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Laichingen
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Schwere Vorwürfe gegen Pflegeheim

„Keine feste Leitung, keine Wärme“: Pflegebeirat prangert Situation in Laichingen an
Hat Mitleid mit Bewohnern des Laichinger Pflegeheims (im Hintergrund): Helmut Köppe. Er kritisiert die mangelnde Zuwendung den Senioren gegenüber.
Hat Mitleid mit Bewohnern des Laichinger Pflegeheims (im Hintergrund): Helmut Köppe. Er kritisiert die mangelnde Zuwendung den Senioren gegenüber.
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Laichingen sz Geburtstage würden vergessen, Bewohner könnten nicht auf die Toilette: Helmut Köppe, einer der Pflegebeiräte des Pflegeheims, kritisiert die Betreuung der Pflegeheimbewohner in Laichingen. Diese lasse stark zu wünschen übrig, nur mit dem Nötigsten würden diese versorgt. Der Betreiber des Heims, die ADK GmbH für Gesundheit und Soziales, widerspricht, will einzelnen Vorwürfen aber nachgehen.

Sie sind wie eine zweite Familie für ihn. Seit mehr als fünf Jahren kümmert sich Helmut Köppe liebevoll um Bewohner des Laichinger Pflegeheims. Mehrmals die Woche besucht der gebürtige Berliner (72) seine, wie er sagt, „Mädels“ im Wohnbereich „Buche“. Aber natürlich auch die „Jungs“. Ehrenamtlich schenkt er ihnen viel Zeit, spricht mit ihnen, füttert sie, ist für sie da. Umso mehr, sagt er, schmerzten ihn die Zustände, wie sie seit rund einem Jahr an der Feldstetter Straße herrschen würden. Weil keine Besserung in Sicht sei, hat er sich an die Zeitung gewandt.

Niemand liest mehr aus der Zeitung vor

„Die Bewohner sind sehr, sehr traurig“, beklagt Köppe. Man merkt seiner Schilderung an, dass es ihm ans Herz gehen muss. Geburtstage seien vermehrt vergessen worden („unglaublich“, zuletzt bei einem 98-Jährigen), außerdem fänden Veranstaltungen, die früher üblich waren, nicht mehr statt. Köppe ist als gewählter Pflegebeirat Bindeglied zwischen Bewohnerschaft, Angehörigen und der Leitung. Seine Liste an Mängeln ist lang. Sie beziehen sich in erster Linie auf „seinen“ Wohnbereich „Buche“, rund 20 Menschen leben dort. Weitere Wohnbereiche sind die Stationen „Ahorn“, „Eiche“ und „Linde“.

Früher, so Köppe, sei den Bewohnern regelmäßig aus der Zeitung vorgelesen worden. Jetzt nicht mehr. Dabei würden sich die Bewohner sehr dafür interessieren, was in Laichingen und in der Welt gerade los ist. Neue Bewohner würden auf der Station außerdem nicht mehr vorgestellt, und von derlei „Kleinigkeiten“ gebe es eine Vielzahl zu bemängeln. Es herrsche, so Köppe, in vielen Bereichen, ein eklatanter Mangel an Wärme. Es fehle an Zuneigung, Freundlichkeit, Aufmerksamkeit; dabei koste ein Lächeln doch nichts, stellt der 72-Jährige fest und ergänzt: „Es tut mir so weh, wie hilflos unsere Bewohner sind.“ Und ängstlich – denn viele hätten Angst, sich zu beklagen. Sie könnten dann ja benachteiligt werden vom Pflegepersonal.

Betreiber schildern die Sache anders

Auch rein „pflegerisch“ hat Köppe Fehler ausgemacht. So habe ein Bewohner während des Frühstücks dringend zur Toilette gemusst, dies sei ihm allerdings vom Pflegepersonal verwehrt worden mit dem Hinweis, dass dies während des Frühstücks nicht möglich sei.

Was sagt die ADK GmbH für Gesundheit und Soziales dazu, der kreiseigene Betreiber des Pflegeheims?

Den Hauptvorwurf, die Bewohner würden nur abgefertigt, lässt sie auf Anfrage der SZ nicht stehen. „Eine zugewandte und liebevolle Betreuung – vorausgesetzt der Bewohner lässt das zu – ist für unsere Mitarbeiter ein selbstverständlicher und fester Bestandteil unseres Betreuungskonzepts“, heißt es. Und womöglich liege es an der für viele Bewohner „emotional sehr hoch besetzten“ Weihnachtszeit und dem Jahreswechsel, dass es hier „die ein oder andere betrübte oder gedrückte Stimmung“ gibt. Dies könne man nicht ausschließen. Aufgreifen wolle man allerdings den Vorwurf des verwehrten Toilettengangs. „Ein solches Verhalten ist uns nicht bekannt und auch nicht üblich“, so die ADK GmbH. Sollte dies aber so vorgefallen sein, werde dies „unverzüglich“ im Pflege- und Betreuungsteam thematisiert und „abgestellt“.

