33
Schwäbische.de Schwäbische.de
Wolkig 19
Ravensburg
Lokales

Ravensburger Markt verbietet Glaubenssymbole

Müller-Markt verbietet Mitarbeitern Kettchen mit Kruzifixen – Rechtsprechung zwiespältig

Abnehmen müssen gläubige Christinnen ihr Halskettchen mit Kruzifix, wenn sie bei Müller-Markt in Ravensburg arbeiten. Die Drogeriemarktkette mit Sitz in Ulm nimmt dazu keine Stellung.
Abnehmen müssen gläubige Christinnen ihr Halskettchen mit Kruzifix, wenn sie bei Müller-Markt in Ravensburg arbeiten. Die Drogeriemarktkette mit Sitz in Ulm nimmt dazu keine Stellung.
Peer Grimm/dpa

Ravensburg sz In einem Müller-Markt in Ravensburg ist den Verkäuferinnen und Kassiererinnen offenbar untersagt worden, religiöse Symbole zu tragen. Speziell Halskettchen mit Kreuz. Dürfen Arbeitgeber ihren Mitarbeitern das verbieten? Oder verstößt eine solche Anordnung gegen die Religionsfreiheit, die in Artikel 4 des Grundgesetzes garantiert ist?

„Ein unhaltbarer Zustand, die persönliche Freiheit so einzuschränken“, regt sich ein der Redaktion namentlich bekannter Mann aus Ravensburg auf, der die „Schwäbische Zeitung“ über das Kruzifix-Verbot informierte, nachdem eine Bekannte von ihm, die in einem Müller-Markt arbeitet, „zu eingeschüchtert“ sei, um sich selbst zu melden.

Bei einem Besuch im entsprechenden Markt ist tatsächlich zu sehen: Viele Mitarbeiterinnen tragen Ketten, manche auch mit Anhängern wie Herzchen und dergleichen, keine hat jedoch ein Kreuz an. Auf die Frage, ob es stimmt, dass religiöse Symbole bei der Arbeit verboten sind, nickt eine Kassiererin, will aber weiter nichts zu dem Thema sagen.

Von der Müller-Markt-Zentrale in Ulm gibt es kein Dementi, aber auch keine Begründung. „Nach Rücksprache mit unserer Geschäftsführung muss ich Ihnen nun mitteilen, dass wir zu Ihrer Anfrage keine Stellung beziehen. Wir bitten um Verständnis“, schreibt eine Assistentin der Geschäftsführung nach mehrmaligem Nachhaken telefonisch und per Mail. Recherchen der „Schwäbischen Zeitung“ ergaben aber, dass es ein solches Kruzifix-Verbot in Müller-Filialen in Friedrichshafen, Aalen und Tuttlingen nicht gibt. Am Mittwochabend hat sich das Unternehmen auf seiner Facebook-Seite dann überraschend doch geäußert. Das Social-Media-Team teilte mit: „Ein Verbot zum Tragen von Kruzifixen entspricht nicht der Haltung unseres Unternehmens. Die Müller-Unternehmensgruppe vertritt und lebt stets eine religiöse Neutralität.“

Doch ist es Arbeitgebern überhaupt erlaubt, die Religionsfreiheit so weit einzuschränken? Daran scheiden sich die Geister, denn es gibt viele Gerichtsurteile, die auf den jeweiligen Fall bezogen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

„Das Tragen von Glaubenssymbolen wie Kreuzen oder von Kopftüchern am Arbeitsplatz sorgt immer wieder für Diskussionen“, heißt es aus der Rechtsabteilung der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK) auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“. Gesetzlich sei diese Frage nicht geregelt. Daher gebe es nur die unterschiedlichen Entscheidungen der Arbeitsgerichte zur Orientierung.

Grundsätzlich gelte: Der Unternehmer darf den Auftritt gegenüber den Kunden selbst gestalten, darunter können auch Kleidungsvorschriften und Verhaltensweisen gegenüber dem Kunden gehören. Der Mitarbeiter hat aber gleichzeitig das Recht, seine Religion auszuüben und entsprechende Glaubenssymbole zu tragen. „Diese widerstreitenden Interessen müssen in jedem Einzelfall abgewogen werden. Hierbei spielt die Tätigkeit des Unternehmens eine entscheidende Rolle“, so die IHK.

Vorgaben können weit gehen

Ist Teil der Unternehmensphilosophie eine bestimmte Weltanschauung, können die Vorgaben des Arbeitgebers weiter gehen. So hat beispielsweise das Bundesarbeitsgericht (BAG) im Jahr 2014 entschieden, dass die Evangelische Kirche einer Arbeitnehmerin verbieten kann, ein Kopftuch zu tragen.

