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Weingarten (Württemberg)
Lokales

Mit Jeans und T-Shirt in den Bundestag

Rudolf Bindig war 29 Jahre Bundestagsabgeordneter der SPD – Erinnerungen an den ersten Wahlkampf 1976

Weingarten sz Wenn Rudolf Bindig von seinem ersten Bundestagswahlkampf im Jahr 1976 berichtet, dann spricht die personifizierte Sozialdemokratie. Denn auch wenn er das Direktmandat im damaligen Wahlkreis 199, also die Altkreise Ravensburg, Wangen und Tettnang, klar verfehlte, sollte der 3. Oktober 1976 nur der Auftakt für eine lange politische Karriere auf Bundesebene sein. Der damals 36-jährige Bindig zog über die Landesliste in den Bundestag ein. Insgesamt 29 Jahre und acht Legislaturperioden sollte er fortan ununterbrochen im höchsten deutschen Parlament sitzen. Das hat bis heute kein anderer Abgeordneter aus dem Landkreis Ravensburg geschafft. Auch war Bindig erst der zweite und bislang letzte SPD-Kandidat, der den Wahlkreis in Berlin vertrat. Während sich die Themen der SPD von damals im Vergleich zu heute kaum unterschieden, war der Umgangston im Wahlkampf doch deutlich schärfer. „Da ging es heftig zur Sache. Da wurden die Klingen gekreuzt“, erinnert sich der heute 77-jährige Bindig.

Sein Hauptgegner war damals das amtierende CDU-Bundestagsmitglied Claus Jäger, der, laut Bindig, die Linie der CDU auf Bundesebene, die SPD mit in die Nähe des Kommunismus zu drängen, voll mittrug. „Wir waren absolute Gegensätze. Jäger als eine absolute Honoration, immer mit Hut, Anzug und Krawatte und ich als Vertreter der jungen Politiker mit Jeans und T-Shirt“, schildert Bindig, der sich letztlich mit 25,4 Prozent der Stimmen zufriedengeben musste, während Jäger 66,8 Prozent erhielt. Dennoch zog auch der junge Sozialdemokrat über die Landesliste in den Bundestag ein. Schließlich war er zuvor auf einem SPD-Landesparteitag in Ravensburg auf Platz 24 der Landesliste gewählt worden. „Damals galt Platz 26/27 bei der SPD als sicherer Listenplatz“, erinnert sich Bindig. Da die SPD im Bund auf 42,6 Prozent kam, reichte Bindig der Listenplatz tatsächlich.

Politische Karriere war nicht geplant

Das hätte er sich Jahre zuvor kaum vorstellen können. Bei seinem Zweitstudium an der neu gegründeten Universität Konstanz fand eine Gruppe der 1968-er „unseren Staat autoritär, konservativ, klerikal, verklemmt und reformunfähig“, sagt Bindig, der gemeinsam mit anderen Studenten 1967 in die SPD eintrat. Da sich Bindig in den Folgejahren stark engagierte und vom Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Erhard Eppler, gefördert wurde, kam das eine zum anderen. Denn eigentlich hatte Bindig keine politische Karriere auf Bundesebene angestrebt. Doch als er sich dann für eine Kandidatur entschieden hatte, widmete er sich voll und ganz der Politik.

So ließ er sich für den Wahlkampf extra für zwei Monate von seiner Forschungsstellen an der Uni Konstanz beurlauben. Während dieser zeit suchte er stets den direkten Kontakt zu den Wählern und zog mühsam von Tür zu Tür. „Ich habe ganz viele Hausbesuche gemacht, bis mir die Füße brannten und ich wirklich meine Sohlen abgelaufen habe“, sagt Bindig. Auch besuchte er zahlreiche politische Frühschoppen in Gaststätten. Dabei musste er sich, nach eigener Aussage, auch gegen Teile der Jungen Union (JU) wehren. „Eine Gruppe der JU verfolgte mich und wollte mich als jungen Linksradikalen hinstellen“, sagt Bindig. Letztlich verwiesen aber die anwesenden Bürger die JU in ihre Schranken und solidarisierten sich mit Bindig.

Forderung nach Gleichberechtigung

Er selbst setzte inhaltliche Schwerpunkte, die eigentlich bis heute zentrale Themen der SPD sind. Mit dem Slogan „Freiheit bewahren, Gerechtigkeit schaffen, solidarisch handeln“ wollte sich Bindig „gegen die Spekulation des großen Geldes“ wehren und für eine „gerechtere Eigentums- und Vermögensverteilung“ einsetzen. Auch machte er sich für mehr Gleichberechtigung stark. „An der tatsächlichen Gleichstellung der Frau muss weitergearbeitet werden. Die Probleme reichen von den Ausbildungsmöglichkeiten über die Alterssicherung bis hin zum gleichen Lohn und Gehalt für gleiche Arbeit“, stand in seinem Wahlprogramm 1976 geschrieben, das ihn auch im Bild mit dem künftigen Bundeskanzler Helmut Schmidt zeigte. An anderer Stelle wurde es kurios: Weil Bindig – im Gegensatz zu Claus Jäger – nicht mit Familie und Kindern werben konnte, posierte er im Flyer als „großer Natur- und Tierfreund“ mit seinem „Heidschnuckenbock Hille“.

Wie wichtig dem gebürtigen Goslarer das Mandat war, unterstreicht auch eine andere Aktion. Eigentlich lebte der damals 36-Jährige in Allensbach bei Konstanz. Um sich aber als Kandidat für den Wahlbezirk 199 aufstellen zu dürfen, musste er einen Wohnsitz in selbigem nachweisen. Also mietete er sich extra eine Wohnung in der Ravensburger Marktstraße, „in der ich keine 30-mal geschlafen habe“, wie Bindig erzählt.

Auch wehrte er sich damals mit Erfolg gegen eine Entscheidung der Gemeinde Langenargen, die ihm das Plakatieren außerhalb der vorgesehenen Tafeln verbieten wollten. Doch entschied das Verwaltungsgericht Sigmaringen nach Bindigs Eilantrag, dass das Tourismus-Argument der Gemeinde nicht zähle und Bindig an jedem dritten Laternenmast Plakate aufhängen dürfe. „Das hat nicht geschadet. Die Leute haben Respekt vor mir bekommen“, sagt er.

Und auch parteiintern erhielt Bindig jede Menge Unterstützung. Prominente Genossen, wie die damalige Bundestagspräsidentin Annemarie Renger oder der spätere Bundesjustizminister Horst Ehmke, reisten im Wahlkampf nach Wangen und Friedrichshafen. Dass sich in den 41 Jahren seit seiner ersten Bundestagswahl aber mehr als nur Gesichter und Gangart geändert haben, weiß auch Bindig. „Wir hatten damals drei Parteien im Bundestag [CDU, SPD und FDP, Anmerkung der Redaktion], und die FDP entschied, wer regierte“, erinnert sich der heute 77-Jährige. „Jetzt ist es viel komplizierter und ausdifferenzierter. Für die Wähler damals war es viel einfacher.“

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