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Viele Frauen stehen im Alter ohne Geld da

70 Jahre alte Ravensburgerin lebt unter der Armutsgrenze – Keine finanzielle Absicherung
Dora Burgstaller bekommt nicht einmal 800 Euro Rente im Monat. Zum Leben bleiben ihr knapp über 300 Euro. Viel leisten kann sie sich dafür nicht. Ihr Rollator wurde über Spenden finanziert.
Dora Burgstaller bekommt nicht einmal 800 Euro Rente im Monat. Zum Leben bleiben ihr knapp über 300 Euro. Viel leisten kann sie sich dafür nicht. Ihr Rollator wurde über Spenden finanziert.
Archiv: dpa

Ravensburg sz Einmal in ihrem Leben ist die 70-jährige Dora Burgstaller (Name von der Redaktion geändert) bisher im Urlaub gewesen. Im Jahr 1991 war das, kurz nach der Scheidung von ihrem Mann. Für eine Woche flog sie nach Mallorca. Sie konnte kaum glauben, dass ihr im Hotel alles hinterhergeräumt wurde – war doch sonst immer sie diejenige, die für andere Menschen putzte und den Haushalt schmiss. Die meiste Zeit verbrachte die Ravensburgerin in jungen Jahren mit wechselnden Reinigungsjobs, eine feste Anstellung hatte sie erst gegen Ende ihres Berufslebens. Eine Tatsache, die ihr heute kaum Rente einbringt. Burgstaller lebt unter der Armutsgrenze.

Dora Burgstaller ist eine offene Person. Sie erzählt gerne, beteiligt sich interessiert am Gespräch und klopft hin und wieder einen Spruch. Aber die 70-Jährige macht sich auch ihre Gedanken. Es ist ihr Leben, über das sie nachgrübelt. Ein Leben, in dem sie die meiste Zeit von dem Einkommen ihres Ex-Mannes abhängig war. Sie kümmerte sich um die Kinder, er ging arbeiten. Ein Vermögen, geschweige denn eine Altersvorsorge, konnte sie sich so nicht aneignen. Auch nach der Scheidung blieb ihr kaum etwas.

Sie hatte die Kinder, er die Arbeit

Ob sie in ihrem Leben etwas anders machen würde, wenn sie könnte? „Ich würde auf jeden Fall eine Ausbildung abschließen“, sagt Burgstaller. Nach der Schule hatte Burgstaller eine Ausbildung im Gesundheitsbereich begonnen. Doch dann lief ihr die Liebe über den Weg: Sie lernte ihren zukünftigen Mann kennen, heiratete, bekam zwei Kinder. Ihre Ausbildung schloss Burgstaller nie ab. Die Liebe entpuppte sich als Sackgasse.

Was Dora Burgstaller blieb, waren Gelegenheitsjobs als Reinigungskraft und Haushaltshilfe. In ihrer Arbeitsbiografie klafften immer mehr Lücken. Große Lücken. Stets arbeitete sie im unteren Lohnbereich. Die Sozialversicherungsbeiträge waren gering. Erst wenige Jahre vor der Rente erhielt Burgstaller eine feste Anstellung als Hauswirtschafterin im sozial-gesellschaftlichen Bereich. Doch das konnte ihre finanzielle Lage nicht retten.

Heute bekommt Dora Burgstaller nicht mal 800 Euro Rente pro Monat – gesetzliche Rente, Betriebsrente sowie Wohngeld eingerechnet. Zum Vergleich: Als arm gelten Menschen mit weniger als 860 Euro Rente. Weil sie das Glück habe, in einer „billigen Wohnung“ zu wohnen, wie Burgstaller sagt, bleiben ihr abzüglich Strom und Telefonkosten im Monat etwas mehr als 300 Euro zum Leben. Vor allem beim Essen spart sie. „Ich koche einfach und verzichte meistens auf Fleisch“, erklärt die Seniorin. Einen Rollator, den sie dringend benötigte, konnte sie nicht selbst kaufen. Er wurde nun über Spenden finanziert.

Vesperkirche als Treffpunkt

Allerdings ist Burgstaller weit davon entfernt, sich zu beschweren. „Ich bin mit wenig aufgewachsen und einfache Verhältnisse gewohnt, Luxus kenne ich nicht“, meint sie bescheiden. Wenn Vesperkirche sei, gehe sie jeden Tag. Das Essen sei günstig und außerdem kenne man sich. „Wir haben sogar einen Stammtisch“, erzählt Burgstaller lachend.

Auf einen Partner an ihrer Seite will sich die 70-Jährige nicht mehr einlassen. Noch mal zu heiraten kam für sie nie in Frage. Nach den schlechten Erfahrungen mit ihrem Ex-Mann traue sie keinem mehr, meint die 70-Jährige ernst. Dann schlägt ihre Stimmung ins Fröhliche um. Mit all ihrer Lebensweisheit meint sie verschmitzt: „Männer sind so: Erst sagen sie ,Mei Schätzle‘ und nachher heißt’s ,mei Alde‘.“

Dunkles Phänomen in der Region

Den Satz „Uns geht’s doch gut“ kann der Ravensburger Diakon Gerd Gunßer nicht mehr hören. „Altersarmut ist kein Einzelfall“, sagt er. Vielmehr handle es sich dabei um ein großflächiges Problem, das es auch im vermeintlich reichen Oberschwaben gebe. „Aber Armut sieht man nicht“, so Gunßer, „sie führt ein Dasein in der Dunkelheit.“ Was den Diakon besonders ärgert, ist, dass die Rentenpolitik „ein Schlag ins Gesicht der alten Menschen“ ist. „Das ist der Teil der Gesellschaft, der das Land die vergangenen 70 Jahre getragen hat, und jetzt wird dieser Teil einfach im Stich gelassen“, empört er sich.

Seiner Meinung nach könne es nicht sein, dass es das Phänomen Armut in einer demokratischen, mitteleuropäischen Gesellschaft gebe. „Da hapert es an Gerechtigkeit“, so Gunßer. Er betont, dass man von den Früchten seiner Arbeit müsse leben können. „Die Verbitterung der alten Menschen ist groß, wenn sie ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben und das im Alter nicht honoriert bekommen“, sagt der Diakon. Deshalb sollte ihm zufolge auf Bundesebene die Diskussion über eine Mindestrente von 1050 Euro geführt werden. Im Lokalen will sich Gerd Gunßer für ein Bündnis gegen Armut starkmachen. „Es würde mich freuen, wenn sich noch mehr Institutionen und Träger daran beteiligen“, wirbt er.

Die Vesperkirche 2018 widmet sich dem Thema „Altersarmut“. Sie findet vom 16. Januar bis zum 4. Februar 2018 in der Evangelischen Stadtkirche in Ravensburg statt. Weitere Infos unter www.vesperkirche-ravensburg.de. Alle Berichte zum Thema finden Sie im Dossier unter www.schwaebische.de/vesperkirche.

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