Ganz anders ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte aus dem Jahr 2013, das eine Stewardess bei British Airways betraf: Die Bekleidungsvorschriften der Fluggesellschaft regelten, dass sie ihren Schmuck unter der Uniform zu verbergen habe. So sollte ein einheitliches Erscheinungsbild des Unternehmens gegenüber den Kunden sichergestellt werden. Die Mitarbeiterin wollte aber als Ausdruck ihres Glaubens ein kleines, silbernes Kreuz sichtbar an einer Halskette tragen. Ihr Arbeitgeber untersagte ihr dies, verlor aber vor dem höchsten europäischen Gericht.

Derzeit verhandelt der EuGH einen Fall aus Belgien, bei dem eine Muslima ihrer Tätigkeit als Rezeptionistin nur mit Kopftuch nachgehen wollte, was ihr der Arbeitgeber verboten hat. Die Generalanwältin des EuGH hält ein solches Verbot in der privaten Wirtschaft für zulässig, wenn es auch für christliche Kreuze und dergleichen gelte. Eine Entscheidung steht noch aus. „Bis zur Entscheidung des EuGH sollten Unternehmen bei zu erwartenden Konflikten zurückhaltend agieren“, empfiehlt die IHK deshalb.

Es kann im Übrigen auch positiv sein, wenn in der Belegschaft viele unterschiedliche Kulturen vertreten sind. Beispiel Oberschwabenklinik (OSK). „Bei Patienten mit Migrationshintergrund ist es ein Riesenvorteil, wenn jemand ihre Sprache spricht oder sogar aus dem gleichen Kulturkreis kommt“, sagt Klaus Kalmbach von der OSK-Pressestelle. „Vorschriften macht die OSK diesbezüglich nicht. Wenn eine Mitarbeiterin aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen will, dann darf sie das auch“, so Kalmbach.

Halsketten müssten allerdings prinzipiell unter der Dienstkleidung getragen werden. „Aus hygienischen Gründen“, betont Kalmbach. Gleiches gelte für weltliche Krawatten.

Hygienische Gründe spielen im Ravensburger Müller-Markt aber vermutlich keine Rolle, denn Ketten an sich wurden ja nicht verboten. Sind jetzt Klagen zu erwarten? „Es kommt drauf an, wie wichtig es für einen persönlich ist“, meint der Ravensburger Fachanwalt für Arbeitsrecht Berthold Traub. „Aufwand und Ertrag sollten in einer vernünftigen Relation zueinander stehen“, rät er zur Vorsicht. „Eine Klage gegen den Arbeitgeber vergiftet das Verhältnis nachhaltig. Vor allem, wenn der Arbeitnehmer sie gewinnt.“

Umfrageergebnis
Müller-Markt verbietet Mitarbeitern Kettchen mit Kruzifixen.
Halten Sie das Verhalten der Drogeriemarktkette Müller für richtig?
7%
Ja, Glaubenssymbole gehören nicht in die Öffentlichkeit.
82%
Nein, christliche Symbole sind Teil unserer Kultur.
11%
Nein, jeder sollte seinen Glauben auch öffentlich zur Schau stellen dürfen.

Ihr Kommentar zum Thema
Kommentare (33)
33
Beitrag melden

Dann klären sie mich auf, was ich nicht begreife.

Bitte geben Sie den Grund der Meldung ein:

Bitte geben Sie mindestens 10 Zeichen ein!
32
Beitrag melden

Zu31: Sie begreifen es nicht.

Bitte geben Sie den Grund der Meldung ein:

Bitte geben Sie mindestens 10 Zeichen ein!
31
Beitrag melden

Nochmal: Wenn keine Glaubenssymbole (und eine schwarze Hose ist kein Glaubenssymbol, oder welche Religion hat eine schwarze Hose als Symbol?) getragen werden dürfen, wird auch kein Kopftuch getragen. Das ist doch einfach. mehr

Bitte geben Sie den Grund der Meldung ein:

Bitte geben Sie mindestens 10 Zeichen ein!
30
Beitrag melden

Zu Nr. 27: Klar hat das Rote Kreuz nichts mit "Glauben in der Öffentlichkeit" zu tun; das wird ja auch gar nicht behauptet. Es geht lediglich um die Aussagen von Nr. 23: "(...) Glaubenssymbole haben in der Öffentlichkeit nichts verloren. (...)" sowie Nr. 21: "(...) Wenn ich in ein Geschäft gehe um einzukaufen, möchte ich in keiner Weise mit irgendwelchen Glaubensaussagen belästigt werden. (...) Ich möchte auf keinen Fall mit deren jeweiligen Religionen belästigt werden, in welcher Form auch immer. (...)"
Wenn sich diese Personen von Nr. 21 und 23 schon beim Anblick eines kleinen Kreuzchens an einer Halskette belästigt fühlen, was muss dann wohl der Anblick des Roten Kreuzes für ihn/sie auslösen?
Echte Belästigung ist's doch bloß, wenn jemand gegen seinen Willen in Gespräche über Glaubensfragen etc. hineingezogen wird.
Also das Leben kann schon ein bissle mühsam werden, wenn jemand ständig darauf achten muss, ja kein Kreuz, kein Kopftuch, keinen Halbmond oder so was anschauen zu müssen. Ach Leute, entspannt euch einfach wieder!
mehr

