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Sig’dorferin rettet Flüchtlinge im Mittelmeer

Sigmaringendorf sz Als die Crew der Seefuchs am 2. September 16 Flüchtlinge vor der libyschen Küste rettet, treibt deren Holzboot bereits seit geraumer Zeit nur noch ziellos umher. Längst ist das Benzin alle, seit zwei Tagen haben die Menschen an Bord auch kein Wasser mehr. Dass sie lebendig aufgegriffen werden, grenzt an ein Wunder: Tagsüber brennt die Sonne gnadenlos aufs Mittelmeer, die Männer sind ihr schutzlos ausgeliefert. Nun gibt es plötzlich und unverhofft Rettung, das Schiff der Seenotrettungsorganisation Sea-Eye versorgt die Männer mit Rettungswesten und Trinkwasser. Teil der zehnköpfigen Crew ist Gisela Pillmayer-Maurer aus Sigmaringendorf. Die 59-jährige Krankenschwester ist 14 Tage lang als Freiwillige an Bord.

Gisela Pillmayer-Maurer und Sea-Eye: Das Internet bringt sie zusammen. „Eigentlich habe ich nach Projekten in wärmeren Gefilden gesucht, für die ich mich im Winter engagieren kann“, sagt sie. Sie brauche in der kalten Jahreszeit Wärme und Sonne, „ab November habe ich nur noch die halbe Kraft“. Im Februar dieses Jahres ist sie für Essen und Unterkunft erstmals im Ausland unterwegs, „da habe ich wunderschöne Erfahrungen gemacht“. In Italien hilft sie in etlichen unterschiedlichen Einrichtungen: in einer Schule mit Kindergarten ebenso wie auf einem Bauernhof. „Ich habe auch bei einer Bäuerin mit 500 Olivenbäumen am Hang mitgearbeitet.“ Dann also Sea-Eye, obwohl sie im Sommer eigentlich gar nicht von zu Hause weg wollte. „Aber die suchen jemanden wie mich. Krankenschwestern fehlen auf dem Schiff.“

Aus den zehn Fremden wird rasch ein eingespieltes Team

Nach einem Vortreffen im Juli in Regensburg, bei dem sich das bunt zusammengewürfelte Team kennenlernt, geht es für Gisela Pillmayer-Maurer mit dem Flieger Ende August nach Malta. Die Anreise zum Ablegehafen der Seefuchs bezahlen die Crewmitglieder selbst. „Ich habe die Möglichkeit zu helfen, weil es mir so gut geht – auch materiell“, sagt die 59-Jährige. Das empfindet sie als Privileg: „Viele wollen helfen, können es aber nicht. Vielleicht fehlen ihnen die Mittel, vielleicht die Zeit.“

Zwischendurch bekommt sie aber trotzdem Bedenken: „Ich bin eine Landratte. Außerdem ist die Seenotrettung alles andere als ungefährlich.“ So soll die libysche Küstenwache Anfang August das Schiff einer anderen Nichtregierungsorganisation (NGO) beschossen haben. „Solche Nachrichten sitzen tief, zumal die Stimmung in der Bevölkerung in Bezug auf die Seenotrettung ins Negative geschwappt ist.“ Pillmayer-Maurer spielt damit auf Vorwürfe an, NGOs wie Sea-Eye würden mit Schleppern zusammenarbeiten. Der Vorwurf lautet, sie würden sich nahe an der libyschen Küste positionieren und den Schleppern Lichtzeichen geben – diese würden daraufhin die Flüchtlingsboote losschicken. Sea-Eye-Sprecher Hans-Peter Buschheuer weist derartige Vorwürfe stets zurück, technisch sei dies gar nicht machbar. Gisela Pillmayer-Maurer bestätigt das: „Dieser Vorwurf ist einfach absurd. Vollkommen haltlos.“

An Bord findet sich die Krankenschwester schnell zurecht, aus den zehn Fremden wird rasch ein eingespieltes Team. Tag und Nacht halten sie abwechselnd Wache und ununterbrochen Ausschau nach Flüchtlingsbooten. Die meiste Zeit vergeblich, bis zum 2. September: Die Crew entdeckt das umhertreibende Boot und kann die 16 Männer an Bord retten. „Sie hatten nicht einmal Schwimmwesten, einer war bereits ertrunken.“ Das Team muss in diesem Moment funktionieren: Mit einem kleineren Boot geht es von der Seefuchs zu der Nussschale, in der die Flüchtlinge sitzen. Sie bekommen Trinkwasser und Schwimmwesten. „Der Kapitän veranlasst dann über die Seenotleitstelle in Rom, dass umliegende Schiffe die Flüchtlinge aufnehmen, damit wir weitersuchen können“, sagt Gisela Pillmayer-Maurer. Schließlich kämen die geretteten Menschen in ein Flüchtlingslager im italienischen Salerno. Für viele von ihnen ist das lediglich eine von unendlich vielen Stationen, „manche sind schon jahrelang unterwegs“. Allein auf diesem geretteten Boot seien Männer aus Tibet, Nepal, Bangladesch, Ghana und dem Sudan gewesen. „Kein Mensch weiß, wie diese Menschen zusammen in einem Boot gelandet sind.“

In Salerno wird Gisela Pillmayer-Maurer sich demnächst auch engagieren: „Von November bis Mitte Dezember fahre ich hin.“ Weihnachten und Silvester verbringt sie mit ihrer Familie, „aber im Januar geht es wieder los“. Ihr Mann lässt sie ziehen: Er sei beruflich selbst sehr eingespannt und habe „eine tolerante, wunderbare Art“. Natürlich habe ihre Familie auch Angst um sie. „Aber sie sind gleichzeitig froh, dass es Menschen gibt, denen das Leid nicht egal ist.“

Dass sie auch nochmal aufs Schiff geht, steht für sie fest: „Ich werde es wieder machen.“ Natürlich habe sie die Hoffnung, dass die Krise irgendwann beendet ist und die Seenotrettung obsolet wird. „Aber das ist wohl ein frommer Wunsch.“

Wer weitere Informationen rund ums Thema Seenotrettung und den Einsatz von Gisela Pillmayer-Maurer haben möchte, kann sich mit ihr unter der Telefonnummer 07571/748779 in Verbindung setzen.

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