Schwäbische.de Schwäbische.de
Bedeckt 12
Tettnang
Lokales

„Probleme jahrzehntelang ignoriert“

Bundestagsabgeordnete Annette Groth spricht über Flüchtlingsursachen in St. Gallus

Tettnang sz Bundestagsabgeordnete Annette Groth ist auf Einladung der attac-Gruppe Tettnang zu Gast im katholischen Gemeindezentrum St. Gallus in Tettnang gewesen und hat über das Thema „Fluchtursachen in Afrika wirksam bekämpfen“ gesprochen. „Teufelskreise sind bei uns nicht mehrheitsfähig bei Wahlen“, sagte die Bundestagsabgeordnete der Linken und menschenrechtspolitische Sprecherin ihrer Fraktion.

Als einen solchen Teufelskreis umschrieb sie die vielfältigen Bedrohungen für die Lebensexistenz der Menschen im Nachbarkontinent Afrika, was zur wachsenden Migration nach Europa führt. Die früheren Kolonialmächte in Europa und in den USA hätten afrikanische Länder im vorigen Jahrhundert zwar in die Unabhängigkeit nach und nach entlassen. Doch sei es ihnen nicht gelungen, „good governence“(geordnete demokratische und recht-staatliche Strukturen) auf dem afrikanischen Kontinent zu verankern. Schlimmer noch: Die korrupten Staatenlenker seien willfährige Partner bei den unseligen Verhandlungen um diverse Freihandelsabkommen, die Europa Wohlstand und Wachstum sichern helfen, den bäuerlichen Familien in Afrika aber zusehends die Lebensgrundlagen zerstörten. Annette Groth war in den 90er-Jahren selbst bei der UN-Flüchtlingsbehörde UNHCR in Genf tätig und hat seither viele Regionen und Flüchtlingslager in Afrika und im Vorderen Orient be-sucht. Man spreche von Entwicklungshilfe, bei der nur das Vermögen reicher Investoren und Handelskonzerne entwickelt werde, aber garantiert nicht die Existenz der Menschen, die heute von immer größeren Hungerkatastrophen in der Sahelzone und anderswo bedroht würden. Hinzu kämen, so Groth, kriegerische Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Stämmen im Überlebenskampf um Wasser und Anbaugebiete.

„Was hat der gegenwärtige Abgas-Skandal der deutschen Automobil-Industrie mit der wachsenden Migration aus Afrika nach Europa zu tun ?“ fragte die Politikerin, die für den nächsten Bundestag nicht mehr kandidiert, die rund 50 Zuhörer. Einen Zusammenhang erkennt sie bei den nicht wirklich reduzierten CO2-Emmisionen aus dem Auto-Verkehr, aber auch aus der Kohleverstromung und der Industrieproduktion in Europa, was dazu führe, dass etwa der Kilimandscharo in Kenia bald vollkommen gletscherfrei sein wird, mit der Folge, dass die ganze umliegende ostafrikanische Region kein Wasser für das Vieh mehr bekomme. Europäische und US-Lebensmittelkonzerne enteigneten in immer stärkerem Maße die Landbevölkerung und vertrieben sie von ihrem Land. Afrika werde „zugemüllt“ mit den Verwertungsresten aus dem europäischen Geflügelhandel und mit unserem Elektronikschrott. „Diese Probleme haben wir jahrezehntelang leichtfertig ignoriert und sehen jetzt eine Bedrohung auf uns zu kommen, auf lebensgefährlichen Fluchtwegen übers Mittelmeer“, mahnte Groth. Wer Obergrenzen für die Migration nach Europa durchsetzen wolle, so die Bundestagsabgeordnete, müsse erst einmal über eine „Obergrenze“ für ein Konglomerat von Fluchtursachen nachdenken. Dazu gehöre die wachsende Perspektivlosigkeit vieler selbst akademisch gebildeter junger Afrikaner. Und wer den Kleinfischern im Senegal mit großen Trawler-Fangschiffen auch aus Deutschland die Lebensgrundlagen fortwährend entziehe, trage dazu bei, dass das Schleuser-Gewerbe am Mittelmeer in der Folge starken Zulauf bekomme, ist Groth überzeugt.

Dem Bundestagskollegen und Bundesminister für Entwicklungszusammenarbeit, Gerd Müller (aus Kempten im Allgäu), will sie den guten Willen für seinen „Marshallplan für Afrika“ nicht absprechen. Sie hält ihm gleichwohl vor, im Rahmen des EU-Ministerrates in Brüssel bis jetzt nichts unternommen zu haben in Richtung einer Rohstoff-und Handelspolitik mit Afrika „auf Augenhöhe“.

Bei so viel düsteren Analysen wollten die Besucher den Gast nicht ohne eine optimistische Aussicht verabschieden. Groth würdigte die kleinen lokalen Hilfsprojekte, wo Geldmittel und technisches know how unmittelbar da ankommen, wo sie gebraucht werden. Auch die Ausbildung von geflüchteten Schwarzafrikanern zahlt sich nach Meinung der Referentin auf längere Sicht positiv aus.

Ihr Kommentar zum Thema

 
URL: http://www.schwaebische.de/region_artikel,-Probleme-jahrzehntelang-ignoriert-_arid,10710610_toid,682.html
Copyright: Schwäbisch Media Digital GmbH & Co. KG / Schwäbischer Verlag GmbH & Co. KG Drexler, Gessler. Jegliche Veröffentlichung, Vervielfältung und nicht-private Nutzung nur mit schriftlicher Genehmigung.
Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an online@schwaebische.de.