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Lindau (Bodensee)
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Theater Zitadelle begeistert mit Rumpelstilzchen

Im Zeughaus sprechen die Figuren mit Akzent: „Mon dieu, isch liebe Äppi Änds“

Das „Theater Zitadelle Berlin“ hat mit Anna Fregin und ihren Puppen das Märchen vom Rumpelstilzchen im Zeughaus großartig erzählt.
Das „Theater Zitadelle Berlin“ hat mit Anna Fregin und ihren Puppen das Märchen vom Rumpelstilzchen im Zeughaus großartig erzählt.
Isabel Kubeth de Placido

Lindau sz Die Ferien sind zu Ende und der Alltag beginnt. Mit seinem letzten Stück in der Reihe des Kinder-Sommer-Theaters hat das Zeughaus dieser schönen Zeit einen wahrhaft krönenden Abschluss bereitet. Denn mit dem „Theater Zitadelle Berlin“ und seiner modernisierten Variante des Grimmschen Märchen „Rumpelstilzchen“ hat es ein Figurentheater auf seine Bühne geholt, das einfach nur großartig war. Nicht umsonst bedankten sich die über 120 großen und kleinen Zuschauer mit begeisterten Bravo-Rufen und langanhaltendem Applaus für diese wunderbare, hervorragende Darbietung.

„Wat? Du globst, det muss ma uffarbeeten?“, berlinert Anneliese, als die Müllerstochter Golda, die zu diesem Zeitpunkt allerdings schon längst Königin ist, ihren Schminkkoffer öffnet. Da hinein verkriecht sich nämlich das putzige Mäuschen, um seinen schrecklichen Alpträumen zu entfliehen. Schließlich war die Begegnung mit dem „grünen Wurzelzwerg“ , damals, als Golda eben noch Müllerstochter war, doch ganz schön traumatisch. Auch wenn sie jetzt weiß, dass es am Ende ein „Happy End“ gegeben hat. „Aber es hätt ja och schiefjehn können.“ Jedenfalls kommt Anneliese zu dem Schluss: „Ick glob, ick hab psychische Probleme“. Und dagegen hilft, ganz im Sinne der Psychoanalyse, eben nur eins: Alles ganz von vorne zu erzählen und ja nichts auszulassen. „Es war einmal ein Müller, der hatte eine Tochter…“

Wechsel vom Puppentheater zum Schauspiel

War es bis dahin noch Anna Fregin, die die Rolle der Königin Golda im Dialog mit Puppenmäuschen Anneliese spielte, wechselt nun, da das Publikum ins Grimmsche Märchen eintaucht, die Mischung zwischen Figurentheater und Schauspiel zum reinen Puppentheater.

Die Königin wird zur Müllerstochter, deren Vater (Gerd Müller), im weinseeligen Gespräch mit dem König wieder mal maßlos übertrieben hat. Nicht, weil er damit angegeben hat, wie schön seine Tochter sei („Oh Papa, wie peinlich!“), sondern weil er dem König auch noch erzählt hat, dass sie Stroh zu Gold spinnen könne. „Das sollte doch nur eine Parabel dafür sein, dass deine Arbeit Gold wert ist“, rechtfertigt er sich. Die Geschichte nimmt ihren bekannten Lauf, auch wenn der König in seinem charmanten französischen Akzent beteuert, dass er ganz genau weiß, dass die Geschichte des Müllers dessen übermäßigen Alkoholkonsums geschuldet war. Wovon sein böser Schatzmeister allerdings weniger überzeugt ist, und den Müller in den Kerker und die Müllerstochter ins Turmzimmer sperrt.

„Hat der noch alle Tassen im Schrank?“, echauffiert sich Püppchen Golda aufmüpfig und wird von „Psycho-Anneliese“ sofort auf den Boden der Tatsachen geholt: „Erzähl aber och, dass du erst noch geheult hast“, switcht die Maus das Publikum vom Märchenspiel in die zweite Ebene um.

Einen dramatisch inszenierten ersten Auftritt bekommt das Rumpelstilzchen, als es, zur Titanic-Titelmusik, am Regenschirm vom Himmel fällt und Golda´s Problem, aus „handelsüblichem Stroh“ Gold zu spinnen, im schönsten rheinländischen Dialekt, als „Pippifax“ abtut. An dieser Stelle der Geschichte soll sich auch herausstellen, dass Annelieses Trauma völlig unnötig ist: „Nee, die eß ich lieber nicht. Die hat psyschische Probläme“, nimmt der „grüne Wurzelzwerg“ den Running-Gag der Inszenierung auf.

Jede Figur spricht eigenen Dialekt oder hat Akzent

Überhaupt sind es kecke Sprüche wie diese, die das alte und tausendfach erzählte Märchen zu einer modernen Geschichte werden lassen und das Publikum vom Anfang bis Ende amüsieren. Das wirklich Besondere und fesselnde aber ist, dass jede Figur, ihren eigenen Dialekt, Akzent, Tonlage und Gestik hat und dadurch zu einer eigenen Persönlichkeit wird.

Diese Kunst, den Figuren Leben einzuhauchen, geht sogar so weit, dass der Zuschauer den Eindruck gewinnt, dass jede Figur auch noch ihre eigene Mimik hat. Und das, obwohl sie, zumindest die Puppenversion von Golda, der Müller, König Artur Schneidewind und sein böser Schatzmeister Schnodder-(H)einrich, aus Holz gearbeitet sind. Aber Anna Fregin beherrscht das Puppenspiel eben meisterhaft. Gut auch, dass sich Golda am Ende der Geschichte vier Rate-optionen, statt wie im richtigen Märchen nur drei, ausgebeten hat. Denn so charmant der französische Akzent des Königs auch sein mag, „Rümpelstilzchen“ ist eben nicht „Rumpelstilzchen“. Und so bekommt die Geschichte am Ende doch noch ein „Äppi Änd“.

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