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Veni, vidi, vici? „Nein, ich bin doch kein Imperator“

Johannes Henne setzt auf Rückenstärkung – „30 Jahre ist ein gutes Alter, um Verantwortung zu übernehmen“
Johannes Henne
Johannes Henne
anton Fuchsloch

Immenstaad sz Den Wahlsieg am 15. Oktober kann Johannes Henne wohl niemand mehr nehmen. Der 30-jährige Verwaltungsfachmann aus Biberach mit CDU-Parteibuch ist der einzige Bewerber um die Nachfolge von Bürgermeister Jürgen Beisswenger, der nach 24 Amtsjahren nicht mehr antritt. Den von Julius Caesar überlieferten Spruch „veni, vidi, vici (ich kam, sah, siegte) will Henne aber nicht auf sich anwenden. „Das ist mir zu heroisch, ich bin schließlich kein Imperator“, sagt Henne im Gespräch mit Anton Fuchsloch.

Sie haben sich auf einen Wahlkampf eingestellt und stehen nun als einziger Bewerber da. Haben Sie eine Erklärung dafür und wie gehen Sie mit dieser auf den ersten Blick für Sie recht komfortablen Situation um?

Wahlkampf bleibt Wahlkampf, egal wie viele Mitbewerber man hat. Dass nur ein Kandidat im Rennen ist, ist bedauerlich, vor allem für die Bürgerinnen und Bürger, die somit keine „echte Wahl“ haben. Demokratie lebt schließlich davon, dass es Auswahlmöglichkeiten gibt. Ich hätte der Gemeinde mehrere Kandidaten gewünscht, denn Immenstaad ist attraktiv und hätte es in jedem Fall verdient. Grundsätzlich spiegelt die Bewerberlage aber auch einen landesweiten Trend wider. Die Tätigkeit ist wohl nicht mehr so beliebt, denn Bürgermeister zu sein heißt auch, rund um die Uhr im Einsatz zu sein und auf einen geregelten Feierabend zu verzichten. Dafür muss man brennen, und es braucht zudem eine Familie, die hinter einem steht. Darüber hinaus hat sich auch die Politik in unserem Land grundlegend verändert. Die kritischen Stimmen werden lauter und die Anforderungen an politische Entscheidungsträger wachsen stetig.

Wie wollen Sie es schaffen, die Immenstaader zu überzeugen, Ihnen den Rücken zu stärken und am 15. Oktober dennoch an die Wahlurnen zu gehen?

Die Bewerberlage tut meiner Motivation keinen Abbruch. Ich führe meinen Wahlkampf weiter wie geplant, bin fast jeden Tag vor Ort, führe Gespräche und werbe um Stimmen. Die Bürger sollen wissen, es geht um die Zukunft ihrer Gemeinde. Deshalb bedarf es eines guten Rückhalts für den neuen Bürgermeister, damit all die komplexen und umfangreichen Aufgaben der Zukunft gemeistert werden können. Im eigenen Interesse sollte es für die Bürger wichtig sein, dass sie dem Neuen über eine hohe Wahlbeteiligung den Rücken stärken.

Wie haben Sie Immenstaad in den vergangenen Wochen erlebt? Ein eher schwieriges Pflaster für einen Bürgermeister oder ein g‘mähts Wiesle?

G’mäht’s Wiesle würde ich nicht sagen, aber Immenstaad hat eine sehr gute Ausgangslage. Viele Dinge sind hier vorbildlich entwickelt. Als Stichworte möchte ich nur die Kinderbetreuung, die vielen Angebote für Seniorinnen und Senioren etwa in den Lebensräumen mitten im Ort sowie die für die Größe der Gemeinde vorbildliche Einzelhandelsstruktur nennen. Dennoch gibt es noch Entwicklungsmöglichkeiten und viele kleine aber auch große Dinge anzupacken. In den Bürgergesprächen sind mir beispielsweise immer wieder Fragen zur Flächennutzung, zur Bebauung und zum Verkehr begegnet. Da kommt viel auf die Gemeinde zu. Gleichzeitig hat der Gemeinderat bereits verschiedene Vorhaben angestoßen, die es in den nächsten Jahren zielstrebig umzusetzen gilt. Dazu braucht es fundiertes Fachwissen, eine gute Sozialkompetenz und ein Projektmanagement mit Augenmaß.

