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Prominentes Plädoyer gegen die Angst vor der Zukunft

Der Zukunftsforscher Matthias Horx widerspricht Katastrophenszenarien

Laupheim sz „Optimismus ist etwas Gefährliches.“ „Pessimusmus ist ein teufliches Gift“. Oder auch: „Es gibt ein inneres Bedürfnis nach Katastrophen.“ Mit Aussagen wie diesen hat der Zukunftsforscher Matthias Horx am Dienstagabend in Laupheim sein Publikum konfrontiert – und auch verblüfft. Er war im Kulturhaus angetreten, so sagte er selbst, um Menschen die Angst vor der Zukunft zu nehmen, eine Angst, die gerade in Deutschland sehr weit verbreitet sei, wie weltweite Umfragen ergeben hätten.

Matthias Horx möchte „einen Gegenentwurf zu negativen Darstellungen“ liefern. Mit diesen Worten führte Sabine Zolper als Leiterin der Volkshochschule Laupheim den Referenten ein. Denn in ihrer Themenreihe zu Medien stellte man fest, dass Katastrophenszenarien weit verbreiteter seien: „Da hätten wir Themen ohne Ende finden können.“ Der Zukunftsforscher solle aufzeigen, dass es auch andere Sichtweisen geben kann.

Die wachsende Präsenz von Katastrophen sei kein Zufall, erklärte Matthias Horx eingangs seines Vortrag. Der Referent stellte einen Zusammenhang her zwischen wachsender Zukunftsangst und dem Hang der Massenmedien, katastrophale Botschaft groß darzustellen, relativierende oder positive Nachrichten dagegen gar nicht oder klein zu verbreiten. Er wolle keine Medienschelte betreiben, erklärte der frühere „Zeit“-Journalist, aber diese Art zur Befriedigung eines verbreiteten Leser-Bedürfnisses sei mit ein Grund, warum sich ein negativeres Bild verfestigt habe, als die Gesellschaft sie tatsächlich bietet. Die These vom falschen Bild zu untermauern, fragte er im Publikum nach, wie viele Morde es 2015 wohl in Deutschland gegeben habe. Die Schätzungen lagen meist bei 2000. Tatsächlich seien es 296 gewesen – aber in Kriminalfilmen insgesamt über 12 000. Weltweit sei die Kriminalitätsrate am Sinken, meinte Horx – ganz im Gegensatz zum Gefühl der Westeuropäer. Sein Schluss: „Wir leben in einer Zivilisation mit Angststörung.“

Weniger Analphabeten

Tatsächlich gebe es eine Reihe weiterer Indikatoren, die entgegen dem verbreiteten Gefühl für spürbare Verbesserungen sprechen: Die weltweite Analphabeten-Rate liege nicht wie vermutet bei 20 bis 40 Prozent, sondern bei 19, und 92 Prozent der Kidner weltweit gingen zur Schule. Die Kindersterblichkeit schrumpfe, die Ernährungssituation werde allen Unkenrufe zum Trotz besser. Während die globale Armut abnehme, wachse eine Mittelschicht. Auch die Zahl der Geburten nehme ab, so dass sich heute absehen lasse: Bei 10,5 Milliarden Menschen werde die Weltbevölkerung stagnieren – und die könnten ernährt werden.

Auch in Deutschland sehe die Situation besser aus, als meist diskutiert werde. Statt abzunehmen, sei bei aller Automatisierung die Zahl der Arbeitsplätze in Deutschland gestiegen, erklärte er – und bemühte Statistiken, die jüngst im politischen Wahlkampf allerdings je nach Ausrichtung unterschiedlich diskutiert wurden. Sein Schluss auch hier: Überzogener Pessimismus sei unangebracht. Eher Optimismus helfe weiter. „Wir leben in einem der wohlhabendsten Länder. Wir sollten uns nicht schämen, sondern schauen, dass wir andere daran teilhaben lassen.“

Zwischen den Extremen eines fahrlässigen Optimismus’, wie er vor Jahren die weltweite Finanzkrise ermöglicht habe, und eines „teuflischen“ Pessimismus’, der Beziehungen wie Entwicklungen lähme und nur den Populisten helfe, riet Matthias Horx zu einem praktikablen Mittelding fürs eigene Leben: „Possibilismus“. Es sei doch viel möglich im Leben, meinte er: „Ich denke an die Möglichkeiten.“

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