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Schneeregen 2
Baienfurt
Lokales

Viel Zucker und Zimt und ein sehr fröhlicher Klezmer

Die Band Gitanes Blondes begeisterte im Speidlerhaus

Baienfurt sz - Wenn Musiker Menschen zwei Stunden glücklich machen können, ist dies ein wundervolles Geschenk. Dies gelingt mit Klassik bei André Rieu, mit alpenländischer Musik der AlpenBrass, mit den a-cappella Oldies aus den Zwanzigern, ohne Show, ohne Dekor und musikalische Pomade läuft meist nichts. Außer bei dem Ravensburger Organisten Michael Bender – der spielt ohne Mätzchen zum Rutenfest kompositorische Bonbons auf der Orgel. Diese Stücke haben Humor, er muss sie nicht aufpeppen.

Die vier Musiker aus München beherrschen eine breite Palette, ihr Publikum zu verzaubern. Sie kommen von hinten in den Saal, zupfen die Instrumente, summen ein paar swingige Silben, in Sekunden ist der Saal eingebunden, aus der Violine tänzelt eine Melodie mit jener Eleganz, die man zu kennen glaubt. Ein bisschen Balkan, irgendwie zwischen Klezmer und Gypsie, Mario Korunic zieht das Tempo an, reißt ein paar Bögen in die Höhe, Akkordeon, Gitarre und Kontrabass steigen ein, kleine Dialoge entstehen, Korunic erzählt eine musikalisch verästelte Geschichte, da führt einer das Wort auf dem Dorfplatz und die anderen brummeln, hüsteln und maulen dazu. Feine, kommunikative Folklore, die Charaktere spüren lässt.

Die Takte wechseln, als höre man ein Dorftfest im Schnellgang, vom polkahaften 4/4 zur tänzerischen Valse, die Jungen pfeifen den Mädels zu, dramatische 6/8, eine leise Sentimentalität mischt sich drunter, der Himmel ist zu spüren und die Erde, auf der die Vier auch mal einen kantigen Kontrapunkt stampfen. Das hat Flair, das hat Atmosphäre, und stilistisch ist es ein bunter Mix – osteuropäischer Folk, rhythmische wie melodische Elemente von Gypsie- wie Klezmer- Kulturen. Ein bisschen querbeet, viel Sinnlichkeit, Charme, und die enorme Virtuosität am der Violine.

Die Accellerandi, die Tempiwechsel überschlagen sich, die technische Brillanz von Mario Korunic wird über Phasen zum Selbstläufer und Konstantin Ischenko am Akkordeon, Christoph Peters an der Gitarre und Simon Ackermann am Kontrabass, die für kurze Momente nur ihre eigenen, zauberhaften Passagen spielen durften, sie werden zu musikalischen Zulieferern für den Meister. Zumal er ja noch mit einem anderen Talent verführt – als Geschichtenerzähler. Vom Ohrwürmchen, das zauberhaft poetisch vertont wurde, vom Rabbi aus dem Stetl, vom Kamel in der Oase, so klein, dass es auf der Hummel in den Amazons fliegt. Damit könnte es der Kritiker belassen. Doch da war noch mehr an diesem Abend, das zum Glück des Publikums beitragen musste. Dies ist alles eine Geschmacksfrage, die ja jeder selbst entscheiden kann.

Aber ein paar Einwände seien erlaubt: Warum haben vier souveräne Musiker ein Schenkel klatschendes, Finger schnipsendes, stampfendes Publikum nötig? Warum muss aus der charmanten Lautmalerei mit dem Publikum zu Beginn dann am Ende des Abends ein populistischer Ohrwurm werden? Was hat die musikalische Witzelei mit Radetzki-Marsch und „Summertime“ mit Klezmer zu tun, den sie angeblich spielen, und Gypsie auch? „Unsere Musik kommt aus politisch unstabilen Gegenden“, sagte Mario Korunic zu einem Stück aus vielen Ethnien des Balkan. Sie wollten dazu beitragen, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, wie in dieser Band, friedlich zusammen leben könnten. Sehr schön und Applaus. Doch ihr Anteil an jiddischer und Sinto-/Roma-Musik an diesem Abend ist gefiltert nach den gängigen Klischees, die sich mit „gute Laune“ verkaufen lassen. Diese Musikkulturen aber sind, über die ganze Welt, aus Rassismus, Verfolgung, Genozid, Armut und Ausgrenzung entstanden. Dies zeigt zutiefst berührend der Film „Django“, dies beschreibt keiner bewegender als der jiddische Schriftsteller Edgar Hilsenrath. Von diesen Tiefenschichten dieser Kulturen ist bei Gitanes Blondes nichts zu hören. Würde ja auch schlecht zum Namen passen.

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