Sie suchen den „direkten Draht“ zu den Bürgern, wie Sie immer wieder betonen und zeigen hohe Präsenz in Immenstaad. Wie heiß sind die Drähte und was wird Ihnen zugefunkt?

Ich habe immer wieder bemerkt, dass es durchaus regen Gesprächsbedarf unter der Bevölkerung gibt. Vieles wurde an mich herangetragen, was die Menschen tagtäglich beschäftigt. Das ist thematisch bunt gemischt, und reicht von der in den Gehweg hereinragenden Hecke, über Anliegen zu Tempolimits und zum Ortsbus bis hin zu komplexen Fragen des Wohnungsbaus, der Flächennutzung und der Flüchtlingsunterbringung. Als Bürgermeister möchte ich diesen Gesprächsfaden nicht abreißen lassen und neue Formen und Foren zum Austausch mit den Bürgern entwickeln, auch online. Allerdings möchte ich betonen, dass Bürgerbeteiligung nicht Selbstzweck sein darf. Sie muss stets ziel- und ergebnisorientiert sein und Entscheidungen befruchten, nicht etwa erschweren. Hierbei ist natürlich die Gemeinde in der Verantwortung, diesen Prozess zu moderieren und zu strukturieren.

Gibt es kommunale Leerstellen, Bedürfnisse oder offene Fragen, von denen Sie den Eindruck haben, da muss ich gleich ran?

Zuerst muss ich mir einen Überblick übers laufende Geschäft verschaffen. Damit bin ich in der ersten Zeit sicherlich schon ganz gut ausgelastet. Auch das Team auf dem Rathaus und in den gemeindeeigenen Einrichtungen muss ich kennenlernen und einen Eindruck von der aktuellen Organisation und den Abläufen gewinnen. Als Kommunalberater habe ich in erster Linie den Anspruch, die Verwaltung gut zu strukturieren und organisatorisch auf Vordermann zu bringen. Darüber hinaus bin ich immer ein Fan von schnellen Erfolgen. Die Leute müssen sehen, es tut sich etwas in der Gemeinde. Da kann man schon recht zeitnah an kleinen Problemen ansetzen und muss nicht gleich das große Rad drehen.

Das Motto „Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts“, gilt auch im öffentlichen Sektor. Wofür würden Sie zuerst Geld ausgeben beziehungsweise aufnehmen – Schule, Bauhof, Sport- und Festhalle, Kinderbetreuung, Breitbandausbau, Jugendarbeit, Tourismus…?

Die Weichen für die nächsten fünf, sechs Jahre sind gestellt. Der Neubau der Kindertagesstätte Seegaddel, der Neubau des Bauhofs und andere bereits angeschobene Projekte wie Schule und Linzgauhalle werden die finanziellen Ressourcen der Gemeinde stark fordern. Gleichzeitig sollte man auch an die Dinge denken, die unter der sichtbaren Oberfläche liegen. So gilt es beispielsweise die Kanalisation und den Hochwasserschutz an verschiedenen Stellen im Ort zu sanieren und zu erweitern und die digitale Infrastruktur auszubauen. Außerdem fließt viel Geld ins laufende Geschäft, das wissen viele gar nicht. Auch wenn die Rücklage der Gemeinde aktuell recht gut ist, darf man nicht über seinen Verhältnissen wirtschaften. Mit Kita, Bauhof und Schule ist die Gemeinde in den nächsten Jahre in jedem Fall gut bedient. Schließlich muss das alles nicht nur finanziell, sondern auch personell bewältigt werden.

Der Neubau der B 31 wird einen großen Einfluss auf das Verkehrsgeschehen und die bauliche Entwicklung in und um Immenstaad haben. Ab 2020 werden sich die Fahrzeuge vermutlich nicht mehr nur vor Hagnau, sondern schon vor Immenstaad stauen. Derweil laufen die Voruntersuchungen für einen möglichen Weiterbau. Wo sehen Sie die Chancen und Risiken und was sind für Sie die wesentlichen Forderungen?