Bitte geben Sie den Grund der Meldung ein:

Bitte geben Sie mindestens 10 Zeichen ein!
29
Beitrag melden

zu 27: Was ein Glaube mit einer schwarzen Hose zu tun hat? Folgendes:
Sowohl was für eine Hose ich trage als auch was für einen Glauben ich habe ist meine Privatsache. So wie ich meine Hose in der Öffentlichkeit trage kann ich meinetwegen auch ein Kreuzchen als Ausdruck meines Glaubens in der Öffentlichkeit tragen. Das ist meine Privatsache. Wenn ich das nicht mehr darf um zu verhindern das andere als Ausdruck ihres Glaubens auch kein Kopftuch tragen dürfen, nun dann scheint hier inzwischen einiges aus dem Ruder zu laufen. mehr

Bitte geben Sie den Grund der Meldung ein:

Bitte geben Sie mindestens 10 Zeichen ein!
28
Beitrag melden

Ja und? Braucht man ja nicht einzukaufen.

Bitte geben Sie den Grund der Meldung ein:

Bitte geben Sie mindestens 10 Zeichen ein!
27
Beitrag melden

Zu 26 und 25. Was hat ein Glaube mit dem Roten Kreuz und mit einer schwarzen Hose zu tun? Im Roten Kreuz bin ich selber Mitglied und eine schwarze Hose besitze ich ebenso? Hat doch alles nicht mit Glauben in der Öffentlichkeit zu tun.
Wenn Glaubenssymbole in einem Laden erlaubt sind, dann dürfen auch Kopftücher getragen werden. Wenn das Eine nicht erlaubt ist, kann auch das Andere nicht gefordert werden. Denkt mal darüber nach. mehr

Bitte geben Sie den Grund der Meldung ein:

Bitte geben Sie mindestens 10 Zeichen ein!
26
Beitrag melden

Zu 21 und 23: Und was machen Sie, wenn Sie einen Unfall hatten oder schwer erkrankt sind, und der Sanka vom Roten Kreuz sollte Sie dringend ins Krankenhaus fahren???? Weder vom Roten Kreuz noch z.B. von einem Gipfelkreuz wird man irgendwie "von einer Religion belästigt". Und ob die Sanitäter erst in der Freizeit sein müssen, um Sie holen zu dürfen, wagen wir dann doch sehr zu bezweifeln (und in Ihrem Sinne wäre es garantiert auch nicht, gelle?). Also immer schön den Ball flach halten und nicht gleich in Hysterie verfallen! mehr

Bitte geben Sie den Grund der Meldung ein:

Bitte geben Sie mindestens 10 Zeichen ein!
25
Beitrag melden

Zu 23: auch wenn diese Symbole in der Öffentlichkeit getragen werden, ändert das nichts daran, dass Religion Privatsache ist. Wenn ich eine schwarze Hose in der Öffentlichkeit trage ändert das nichts daran, dass das tragen der schwarzen Hose meine Privatsache ist. Um zu beweisen, dass das Tragen meiner schwarzen Hose Privatsache ist, werde ich wohl kaum gezwungen sein, meine schwarze Hose nur im Keller bei verschlossenen Türen und abgedunkelten Fenster tragen zu dürfen. mehr

Bitte geben Sie den Grund der Meldung ein:

Bitte geben Sie mindestens 10 Zeichen ein!
24
Beitrag melden

Jesus Christus starb am Kreuz für unsere Sünden. Am 3. Tag ist er von den Toten auferstanden. Deshalb ist das Kreuz leer und erinnert uns an diese Tat. Jeder der dies glaubt, soll nicht verloren gehen! Es kommt nicht darauf an, ein Kreuz um den Hals zu tragen, wer es aber tun möchte, sollte nicht daran gehindert werden, auch nicht von einem "Chef". mehr

Bitte geben Sie den Grund der Meldung ein:

Bitte geben Sie mindestens 10 Zeichen ein!

 
URL: http://www.schwaebische.de/region_artikel,-Ravensburger-Markt-verbietet-Glaubenssymbole-_arid,10489553_toid,535.html
Copyright: Schwäbisch Media Digital GmbH & Co. KG / Schwäbischer Verlag GmbH & Co. KG Drexler, Gessler. Jegliche Veröffentlichung, Vervielfältung und nicht-private Nutzung nur mit schriftlicher Genehmigung.
Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an online@schwaebische.de.