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Über die Jahrhundertfälschung

Auf Einladung der SZ referiert Günter Randecker über die „Laichinger Hungerchronik“

Die „Laichinger Hungerchronik“ ist gefälscht worden, und zwar vor 100 Jahren von dem aus Laichingen stammenden Lehrer Christian August Schnerring. Das weiß Günter Randecker, der die Fälschung vor 30 Jahren aufgedeckt hat. Über seine Enthüllungen referiert Randecker am Donnerstag, 16. November, um 19 Uhr im Hotel Krehl.
Die „Laichinger Hungerchronik“ ist gefälscht worden, und zwar vor 100 Jahren von dem aus Laichingen stammenden Lehrer Christian August Schnerring. Das weiß Günter Randecker, der die Fälschung vor 30 Jahren aufgedeckt hat. Über seine Enthüllung
Hansjörg Steidle

Laichingen sz Auf Einladung der „Schwäbischen Zeitung“ hält Günter Randecker einen Vortrag zum Thema „Die Laichinger Hungerchronik – eine Jahrhundertfälschung“. Zu Gast ist der frühere Archivar der Stadt Münsingen am Donnerstag, 16. November, um 19 Uhr im Hotel Krehl in Laichingen. „Die Laichinger Hungerchronik“ wurde in den Jahren 1916/17, also vor einem Jahrhundert, verfasst. Sie nimmt Bezug auf die schlimmen Hungerjahre auf der Alb in den Jahren 1816/17, die vor zwei Jahrhunderten viel Leid und Elend über das Land brachten.

Detailliert wird an dem Vortragsabend Günter Randecker aus Dettingen/Erms aufzeigen, wie es ihm vor 30 Jahren gelungen ist, der Fälschung der Hungerchronik auf die Schliche zu kommen. Ferner erläutert er, welche Wirkungsgeschichte von dieser speziellen Fälschung ausgegangen ist, die gezielt in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft unter das Volk gebracht wurde. Christian August Schnerring publizierte die Fälschung in den Jahren zwischen 1913 und 1917 mehrfach in volks- und landeskundlichen Zeitschriften.

Günter Randecker, Diplom-Volkswirt, Autor des Gedenkbuches „Juden und ihre Heimat Buttenhausen“, hat 1987 diese angeblich „authentische“ Quelle erstmals richtig auf Herz und Nieren geprüft und kam zu dem aufsehenerregenden Resultat. „Die Laichinger Hungerchronik“ ist seiner Ansicht nach eine plumpe antisemitische Fälschung aus der Zeit um 1917. Er spricht deshalb von einer Jahrhundertfälschung. Sie stammt aus der Feder von Christian August Schnerring (1870-1951), der damals Lehrers in Kirchheim/Teck war.

Schnerring stammte aus einem Laichinger Webmeisterhaus, oben an der Straße nach Blaubeuren, so hieß es in einem Nachruf. Nach Stationen als Lehrer in Crailsheim, Kirchheim (dort auch am Lehrerseminar tätig), Rektor in Reichenbach und Kornwestheim, lebte er zuletzt in Sillenbuch und wurde mit 63 Jahren NSDAP-Mitglied. 1918 und 1935 brachte Schnerring einen „geschichtlichen Dorfroman über die Teuerungs- und Hungerzeit“ heraus unter dem Titel: „Du suchest das Land heim ...“ Die sogenannte Laichinger Hungerchronik über die „Teuerung und Hungersnot 1816/17 besteht aus 40 handschriftlichen Blättern.

So war 1937 – verfasst von Schnerring – in der „Monatsschrift im Dienste von Volk und Heimat: Württemberg“ zu lesen: „Der Wucher“ der Jahre 1816/17 sei „reiner Judenwucher“ gewesen. An den Pranger stellte Schnerring in seiner Hungerchronik insbesondere die Juden aus Buttenhausen.

Randecker hat 1987 die Archivbestände nachgeprüft, und herausgefunden, dass in den Gewerbeakten von Buttenhausen 1816/17 keinerlei Hinweise auf jüdischen Getreidehandel zu finden war. Autor Christian August Schnerring hat nach Ansicht Randeckers gelogen, der seine Behauptungen selber in Archiven nie nachgeprüft habe. Er verfasste seine „Hungerchronik“ ganz im Sinne einer antisemitischen Ideologie, wonach die Juden an allem Unglück schuld gewesen seien.

70 Jahre lang wurden diese „Aufzeichnungen“ immer wieder nachgedruckt und daraus zitiert – von Heimatforschern, von Journalisten, von Wissenschaftlern, in Museen, Ausstellungen, Katalogen, Heimatbüchern, ja sogar in Doktorarbeiten. Die sogenannte „Laichinger Hungerchronik 1816/17“ galt bis vor 30 Jahren als erstrangige „Geschichtsquelle“ für Historiker und Heimatforscher.

Durch die Forschungsergebnisse von Günter Randecker sind die Juden von den Schnerringschen „Anschuldigungen“ rehabilitiert worden. Aber seit der Verschleppung vor 75 Jahren leben keine Juden mehr in Buttenhausen, auch nicht in Laichingen. Sie sind nicht in ihre Heimat auf der Schwäbischen zurückgekehrt.

„Die Schnerringsche Fälschung wird trotz meiner Aufdeckung vor 30 Jahren immer noch unkritisch zitiert, zuletzt in der Zeitschrift „Schwäbische Heimat“, Heft 1 / 2016, bedauert Randecker. Eine Richtigstellung sei bis heute nicht erfolgt. Dies möchte der Referent in seinem Vortrag am Donnerstag, 16. November, um 19 Uhr im Hotel Krehl in Laichingen vornehmen.

Die „Schwäbische Zeitung“ lädt zu dem Vortrag von Günter Randecker zur „Laichinger Hungerchronik“ und seine Aufdeckung als Fälschung am Donnerstag, 16. November, ins Hotel Krehl in Laichingen ein. Der Eintritt ist frei. Mehrere Jahrestage stehen in Zusammenhang mit dem Vortrag: Die Hungersnot auf der Alb war vor 200 Jahren, die Hungerchronik wurde vor 100 Jahren geschrieben und Archivar Günter Randecker entlarvte sie vor 30 Jahren als eindeutige Fälschung.

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