Ich bin zu kurz mit der Thematik vertraut, als dass ich bereits eine abschließende persönliche Meinung haben könnte. Oberste Priorität ist für mich, die Menschen im Ort vor den vielfältigen Belastungen, die eine so viel befahrene Straße mit sich bringt, zu schützen. Darüber hinaus bin ich der Auffassung, dass die Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten der Gemeinde nicht durschnitten beziehungsweise nahezu gänzlich eingeschränkt werden sollten. Insofern sehe ich im amtlichen Planungsfall 7.5 W2 eine große Chance für die Gemeinde, den Verkehr von der Ortsnähe wegzubekommen. Gerade der Transitverkehr, der das größte Verkehrsaufkommen auf der B 31 darstellt, muss weg vom Ort. Die alte B 31 könnte dann zurückgestuft und teilweise auch zurückgebaut werden. Nur dann kann das Dorf weiter zusammenwachsen und sich der innerörtliche Verkehr neu ordnen und beruhigen. Ein Risiko sehe ich natürlich im zeitlichen Faktor. Es ist unklar, wie lange das Gesamtprojekt dauern wird. Der neu formierten Bürgerinitiative BIB31neu kann ich nur empfehlen, die Möglichkeit zu nutzen, um die Bürgerinnen und Bürger noch besser zu informieren und für das Thema zu sensibilisieren.

In einer Gemeinde zählen auch die „weichen“ Faktoren – das soziale Umfeld, die Vereinskultur, das bürgerschaftliche Engagement, Treffs und Begegnungsmöglichkeiten. Hat Immenstaad in dieser Hinsicht etwas, was andere nicht haben oder gibt es da noch Lücken?

Familientreff und Bürgertreff funktionieren beide seit Jahren ganz hervorragend. Auch der Ortsbus ist als individuelle Mobilitätslösung erhaltenswert und möglicherweise sogar ausbaufähig. Das ehrenamtliche Engagement in den Vereinen, den Kirchen und beispielsweise auch im Flüchtlingsbereich ist vorbildlich. Lediglich im Bereich der Jugendarbeit gibt es aus meiner Sicht noch Lücken. Es wäre mir ein Anliegen, ein gutes Konzept zu erarbeiten, das auch die Engagementförderung fokussiert. Dies funktioniert aus meiner Sicht jedoch nur, wenn man alle Experten und Interessenten zusammenbringt, angefangen von der Schule über die Vereine, den Familientreff und die Jugendlichen selbst. Alle haben Ideen, die sie einbringen können und sollen. Wie man das letztendlich konzeptionell ausgestaltet, wird man sehen.

Immenstaad ist in vielerlei Hinsicht geprägt vom Fremdenverkehr. Von den 3657 Wohnungen sind zirka 500 Ferienwohnungen, 476 Zweitwohnungen und 580 Zweitwohnsitze. Wie viele „Fremde“, Gäste, Reingschmeckte, Leute, die ihren Alterssitz hier wählen, verträgt die Gemeinde?

Die aktuelle Wohn- und Bebauungssituation hat sich in den letzten Jahren zum Teil durch ganz unterschiedliche privatwirtschaftliche Entwicklungen ergeben. Der Fremdenverkehr ist selbstverständlich ein wichtiger Wirtschaftsfaktor fürs Gastgewerbe, das Handwerk und für den Einzelhandel. Es ist einfach schön am See. In Zukunft muss die Gemeinde bei neuen Bauprojekten sicher kritischer hinschauen. Im Frickenwäsele hat’s der Gemeinderat zuletzt ganz gut gemacht und überzogene Begehrlichkeiten zurückgewiesen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind aber so, dass die Spielräume der Gemeinde begrenzt sind. Doch trotz dieses Umstands, tut die Gemeinde nur gut daran, sämtliche Einflussmöglichkeiten künftig zu nutzen und auszuschöpfen.

