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Voith-Belegschaft ist über Stellenabbau geschockt

OB Rapp: „300 Entlassungen sind eine sehr schlechte Nachricht für Stadt und Region“ – Betriebsrat sucht Alternativen
  • Voith Paper streicht am Standort Ravensburg 304 Stellen.
    Derek Schuh
  • Voith Paper streicht am Standort Ravensburg 304 Stellen.
    Derek Schuh

Ravensburg rut Die Voith-Belegschaft ist auch Stunden nach der außerordentlichen Betriebsversammlung, die am Dienstag um 10 Uhr einberufen wurde, noch völlig geschockt. „Es war eine Stimmung wie auf einer Beerdigung – für viele ist das ein Drama“, sagt ein Mitarbeiter des Konzernbereichs Voith Paper, bei dem in Ravensburg momentan rund 700 Menschen arbeiten. Aber nicht mehr lange, denn 304 dieser Stellen will das Unternehmen abbauen.

Weil der Markt für eben die großen Maschinen, die vor Ort ausgetüftelt und gebaut werden, mitsamt dem Umsatz einbricht. Und zwar mit 80 Prozent in den Jahren 2011 und 2012 dermaßen drastisch, „dass wir uns nicht vorstellen können, dass sich dieser Markt je wieder erholt“, erläutert Standort-Chef Stephan Bocken die düstere Prognose. Darum sei der Konzern zu dem „schmerzlichen Schritt gezwungen, strukturelle Veränderungen in Europa vorzunehmen“.

Konsolidierung lautet das Zauberwort – und es bedeutet für die 304 Mitarbeiter konkret: Ihre Stellen brechen weg. Denn Fertigung und Forschung werden an den Voith-Stammsitz nach Heidenheim verlegt, Vertrieb-, Produkt- und Projektmanagement bleiben zunächst in Ravensburg. Das Ganze sei nötig, „um die kostenintensive Infrastruktur zu bündeln und Schnittstellen zu reduzieren“. Wieder so ein trockener Satz von Brocken, hinter dem sich Schicksale verbergen.

Denn ganze Familien müssten, sofern sie – was Voith anbietet – weiter im Unternehmen arbeiten wollen, ins 140 Kilometer entfernte Heidenheim umziehen. Müssten ihre Häuser, ihre Freunde, ihre Hobbys, ihr Leben in der Region aufgeben, mit der sie doch verwurzelt sind, wie der Betriebsratsvorsitzende Richard Obermeier weiß. „Die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit unserer Mitarbeiter liegt bei 25 Jahren.“ Ihm stehen Betroffenheit und Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben, als er ausführt, dass der Betriebsrat bei der Ausarbeitung des Umstrukturierungskonzeptes außen vorgelassen wurde: „Wir sind völlig überrascht worden.“ Jetzt müssen sich die Betriebsräte erstmal sammeln, sich mit der Situation auseinandersetzen und „Alternativ-Vorschläge ausarbeiten“.

Immerhin sichert Bocken zu, dass „Schließung, Abbau und Transfer“ nicht über Nacht durchgezogen, sondern voraussichtlich auf ein bis zwei Jahre gestreckt werden.

Außerdem will man von Altersteilzeit über Abfindungen bis hin zur Gründung einer Transfergesellschaft alles tun, um die Stellenstreichung so sozialverträglich wie möglich hinzubekommen. Wobei auch Bocken weiß, dass das bei einer so großen Zahl von Betroffenen schwer werden wird. Er will im Übrigen alles daransetzen, die verbliebenen Arbeitsplätze zu sichern: Rund 400 werden nach dem drastischen Abbau in Ravensburg dann noch übrig sein.

Weil Voith bereits im Jahr 2006 schon einmal 230 Arbeitsplätze am Standort gestrichen hat, macht sich nicht nur bei Hans Fröhlich vom Betriebsrat langsam aber sicher Wut im Bauch breit. Er ist auch nicht gerade optimistisch, „was da künftig noch auf uns zukommt“. Oberbürgermeister Dr. Daniel Rapp will sich zwar für eine möglichst sozialverträgliche Abwicklung der Stellenstreichungen einsetzen, ist aber ebenfalls ganz und gar nicht glücklich über die „sehr schlechte Nachricht für Stadt und Region, dass 300 Menschen entlassen werden“. Schließlich sei Voith Paper ein wichtiger Arbeitgeber für Ravensburg – noch dazu mitten im Herzen der Stadt.

Enzo Savarino von der IG Metall Bodensee-Oberschwaben gibt freilich noch nicht alles verloren. Er sagt: „Wir brauchen eine andere Lösung und müssen jetzt Alternativen ausloten.“ Denn eine Prozessoptimierung „darf nicht in Entlassungen münden“.

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