 28“ – so der Straßenname. Noch trübt kein Wässerchen ihre Visionen, wenn sie sich hinter dem Balkongitter zusammen drücken und jeder einmal hier rufen darf. Schließlich ist noch nichts unterschrieben.

Diese froh gestimmte Atmosphäre hat Jan Jochymski mit entsprechenden Musiktiteln unterlegt. Es erklingen „Our House“ von Madness und später „Cigarette burns forever“ von Adam Green, wenn sich alle die 3-D-Brillen überstülpen und ins psychedelische Nirwana der Marke „Schöne neue Welt“ abtauchen.

Ohne Frage: Gotthard Sinn als Charlotte im langen Rock und wirrem grauen Haar fängt einige Längen in der Eingangsszene auf. Und auch im Verlauf der Inszenierung mimt er oder sie – je nachdem – eine tragende Figur dieser Inszenierung. Jedes Mal, wenn Charlotte, die „alte Fregatte“, den Aufstand probt, ist der Zuschauer hellwach. Ein Haus aus Glas stellt sich Philipp vor.

Spannend wird es, wenn dieser bunt gewürfelte Haufen seine Grundrisspläne für die Wohnungen vorstellt. Zwischen einem offenen Raum mit Badewanne auf Rollen bis zum bourgeoisen Modell mit Gästezimmer für eine spätere Pflegekraft, alternativ dem Wunsch nach mehr Geborgenheit, dem aber die Vollverglasung entgegen steht, ist so ziemlich alles dabei, was das Herz begehrt.

Eingebaut hat Jan Jochymski eine Reihe von kleinen Szenen, in denen die Paare ihre wahren Charaktere offenbaren. Vera und Ludger, die sich ausgenutzt fühlen von Mila und Christian – ein junges Paar, das sein zweites Kind erwartet und in Finanzierungsschwierigkeiten steckt. Birgit, der jede Art von neuer Wohnform suspekt ist, kontra Holger, der partout aus dem alten Ehetrott raus will. Da prallen Lebensideale aufeinander, die beim besten Willen nicht zu kitten sind.

Mittendrin steht Philipp, der seine Felle davon schwimmen sieht. Ihm gehört – zusammen mit Judith – eine der besten Szenen: Wenn er völlig ausflippt, seine Verwünschungen in den Saal schreit und am Schluss, eingegittert in die mobile Ausstattung von Sabine Schmidt, schräg aus der Wäsche schaut. „Zu verschenken“ prangt als Schild am Bauzaun. Charlotte, die zwischenzeitlich einen Schlaganfall erlitten hat, sich aber nicht unterkriegen lässt, hat das letzte Wort. Ausgerechnet sie, die alt und vereinsamt in ihrer Messie-Wohnung darbt, hat sämtliche Tiefen unbeschadet überstanden. „Krabbencurry, das war’s!“, frohlockt sie am Schluss und serviert ihr bestes Rezept.

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