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Weingarten (Württemberg)
Lokales

Senioren planen WG im Neubaugebiet Kuenstraße

Verein Aufwind hofft auf grünes Licht des Weingartener Gemeinderats
Aktiv im Alter: Hinrich Lemke, Bruni Ivenz, Heide von der Höhe und Harald Schmid (von links) vom Verein Aufwind können sich das Leben in einer Senioren-WG gut vorstellen.
Daniel Drescher

Weingarten sz „Altenheim – das ist für mich ein Horrorgedanke“, sagt Harald Schmid. Der Pensionär, der in der Nähe von Weingarten wohnt, spricht aus, was vermutlich viele ältere Menschen nachvollziehen können. Schaut man in die Gesichter der beiden Frauen und des Mannes, die mit ihm am Tisch sitzen, scheinen sie nachvollziehen zu können, was Schmid drastisch formuliert. Hinrich Lemke konkretisiert, um was es den Senioren geht: „Wir wollen selbstbestimmt zusammenleben, ohne Obrigkeit, die bestimmt, was wir tun.“ Das fange beim Tagesablauf an: „Um 7 Uhr frühstücken – so weit kommt’s noch“, legt Harald Schmid nach. Da müssen auch Bruni Ivenz und Heide von der Höhe schmunzeln, die mit am Tisch sitzen. Sie alle sind Mitglieder des Vereins Aufwind, der es sich zum Ziel gemacht hat, Wohngemeinschaften für Senioren zu fördern. Zwei der nächsten Projekte sollen in Weingarten verwirklicht werden, und auch in Wangen tut sich bald etwas, wenn es nach den Aufwind-Aktiven geht.

Dass sich in Weingarten etwas bewegen soll, haben die Vereinsmitglieder bereits bei einer Infoveranstaltung der Stadt deutlich gemacht. Als es im Februar um das Neubaugebiet in der Kuenstraße ging, machte der Verein sein Interesse deutlich. Im Baugebiet Scherzachwiese plant der Verein eine Senioren-WG. Das Konzept sieht vor, dass jedes Mitglied der Wohngemeinschaft eine eigene Wohnung hat, es aber einen Gemeinschaftsraum gibt. Dieser Raum steht allen Bewohnern zur Verfügung. Aufwind-Vorsitzender Hinrich Lemke stellt sich vor, dass sich die WG-Mitglieder hier treffen können, zusammensitzen, miteinander kochen, essen, gesellig beisammen sein. „Spiele, Gymnastik, Gedächtnistraining – da dämmert niemand vor sich hin“, sagt Lemke. Wer bis ins hohe Alter aktiv und sozial eingebunden sei, komme mit dem Alter besser klar.

Offen auch für junge Mitbewohner

„Zentral ist dabei für mich der Be griff der Wahlfamilie, wie ihn auch Henning Scherf versteht.“ Der frühere Bremer Bürgermeister habe die Idee von Menschen, die sich zusammenfinden, um im Alter gemeinsam aktiv zu sein, bestens auf den Punkt gebracht. Der 74-Jährige hat in seinem Buch „Grau ist bunt. Was im Alter möglich ist“ beschrieben, wie die Wahlfamilie an die Stelle der früheren Großfamilie tritt und wie das Leben mit mehreren Generationen unter einem Dach funktionieren kann.

Dabei ist Hinrich Lemke wichtig, dass die WG nicht nur etwas für ältere Menschen ist: „Wenn es Jungspunde gibt, die mit Gruftis wie uns zusammenleben wollen, sind wir da offen, keine Frage.“ Harald Schmid, der in Weingarten mit in die WG einziehen möchte, bringt beispielsweise seinen Sohn mit: „Meine beiden anderen Kinder sind schon aus dem Haus, aber ich unterstütze meinen Sohn, solange er studiert.“ Rund zwölf Menschen sollen in einem Haus unterkommen, vorstellbar seien drei Paare und sechs Singles. Solange es möglich ist, wollen die Senioren so zusammenleben. Auch für das Quartier soll die WG ein Aktivposten sein. So seien Konzerte oder Lesungen hier denkbar, so Lemke. Die Kuenstraße sei ideal für dieses Projekt.

Bauträger und Finanzierung seien vorhanden, die Partner stünden quasi Gewehr bei Fuß. Gespräche mit der Stadt Weingarten gab es ebenfalls bereits. Der Architekt Dirk Czaban ist in das Projekt involviert. Der Verein Aufwind hat sich um ein Grundstück im neuen Baugebiet Kuenstraße beworben. Nun hoffen die Senioren auf grünes Licht, da vor der Sommerpause keine Entscheidung mehr getroffen werden konnte, was die Mehrgeschosshäuser angeht. Am 25. September solle im Gemeinderat die Entscheidung fallen, so Lemke. Er argumentiert, dass es bereits viele derartige WGs bundesweit gebe.

Dieses Modell sei die richtige Antwort auf aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen in Demografie und Pflege. Vorstellbar wäre, dass die Bewohner den Bau aus eigenen Mitteln finanzieren. Die andere Option: Ein Investor baut das Gebäude und vermietet es komplett an den Verein, die seinerseits dann die Wohnungen an Bewohner vermietet.

Wenn alles gut läuft, sei vorstellbar, dass im Frühjahr 2014 mit dem Bau begonnen werden könnte. „Frühester Einzugstermin könnte dann Mitte 2015 sein“, sagt Lemke, der früher als Geschäftsführer einer Baufirma tätig war und sich dadurch mit der Materie auskennt. Geplant seien auch Infoveranstaltungen für Interessenten.

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