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Weingarten (Württemberg)
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Nur wenige haben sich so verdient gemacht

Zum 130. Geburtstag des Weingartener Bürgermeisters Wilhelm Braun

1954: Wilhelm Braun erhält das Ehrenbürgerrecht der Stadt Weingarten
1954: Wilhelm Braun erhält das Ehrenbürgerrecht der Stadt Weingarten
Stadtarchiv Weingarten

Weingarten sz 24. April 1945. Der Zweite Weltkrieg dauert noch knapp zwei Wochen. In Weingarten haben französische Gefangene bereits die Welfenkaserne besetzt. Um 13 Uhr betreten ein Kriminalinspekteur und ein als Major getarnter SS-Mann das Gebäude. Sie schleusen Wilhelm Braun heraus, Bürgermeister von Weingarten bis 1937, um ihn vermutlich abzuurteilen und hinzurichten. Sie bringen ihn in das Büro der NSDAP-Kreisleitung in die Seestraße in Ravensburg. Ohne Vernehmung bringen sie ihn dann ins Polizeigebäude und fahren ihn anschließend gefesselt in einem Viehauto nach Kempten.

Das Nazis klammern sich immer noch mit Terror, Repressalien und Todesurteilen gegen Zweifler und innere Feinde an die Macht, obwohl jeder weiß, dass die Tage des Regimes von Adolf Hitler gezählt sind. Mehrere Tage lang wird Braun immer wieder zu SS-Dienststellen an verschiedene Orte gebracht, die vor den anrückenden Franzosen fliehen. Doch zu einer Urteilsverkündung kommt es anscheinend nicht. Als am 29. April gegen 17.30 Uhr französische Panzer in Wangen einrücken, wird der damals 57-Jährige aus dem Gefängnis befreit. Braun hatte Glück.

Eine bedeutende Weingartener Persönlichkeit

Wilhelm Braun ist einer der bedeutendsten Bürgermeister Weingartens im 20. Jahrhundert. 27 Jahre lang stand er im Dienste der Stadt und lenkte ihre Geschicke. Heute, am 5. Dezember, jährt sich sein Geburtstag zum 130sten Mal.

1887 in Ravensburg geboren, beginnt er 1903 eine Lehre im Bezirksnotariat in Weingarten, die er 1909 abschließt. Er arbeitet zunächst als Notariatsassistent, dann als Ratsschreiber und ab 1914 als Stadtpfleger, heute besser als „Kämmerer“ bekannt. Während des Ersten Weltkriegs dient er 15 Monate als Soldat, eine Zeit die ihn nachhaltig prägt.

Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg sind durch wirtschaftliche Not und politische Unsicherheiten geprägt. Der Versailler Vertrag zwingt Deutschland seine Truppen auf 100 000 Mann zu reduzieren. Weingarten trifft dies besonders hart. Die Garnison auf dem Martinsberg ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Stadt.

Anfang 1920 stirbt der Schultheiß – so die damalige Bezeichnung für „Bürgermeister“. Für das Amt bewerben sich sieben Männer, darunter auch der erst 33 Jahre alte Wilhelm Braun. Er nutzt die Zeit und macht sich in der Öffentlichkeit einen Namen. Bei den Wahlen am 9. Mai 1920 bekommt er 80 Prozent der Stimmen und wird Schultheiß. Braun zählt zur katholischen Zentrumspartei, die bei den Reichstagswahlen im selben Jahr über 50 Prozent gewinnt. Er setzt sich für den Erhalt der Garnison ein und erreicht zumindest die Stationierung eines Jägerbataillons.

Erste Amtsperiode von 1920 bis 1937

Brauns Amtszeitbeginn steht wirtschaftlich unter keinem guten Stern. Eine galoppierende Inflation und hohe Arbeitslosigkeit führen zu Unruhen und Demonstrationen. Als in Ravensburg Arbeiter gegen die miserablen Lebensverhältnisse protestieren rückt das Jägerbataillon aus Weingarten an. Es gibt Tote unter den Demonstranten.

Doch Brauns Beliebtheit scheinen die Jahre der Not nichts anzuhaben. 1922 gelingt es ihm, dass auf dem Martinsberg wieder Benediktiner-Mönche leben. Außerdem setzt er sich für die Wiederbelebung des Blutritts ein. Und er schafft es, dass erneut eine Garnison in die Argonnenkaserne nach Weingarten kommt und verhindert gleichzeitig die Stationierung eines SS-Verbands.

1930 wählen ihn die Weingartener noch einmal zum Bürgermeister. Dieses Mal mit über 90 Prozent der Stimmen. Drei Jahre später beherrschen die Nazis den Gemeinderat. Braun wird nicht sofort abgesetzt, was ihm im nach hinein beinahe als Kollaboration ausgelegt wird. Er selbst sagt dazu: „Grundsätzlich kann mir der Vorwurf gemacht werden, dass ich mein Amt unter Hitler weitergeführt habe, denn jeder, der seine Stellung behalten hatte, konnte seine wahre Gesinnung nicht mehr äußern.“ Doch im September 1937 ist Schluss. Braun wird ohne Begründung in den Ruhestand versetzt.

Zweite Amtsperiode von 1945 bis 1954

Nur vier Tage nach seiner Befreiung aus dem Wangener Gefängnis macht ihn die französische Besatzungsmacht zum vorläufigen Bürgermeister. 1948, an seinem 61. Geburtstag, findet die erste Wahl nach dem Krieg in Weingarten statt. Brauns Popularität ist ungebrochen.

Mit überwältigender Mehrheit wird er noch einmal Bürgermeister. In seiner zweiten Amtszeit schafft er es, das Krankenhauses zu erweitern, die Wasserversorgung zu verbessern, die neue Betriebe anzusiedeln, die Stadthalle zu bauen und die Pädagogische Hochschule am Martinsberg anzusiedeln.

1954 geht er endgültig in den Ruhestand und erhält das Ehrenbürgerrecht der Stadt. Braun stirbt am 3. Oktober 1971 im Alter von 84 Jahren. Der Gemeinderat würdigt ihn mit den Worten: „Nur wenige haben sich um die Stadt so verdient gemacht“. Auf seinen persönlichen Wunsch gab es kein öffentliches Begräbnis. Er ruht auf dem Kreuzbergfriedhof.

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