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Lindau (Bodensee)
Lokales

Pure Spielfreude zur Paul-Klee-Ausstellung

Casal-Quartett musiziert am „Haus zum Cavazzen“ wie Fohlen, die nach dem Winter auf die Weide dürfen
Das Casal-Quartett begeistert im Cavazzen-Innenhof mit ihrer Matinee „Bach ist mein Gott, Mozart mein jugendlicher König“.
Das Casal-Quartett begeistert im Cavazzen-Innenhof mit ihrer Matinee „Bach ist mein Gott, Mozart mein jugendlicher König“.
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Lindau sz Einem renommierten Streichquartett wie dem Casal-Quartett passiert es nicht oft, dass ihm das Publikum praktisch auf dem Schoß sitzt – so wie bei der Matinee im ausverkauften Brunnenhof des Cavazzen. Die Musiker genossen diese Nähe, weshalb das Rahmenprogramm zur Paul Klee-Ausstellung einen würdigen Auftakt erlebte.

Felix Froschhammer und Rachel Späth (beide Violine), Markus Fleck (Viola) und sein Zwillingsbruder Andreas am Violoncello haben bereits enge Kontakte zu Lindau. Dank Andreas Warmbrunn, der die Konzertreihe des Kulturamtes kuratiert, ist es überhaupt möglich, dass Stars der Klassikszene finanzierbar nach Lindau kommen.

Lindaus Atmosphäre lockt

Der Trick war da ein ganz einfacher, wie Warmbrunn dem Publikum am Sonntagmorgen verriet: Nach einer Reihe von Konzerten in der Schweiz, bei denen die Musiker ihre übliche Gage erhielten, hätten sie für kleines Salär noch ein Konzert in Lindau angehängt. Niemand habe erwartet, dass sie unbedingt auch in hier spielen wollten. Die Atmosphäre des Stadttheaters und das Lindauer Publikums habe sich offensichtlich herumgesprochen.

Das Casal-Quartett hatte sich zuvor ausgiebig über Paul Klee informiert. Dieser war selbst ein versierter Geiger, der sich zeitweise mit der Musik und Musikkritiken finanziell über Wasser hielt. Trotzdem wählte er die bildende Kunst, da er in der Musik keine Zukunft mehr sah. Der Zenit sei für ihn mit der Romantik überschritten gewesen, infomierte Bratscher Andreas Fleck das interessierte Publikum. Und getreu dem Klee-Zitat „Bach ist mein Gott, Mozart mein jugendlicher König“ erschienen diese beiden nebst Franz Schubert auf dem Programm mit musikalischen Schwergewichten.

Bachs Goldberg-Variationen sind für ein zweimanualiges Instrument wie dem Cembalo geschrieben. Einem Koreaner ist zu verdanken, dass es dieses für Musiker wie Zuhörer schwierige Werk auch für Streichquartett gibt. Das Casal-Quartett hatte sich für Lindau sieben Variationen ausgesucht. Mit diesen Ausschnitten des Variationswerkes kamen die Vorteile, die das Streichquartett gegenüber einem Cembalo klanglich hat, gut zum Tragen. Einerseits fast spröde, zerbrechliche Stimmführungen – oftmals nur im Trio – andererseits Passagen, bei denen die Spielfreude der vier Musiker schon mal aufblitzte. Und für eine Matinee war diese Selektion von Variationen durchaus genügend, denn das gesamte Werk dauert fast anderthalb Stunden.

Die Spielfreude des Quartetts, die sich mit einer Herde Fohlen, die erstmals nach einem langen Winter auf die Weide dürfen um sich richtig auszutoben, vergleichen lässt, fand beim Dissonanzenquartett von Wolfgang Amadeus Mozart reichere Nahrung.

Dieses Werk stellt einen absoluten Höhepunkt in der Literatur für Streichquartette dar und nimmt in seiner Einleitung die Kunst Bachs auf, die Auflösung harmonischer Dissonanzen extrem weit hinauszuzögern. Das Werk ist dem Casal-Quartett auf den Leib geschrieben. Hier lebte es seine ganze Bandbreite aus, von virtuoser Fröhlichkeit bis zu leisen, feinen Passagen. „Der Tod und das Mädchen“ ist eigentlich nicht ein Thema für eine sonnige Sonntagsmatinee, aber für die Schweizer Musiker in Bezug auf Paul Klee ein absolut stimmiges. Dieses späte Quartett Franz Schuberts führt den Zuhörer durch alle Höhen und Tiefen eines Seelenlebens.

Quartett stürmt durch Partitur

Lag es an der immer stärker wärmenden Sonne oder dem Pausenkaffee, der den Herzschlag beschleunigte? Wie auch immer, das Quartett stürmte durch die Partitur als sei das Weihwasser hinter dem Teufel her, was später auch der Primarius des Quartetts, Felix Frischhammer einräumte: „Das war einfach zu schnell“. Oder, um im Bild der Fohlen zu bleiben, da hatten sie sich vergaloppiert.

Doch den sympathischen Musikern verzeiht man das gerne einmal, denn sie haben wiederholt gezeigt, dass sie musikalischen Tiefgang lieben und können und sich nicht nur im virtuosen Spiel baden. So aber waren sie einfach ein wenig früher fertig und fingen ihren Ausbruch mit der Zugabe selbst ein: ganz ruhig, ganz getragen, filigran, fast spröde schloss der Beginn der Goldberg-Variationen das Konzert.

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