Wohin soll sich die Gemeinde in den nächsten zehn Jahren entwickeln?

In den letzten Wochen und Monaten sind viele wegweisende Projekte eingeleitet worden, die es jetzt Schritt für Schritt umzusetzen gilt. Den Erfolg wird man dann in einigen Jahren ernten können. Parallel dazu lautet mein Appell, Bestehendes und Bewährtes zu stärken. Nicht die Ausweisung vieler weiterer Bebauungsflächen sollte das Ziel der nächsten Jahre sein, sondern die Pflege und der Ausbau des Miteinanders aller Immenstaaderinnen und Immen-staader. Gleichzeitig muss die Gemeinde auch für die Zukunft fit gemacht und auf veränderte gesellschaftliche, technologische oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen eingestellt werden. Dazu ist in jedem Fall die Breitbandversorgung auszubauen und auch öffentliches WLAN wird ein wichtiges Thema sein. Einzelhandel und Tourismus werden neue Wege beschreiten müssen, um auch in Zeiten des Online-Handels am Ball bleiben zu können. In vielen Bereichen sollte die Gemeinde an neue Zielgruppen denken und deshalb auch verstärkt jüngere Menschen einbinden.

Sie kommen aus einer Bürgermeisterfamilie, sind jung, studiert und in der Welt herumgekommen. Was sagen Sie zu jenen, die Ihnen das Amt dennoch nicht zutrauen – zu jung, zu unerfahren, zu idealistisch?

30 Jahre ist ein gutes Alter, um Verantwortung als Bürgermeister zu übernehmen. Dies ist generell keineswegs unüblich, denn auch mein Vater war bei seiner Wahl 31 Jahre alt und ist insgesamt viermal im Amt bestätigt worden. Unser ehemaliger Ministerpräsident Erwin Teufel war sogar erst 25 Jahre als er zum Stadtoberhaupt von Spaichingen gewählt wurde und auch aktuell finden sich landauf landab immer wieder neu gewählte, junge Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, wie zum Beispiel in der Stadt Tengen oder der Gemeinde Mutlangen. Außerdem habe auch ich von vielen Bürgerinnen und Bürgern immer wieder gehört, dass sie sich über „frischen Wind“ freuen würden. Möglicherweise motiviert ein neuer und junger Bürgermeister viele ja sogar dabei, sich selbst kommunalpolitisch oder in einer anderen Form zu engagieren. Im Übrigen fühle ich mich gut für die Tätigkeit gewappnet, sowohl fachlich als auch persönlich. Ich bin bestens ausgebildet, motiviert, belastbar und habe frische, innovative Ideen im Gepäck. Meine Partnerin Emma Heinz steht voll und ganz hinter mir, und wir beide können uns sehr gut vorstellen, uns in Immenstaad auch familiär etwas aufzubauen. Insofern passt das alles ganz gut.

Gewählt wird am Sonntag, 15. Oktober. Die Wahllokale in den Kindergärten Ruhbühl, Strandbadstraße und Kippenhausen sowie in der Stephan-Brodmann-Schule sind zwischen 8 und 18 Uhr geöffnet. Zur Wahl aufgerufen sind – Stand 10. Oktober – 5273 Immenstaader über 16 Jahre sowie EU-Bürger, die ihren Hauptwohnsitz seit mindestens drei Monaten in der Gemeinde haben.

Da es nur einen Bewerber gibt, dürfte die Auszählung der Stimmen bereits um 18.30 Uhr abgeschlossen sein. Bürgermeister Jürgen Beisswenger wird das Ergebnis dann auf den Rathausplatz offziell verkünden.

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Da es nur einen Bewerber gibt, dürfte die Auszählung der Stimmen bereits um 18.30 Uhr abgeschlossen sein. Kann man anschließend mit dem obligatorischen Freibier des Wahlsiegers rechnen?

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Der Fanclub aus Sigmaringendorf drückt für ein gutes Wahlergebnis die Daumen.
Vater Alois - das Bürgermeister-Urgestein des Landkreises Sigmaringen - gehört sicher am Sonntag zu den Gratulanten. mehr

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