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Papa ist tot! Es geht ans Erben

Karl-Heinz Otts geistreich-boshafter Roman auf der Bühne
Was ist bloß in seiner Wohnung los, fragt sich der Aufgewachte und die Anderen sind entsetzt (von links): Sabine Bräuning, Martin Theuer, Gesine Hannemann, Andreas Hutter, Achim Hall und Reinhold Ohngemach.
Was ist bloß in seiner Wohnung los, fragt sich der Aufgewachte und die Anderen sind entsetzt (von links): Sabine Bräuning, Martin Theuer, Gesine Hannemann, Andreas Hutter, Achim Hall und Reinhold Ohngemach.
Helmut Voith

Friedrichshafen sz Starken Beifall haben am Dienstagabend die Besucher im Bahnhof Fischbach der Uraufführung der Theaterfassung von Karl-Heinz Otts Roman „Die Auferstehung“ gespendet. Wie schon tags zuvor war auch die Zweitvorstellung der Württembergischen Landesbühne Esslingen ausverkauft.

Als scharfsinniger, witziger, geistreicher Unterhalter hatte sich Karl-Heinz Ott im Februar 2016 bei seiner Lesung aus dem Roman gezeigt. Die zweieinhalbstündige Theaterfassung von Regisseur Matthias Fontheim hat Längen, wird aber nie langweilig, wenn man sich darauf einlässt. Der Stoff – es geht ums Erben – ist aus dem Alltag gegriffen. Wie Ott erzählte, kannte er sein Personal aus eigener Anschauung. Nicht alltäglich ist, dass der Tote am Ende nur scheintot ist. Jetzt wird es eigentlich erst richtig interessant, denn der Zuschauer bleibt allein mit der Frage, was der „Auferstandene“ alles von der sehr lebensecht menschelnden Auseinandersetzung seiner vier Kinder mitbekommen hat – hat er sie nun enterbt, hat die „ungarische Hure“, die Pflegerin des Vaters, alles geerbt? Dass er gar nicht tot ist, machen Andeutungen denkbar. Sparsam waren sie eingestreut in die oft bissigen Dialoge – „er riecht noch nicht“ – , aber eben nur als sehr unwahrscheinliche Möglichkeit. Der Autor, Träger wichtiger Literaturpreise, heute Romancier, hat viele Jahre als Dramaturg gearbeitet und weiß, wie man Theater macht, und auch Regisseur Fontheim beherrscht sein Handwerk.

Das Stück fasziniert schon durch das konsequente Durchhalten der berühmten drei Einheiten: Spielort ist ein großer Raum in einem früher wohl stattlichen Haus, im Hintergrund der reglos auf einer Couch liegende „Tote“. Die Zeit: ein Tag vom späten Vormittag bis zum Abend. Die Handlung: Erben oder nicht?

Der Scheintote bleibt stumm

Wie in Friedrichshafen schon mehrfach bei Lesungen zu erleben, ist Karl-Heinz Ott ein ausgezeichneter Beobachter. Er bringt Figuren auf die Bühne, verkrachte Alt-Achtundsechziger – lebensechter geht es nicht. Da ist Linda (Sabine Bräuning): pragmatisch, hektisch und herrisch. Sie bestimmt, während die drei Brüder noch im Adorno-Denken ihrer WG-Zeit verhaftet sind, sich Reste in die Gegenwart gerettet haben und beweisen, dass es ihnen nicht gelungen ist, lebenstüchtig zu werden. Der bruttelnde Joschi (Reinhold Ohngemach) hat sich straffällig gemacht und ist rechtzeitig abgehauen, ein Loser, der es verstand, den Kopf über Wasser zu halten – auf Kosten der Familie. Uli (Boris Burgstaller) hat’s mit Esoterik, seine Frau Franziska (Gesine Hannemann) verkörpert glaubhaft die Naive. Ihre schnelle Nummer mit Jakob, dem verkrachten Fernsehmacher (Achim Hall), bringt den Scheintoten ins Leben zurück. Sarkastisch beobachtet Lindas Ehemann Fred (Martin Theuer) die Geschwister. Marcus Mislin liefert einen mit satirischer Bosheit brillierenden schmierigen Advokaten, der die vermeintlichen Erben wunderbar an der Nase herumführt. Dass manche Szenen Längen haben, ist wie im wirklichen Leben: packend für die direkt Involvierten, etwas ermüdend für Unbeteiligte, die zusehen müssen. Am Ende bleibt der Scheintote stumm und den anderen hat es die Sprache verschlagen.

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