Ansammlung von Ausreden

Befriedigend fällt die weitere Antwort des Pflegeheimbetreibers auf die Vorwürfe, der auch noch in Blaubeuren, Blaustein, Dietenheim, Ehingen, Erbach, Schelklingen und Wiblingen Einrichtungen hat, für Helmut Köppe aber nicht aus. Für ihn liest sich diese wie eine Ansammlung von Ausreden, die auch noch falsch seien. Laut ADK würde den Bewohnern bei Geburtstagen nämlich „ausnahmslos gratuliert“, es werde gesungen und ein Geschenk überreicht. Kopfschütteln bei Köppe. Auch würden alle neuen Bewohner, wenn sie dies wollten, offiziell begrüßt und vorgestellt. „Stimmt aber nicht“, sagt wiederum Köppe.

Die Ursache der aus seiner Sicht herrschenden Missstände macht Köppe daran fest, dass das Pflegeheim seit Juli 2017 keine feste Leitung habe. Deshalb fehle „Struktur“, auch seien Mitarbeiter-Fluktuation und Krankheitsstand hoch. Wieder widerspricht die ADK. Das Seniorenzentrum (gemeint ist das Pflegeheim, außen vor ist die städtische Seniorenwohnanlage) sei „zu keinem Zeitpunkt ohne feste Leitung“ gewesen. Seit sieben Jahren werde es von Birgit Jäger geleitet, davor viele Jahre von Wolfgang Schneider, dem aktuellen Geschäftsführer der Pflegeheim GmbH Alb-Donau-Kreis. Was sich aber nicht ausschließen lassen – „bei keiner Berufsgruppe“ – seien „krankheits- oder kündigungsbedingte Ausfälle von Mitarbeitern“. Und Mitte des vergangenen Jahres sei es im Präsenzbereich „tatsächlich“ mühsam gewesen, die Stellen ausscheidender Mitarbeiter neu zu besetzen. Diese Situation sei jedoch „von kurzer Dauer“ gewesen und „konnte gut überbrückt werden“. Und noch mehr: Heute liege man in Laichingen „sogar wieder leicht über dem mit den Kostenträgern vereinbarten Personalschlüssel“. Außerdem verweist die ADK darauf, dass der Personalschlüssel im Pflegebereich „vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen wie auch von der Heimaufsichtsbehörde kontrolliert wird“. Die Fluktuation sei im Vergleich zu den anderen Seniorenzentren der Unternehmensgruppe nicht auffällig.

Köppe will weiterkämpfen

Wo die ADK Helmut Köppe Recht gibt: Dass zuletzt Veranstaltungen, vor allem wohnbereichsübergreifende (Reha-Sport, Gottesdienste, Donnerstagsfrauen) ausgefallen seien. Dies aber auf Grund der festgestellten Krätze (siehe Kasten). Die Weihnachtsfeier hätte, anders als von Köppe dargelegt, stattgefunden. „Pfarrer Michael Buck hat am Heiligen Abend auf jedem Wohnbereich eine Andacht gehalten, vom Posaunenchor umrahmt, mit Weihnachtsliedern.“ Köppe wiederum hat andere Informationen. Und zumindest auch zwei Bewohner, die er und die SZ am Donnerstag zufällig vor Ort treffen, können sich an eine Weihnachtsfeier nicht erinnern.

Ihm gehe es ausschließlich „um die Menschen im Pflegeheim“, sagt Helmut Köppe. Deshalb wolle er weiterkämpfen, weiter Besuche machen. Er hoffe, dass sich die Betreuung in Laichingen bessert. Für ihn stehe trotzdem fest: In ein Pflegeheim werde er sich persönlich als Bewohner nie begeben. „Niemals“, sagt er – halb entschlossen, halb erschrocken – auf die Frage der SZ.

Ende Dezember wurde bei Bewohnern des Pflegeheims die Krätze im festgestellt, eine Hauterkrankung. Es wurden Schutzmaßnahmen ergriffen, da die Ansteckungsgefahr hoch ist. Mittlerweile ist die ADK GmbH für Gesundheit und Soziales aber „zuversichtlich“, die Krätze eingedämmt zu haben. Ob neue Fälle aufgetreten sind, könne aber noch nicht abschließend beurteilt werden, weil die Inkubationszeit (sechs Wochen) noch nicht verstrichen ist. Der Auslöser ist unklar.

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