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Ora und vor allem: viel labora

Katharina von Bora war mehr als eine Ehefrau für Martin Luther – Interessanter Vortrag beim ökumenischen Seniorenmittag

Margit Röcker (li.) und Pfarrer Michael Buck bedanken sich nach dem Vortrag über Katharina von Bora bei Referentin Silvia Schmelzer.
Margit Röcker (li.) und Pfarrer Michael Buck bedanken sich nach dem Vortrag über Katharina von Bora bei Referentin Silvia Schmelzer.
Köpf

Laichingen akö Mit einem Vortrag über Katharina von Bora hat Pfarrerin Silvia Schmelzer einen interessanten Beitrag zum ökumenischen Seniorennachmittag beigesteuert, der im evangelischen Laichinger Gemeindehaus stattgefunden hat.

Pfarrerin Schmelzer, die in Blaubeuren tätig ist, erzählte, dass Katharina von Bora vor allem als Frau des Reformators Martin Luther bekannt war. Aber nicht nur das. Um das Leben der für damalige Verhältnisse höchst ungewöhnlichen Ehefrau bildlich darzustellen, brachte sie einen Korb mit, der mit allerhand Dingen gefüllt war: mit selbstgestrickten Babyschuhen, einem Glas mit Heringen, einem Thymian-Zweig und auch Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Diese Gegenstände würden alle einen symbolischen Wert für Katharina von Boras Leben haben, erklärte die Pfarrerin.

Katharina wurde 1499 südlich von Leipzig in eine arme Adelsfamilie geboren. Mit zehn Jahren ging sie in das Zisterzienserinnenkloster Nimbschen bei Grimma und verpflichtete sich mit der Ablegung ihres Gelübdes als Nonne zu einem Leben in Keuschheit und Armut. Das Kloster gab ihr eine Zukunftsperspektive und die Aussicht auf „Seelenheil“ für sich und ihre Familie. Dort habe sie auch lesen und schreiben gelernt, womit sie in der damaligen Zeit zu den fünf Prozent der Weltbevölkerung zählte, die dazu fähig waren. Auch das Lateinische war ihr nicht ganz fremd, doch kannte sie sich in der Heilkunde am besten aus, was mit dem Thymian symbolisiert werden sollte.

Die „Nonnen in den Tonnen“

Sie lebte in einer Zeit, die von großen Veränderungen geprägt war, vieles sei im Umbruch gewesen: Kolumbus entdeckte Amerika, Kopernikus schockte die kirchlich geprägte Gesellschaft mit seiner Entdeckung, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht andersherum, Reformatoren wie Martin Luther erzürnten die Kirche. Als Nonne im Kloster habe man wenig bis gar keine Vorstellung davon gehabt, was in der Außenwelt passierte, doch auch dort wurden die Schriften Martin Luthers gelesen. Und dies habe dazu geführt, dass in Katharina und anderen Nonnen der Wunsch aufkam, der gestrengen Klosterwelt zu entfliehen. Dieser Umstand führte vermutlich zur Sage der „Nonnen in den Tonnen“, die mit dem Hering im Glas aus dem Korb symbolisiert wurde. Zwölf Nonnen, unter ihnen Katharina von Bora, sollen sich bei Nacht in den Außenbereich des Klostergeländes geschlichen haben. Dort hatte der Lebensmittelzulieferer des Klosters seinen Planwagen abgestellt, auf dem leere Heringstonnen gelagert waren. Die Nonnen sollen sich in diesen Tonnen versteckt haben und der Kaufmann verhalf ihnen so unwissentlich zur Flucht. Damals stand auf die Klosterflucht die Todesstrafe, jedoch nicht in allen Gegenden. Viele der Nonnen flohen zu ihren Familien, andere wiederum soll es zu Martin Luther nach Wittenberg gezogen haben, dessen Schriften der Auslöser für die Flucht war, so Schmelzer.

Sie hatte eigene Vorstellungen

Luther kümmerte sich um die Nonnen, was zur damaligen Zeit hieß, dass er sie verheiratete. „Er schaffte es, alle Nonnen zu verheiraten – bis auf Katharina. Sie kam nun erst einmal in verschiedenen Haushalten unter, wo sie als Haushaltshilfe arbeitete, beispielsweise auch bei Lucas Cranach, dem berühmten Maler der Renaissance. Dort traf sie unter anderem Christian II., den damaligen König von Dänemark, der in Deutschland im Exil lebte“, meinte Schmelzer. Und weiter: „Katharina hatte eigene Vorstellungen, wie sie leben und welchen Mann sie ehelichen wollte, und keiner der Vorschläge Martin Luthers über mögliche Ehepartner sagte ihr zu.“ Erst der Vorschlag Katharinas, sie sei bereit, Martin Luther zu heiraten, sollte er Interesse haben, zeigte sich als Erfolg. Luther selbst wurde schon länger die Priesterehe vorgeschlagen, denn ein allein lebender Mann seines Standes sei nicht gerne gesehen worden. So kam es zur Heirat zwischen Katharina von Bora und Martin Luther, die aus seiner Sicht anfangs jedoch nur praktische und prinzipielle Gründe hatte. Erst im Laufe der Ehe habe sich eine tiefe Freundschaft und Liebe entwickelt, denn Katharina sei klug, selbstbewusst und im Gegensatz zu Luther auch sparsam gewesen. Sie habe sich darauf verstanden, den Haushalt zu Luthers vollster Zufriedenheit auszuführen und gebar ihm sechs Kinder in achteinhalb Jahren.

Die Familie lebte im ehemaligen Augustinerkloster in Wittenberg, wo Katharina die umfangreichen Ländereien bewirtschaftet und verwaltet habe. Darüber hinaus soll sie die Viehzucht und eine Bierbrauerei betrieben haben, um die Familie und die Studenten, die gegen Geld bei ihnen wohnten, zu bewirten. Während Zeiten der Pest habe sie außerdem ein Hospiz mit anderen Frauen geführt, in dem die Kranken gepflegt wurden. Selbst bei theologischen Tischgesprächen, wie sie im Hause Luthers häufig an der Tagesordnung standen, soll sie ihre Meinung vertreten haben.

Und auch, wenn es um die Erweiterung der eigenen Felder ging, war Katharina in der Lage, selbst mit den Beamten zu verhandeln, was für eine Frau der damaligen Verhältnisse höchst ungewöhnlich war. Oder, wie Silvia Schmelzer sagte: „Heutzutage würde man Katharina von Bora als Managerin eines mittelständischen Unternehmens bezeichnen.“

Nach Martin Luthers Tod im Jahr 1546 kämpfte Katharina gegen die Behörden an, die das Testament Luthers nicht akzeptierten. Dieser hatte sie als Alleinerbin eingetragen, was gegen damaliges Recht verstoß. Auch hier setzte sie sich weitestgehend durch und konnte die Versorgung für sich und ihre Kinder aufrecht erhalten. 1552 musste die Familie Wittenberg aufgrund der Pest verlassen und floh nach Torgau, doch kurz vor der Ankunft scheuten die Pferde, Katharina sprang vom Wagen und landete in einem Wassergraben. Sie erkrankte an einer Lungenentzündung und starb vermutlich an den Folgen.

Der Vortrag von Silvia Schmelzer kam sehr gut an bei allen Anwesenden.

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