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Start für Erwachsenenschutzkonzept

Prof. Thomas Klie gibt am Dienstag die Leitlinie bei einem Runden Tisch vor

Pflegebedürftige Menschen benötigen für ein demütigungsfreies Leben die richtige Zuwendung. Hierbei soll das Erwachsenenschutzkonzept des Landkreises Tuttlingen ansetzen.
Pflegebedürftige Menschen benötigen für ein demütigungsfreies Leben die richtige Zuwendung. Hierbei soll das Erwachsenenschutzkonzept des Landkreises Tuttlingen ansetzen.
Roland Rasemann

Tuttlingen sz Mit einem Runden Tisch hat das Tuttlinger Landratsamt am Dienstagmorgen den Startschuss für sein Erwachsenenschutzkonzept gegeben. Die Behörde möchte erreichen, dass pflegebedürftige Menschen unter würdigen Bedingungen leben können. Prof. Thomas Klie von der AGP Sozialforschung in Freiburg, der das Vorhaben in den kommenden drei Jahren begleitet, bezeichnete es als „einmaliges Projekt“. Mehr als 20 Personen unterschiedlicher Einrichtungen nahmen an dem Termin teil.

Landrat Stefan Bär berichtete, dass sich der Landkreis in den vergangenen Monaten intensiv mit dem seniorenpolitischen Rahmenkonzept befasst habe. Dabei wurden Themen wie die Förderung der ehrenamtlichen Nachbarschaftshilfe oder von alternativen Wohnformen diskutiert. Nun gehe es darum, für ältere Menschen einen besseren Schutz zu gewährleisten: „Das ist ein schwieriges Thema, das teilweise tabuisiert wird“, betonte Bär.

Vorbild: Kinderschutz

Beim Erwachsenenschutzkonzept gehe es auch darum, Menschenrechte für gefährdete Personen zu realisieren. „Beim Kinderschutz haben wir eine Kultur des Hinschauens erreicht. Das wollen wir nun auf die Senioren ausweiten“, sagte Bär. Es gebe eine gesellschaftliche Verantwortung, dass pflegebedürftige Menschen nicht gedemütigt werden, sondern dass sie würdevoll im Alltag leben können. Das Ziel müsse es sein, im Landkreis keine Inseln zu schaffen, sondern das Erwachsenenschutzkonzept im gesamten Landkreis zu etablieren. Für die Umsetzung der Idee bekam der Landkreis vom baden-württembergischen Sozialministerium im April eine Förderung in Höhe von 110 000 Euro.

Klie betonte, dass viele Menschen in Sorge seien, dass für sie im Alter nicht genügend gesorgt wird. Die Initiative für das Erwachsenenschutzkonzept stamme vom Pflegestützpunkt, bei dem Berichte über Gewalttaten in Einrichtungen und in der Häuslichkeit eingegangen seien und es Kenntnisse über Fixierungen von Menschen gebe: „Diese Wahrnehmungen müssen dokumentiert werden“, forderte Klie.

Keine Demütigung von Behörde

20 Prozent aller an Demenz erkrankten Menschen würden in Deutschland fixiert oder eingesperrt werden. Es gebe Menschen, die acht Jahre lang nicht mehr aus ihrer Wohnung herausgekommen seien. „Fixierungen sind einfach nur schädlich. Es gibt keine fachliche Legitimation dafür“, betonte Klie. Unangemessene Maßnahmen würden aus einer Sorge heraus ergriffen werden. Daher müsse man sich darüber Gedanken machen, was Schutz bedeutet.

So seien etwa Wohngemeinschaften gut, wenn sich die Angehörigen, die Nachbarn und die Profis beteiligen und sich verantwortlich fühlen würden. Zudem brauche man mitunter Kreativität und Sensibilität bei der Suche nach neuen Wegen in der Betreuung. So habe ein 80-Jähriger einen täglichen Bewegungsdrang von acht Kilometern – vielfach seien es aber lediglich 250 Meter, die täglich zurückgelegt werden würden. Auch das Naturerlebnis sei von Bedeutung.

Mit Blick auf den „sorgenden Landkreis“, der in Tuttlingen geschaffen werden soll, betonte Klie, dass ein Landkreis nur anständig sei, wenn „die Institutionen die Menschen nicht demütigen“. Demütigungen seien dabei die Verletzung der Selbstachtung oder der Entzug der Selbstkontrolle. Die Würde des Menschen würde sich laut Klie aus zwei Aspekten speisen: die Privatheit und die Zugehörigkeit.

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