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Schauspieler bringt Büchner ins Klassenzimmer

Theater bringt Schülern am Montfort-Gymnasium die großen, existenziellen Fragen nahe
Schauspieler Jörg Bruckschen am Montfort-Gymnasium Tettnang im Stück „büchner.die welt.ein riss“: hier als Woyzeck mit umgehängter Leine.
Schauspieler Jörg Bruckschen am Montfort-Gymnasium Tettnang im Stück „büchner.die welt.ein riss“: hier als Woyzeck mit umgehängter Leine.
Mark Hildebrandt

Tettnang sz Theater hat oft mit Distanz zwischen Publikum und Inszenierung zu tun: Nicht so am Freitag beim Auftritt des Schauspielers Jörg Bruckschen vom „TheaterMobileSpiele“ aus Karlsruhe im Montfort-Gymnasium Tettnang. Dort wurde beim Stück „büchner.die welt.ein riss.“ von Regisseur Thorsten Kreilos der Klassenraum bei zwei Aufführungen selbst Bühne für den Blick in die Schaffens-, Ideen- und Seelenwelt des Vormärz-Autors Georg Büchners. Nah daran: die Schüler.

Nun ist das Risiko bei solchen Aufführungen immer groß, dass der Blick wiederholt zur Uhr geht, dass die Tuschelei mit dem Nachbarn beginnt oder dass das Mobiltelefon in der Hand mehr Aufmerksamkeit bekommt als die Veranstaltung. Hier ließ Jörg Bruckschen den Schülern gar keine Chance. Zur Nähe im Raum kam nämlich ein intensives Spiel hinzu, eine Ein-Mann-Schau mit einem Parforceritt durch verschiedenste Rollen von Danton zu Robespierre zum braven Soldaten Woyczek. Immer wieder mit direktem Blickkontakt, mal wimmernd, mal bestimmt.

Tücher und eine Guillotine

Dabei baute Bruckschen im Spiel nach und nach das Bühnenbild auseinander. Zu Beginn steckte er hinter einem großen Tuch: Kopf und Hände zeichneten sich in seinen verschiedenen Rollen nur darin ab. Am Ende blieben schwarze Kunststoffvorhänge und einige Holzständerkonstruktionen übrig, in der Mitte des Raums stand eine schwarz lackierte Kiste zuletzt mit einer aufgesetzten Guillotine, scheinbar achtlos in die Ecke geworfene Tücher ergaben die Farbe der französischen Flagge.

Doch obwohl das Büchnerdrama „Dantons Tod“, das in der Zeit der französischen Revolution spielt, als Hauptbezugspunkt im Zentrum der Inszenierung stand, waren die Zeilen auch anderen Werken wie Woyzek oder auch Briefen entlehnt. Ein Hauptthema: die Zerrissenheit der Charaktere Büchners, die Vielfalt der Eigenschaften des Menschen, der böse und gut zugleich sein kann, die Auseinandersetzung mit Leben, Tod und Glauben. 60 Minuten voller existenzieller Fragen, die den Bogen von der Geburt bis hin zum Tod an der Guillotine schlugen und kein großes Thema ausließen.

Packendes Schauspiel

Theater lebt dabei immer wieder auch von Grenzüberschreitungen, die sich bei dieser Inszenierung aber die Waage hielten. Dass am Ende eine Puppe mit dem Fallbeil geköpft wurde, war beispielsweise ein Effekt, der sicherlich manchen Zuschauer kurz stocken ließ, packender und berührender war aber insgesamt die Leistung Bruckschens.

Ob die Kritik Büchners an den damaligen gesellschaftlichen Umständen auch heute noch Bestand habe oder welche Bedeutung diverse Kulissen- oder Garderobenelemente hätten – die interessierten Fragen der Schüler beantwortete Regisseur Kreilos in der kurzen Runde nach der Aufführung manchmal vielleicht etwas ausschweifend, auf jeden Fall aber kundig.

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