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Ehingen (Donau)
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Liebherrianer machen früher Schluss

Erster Warnstreik in Ehingen – Neues Arbeitszeitmodell und mehr Entgelt im Fokus
Der Betriebsratsvorsitzende Rolf Ebe (links) spricht mit Liebherr-Mitarbeiter über die aktuelle Tarifrunde.
Der Betriebsratsvorsitzende Rolf Ebe (links) spricht mit Liebherr-Mitarbeiter über die aktuelle Tarifrunde.
SZ- götz

Ehingen sz Mit einem Warnstreik haben viele Liebherr-Mitarbeiter am Freitagmittag ihre Forderungen in der aktuellen Tarifrunde untermauert. Um 12 Uhr haben die Liebherrianer ihre Arbeit niedergelegt. Konkret geht es dabei um eine Entgelterhöhung um sechs Prozent sowie um den individuellen Anspruch auf Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden für maximal zwei Jahre.

„Wir brauchen Arbeitszeiten, die zum Leben passen“, macht Rolf Ebe, Betriebsratsvorsitzender im Liebherr-Werk Ehingen deutlich, während viele Mitarbeiter der Frühschicht um 12 Uhr durch die Drehtüre an der Pforte zwei in den Feierabend gehen. „Eigentlich ist freitags Arbeitsende um 14.45 Uhr. Wir haben dazu aufgerufen, um 12 Uhr Schluss zu machen. Die Spätschicht haben wir gebeten, ganz zu Hause zu bleiben“, nennt Ebe die ersten Maßnahmen des Warnstreiks, der am Freitag noch ohne Kundgebung der IG Metall über die Bühne gegangen ist. Dies soll sich aber am kommenden Freitag, 19. Januar, ändern. „Dass so viele beim ersten Warnstreik mitmachen, zeigt uns, dass die Miatrbeiter auch ein großes Interesse an unseren Forderungen haben“, betont Ebe, der die Forderungen der Gewerkschaft als „avangardistischen Ansatz“ bezeichnet.

„Unser Ziel ist es, dass wir auf die veränderten Lebensbedingungen unserer Mitarbeiter eingehen. Unser Modell, das Mitarbeitern die Möglichkeit gibt, zwei Jahre lang auf 28 Stunden zu reduzieren, führt dazu, dass wir die Menschen in der Arbeit halten. Es führt eben nicht dazu, dass ein Fachkräftemangel entsteht, wie es von vielen Seiten heißt“, so Ebe.

Einer der Kernpunkte der Forderungen ist es auch, dass Mitarbeiter, die weniger arbeiten möchten und in Teilzeit gehen, dann auch wieder den Anspruch auf 100 Prozent haben sollen – sprich auf Vollzeit. „Es soll für Mitarbeiter also nicht nur die Möglichkeit bestehen, aufzustocken, sprich mehr zu arbeiten. Es soll auch die Möglichkeit mit einem Rechtsanspruch geschaffen werden, dass Mitarbeiter, die in Teilzeit sind, wieder Anspruch auf eine volle Stelle haben“, betont Ebe.

Hinzu komme laut Ebe, dass die aktuelle Geschäftsentwicklung beim Liebherr-Werk Ehingen „fahnenmäßig“ sei. „Die Liebherr-Gruppe hat im Jahr 2017 einen Umsatz von rund 9,8 Milliarden Euro erwirtschaftet, in diesem Jahr soll die Zehn-Milliarden-Grenze überschritten werden. Das Liebherr-Werk Ehingen hat im Jahr 2017 rund 1,7 Milliarden Euro umgesetzt und für das laufende Jahr ist ein Produktionsprogramm von rund 1800 Kranen vorgesehen“, erklärt Ebe und sagt: „Das verdeutlicht, dass es Liebherr gut geht. Deswegen haben die Mitarbeiter auch die berechtigte Erwartungshaltung, dass es mehr Entgelt gibt. Wir fordern sechs Prozent, alles andere wäre durch die Inflation eine Senkung des Reallohns.“

Aktuell arbeiten laut Rolf Ebe 3320 festangestellte Mitarbeiter im Ehinger Werk, hinzu kämen rund 320 Leiharbeiter. „Eine überwältigende Mehrheit davon ist in der Gewerkschaft organisiert“, sagt Ebe, ohne konkrete Zahlen zu nennen.

„Der Warnstreik ist während der laufenden Tarifrunde ein Ritual, das dazu gehört“, sagt indes Hubert Hummel, Geschäftsführer der Liebherr-Werk Ehingen GmbH. „Grundsätzlich akzeptieren wir es natürlich, wenn die Gewerkschaft die ihr zur Verfügung stehenden Instrumente nutzt. Gleichzeitig beeinflussen diese Aktionen unsere betrieblichen Abläufe. Und in Zeiten voller Auftragsbücher steigt natürlich die Herausforderung, größere Lieferverzögerungen und Störungen zu vermeiden, für die unsere Kunden kein Verständnis haben“, betont Hummel.

Hummel: „Völlig überzogen“

„Wir können es uns nicht leisten, auf Grund von Lieferengpässen Krane an Wettbewerber zu verlieren. Die im Raum stehende Forderung von sechs Prozent mehr Entgelt, insbesondere aber die Forderung nach befristeter Teilzeit mit 28 Wochenstunden, zum Teil sogar mit Entgeltausgleich, betrachten wir als völlig überzogen“, sagt Hummel. „Wie soll die Produktionsplanung reibungslos ablaufen, wenn in Zukunft einzelne Mitarbeiter ihre individuellen Arbeitszeiten willkürlich reduzieren können? Andere Beschäftigte müssen das wiederum ausbaden und es entsteht berechtigter Unmut in der Belegschaft. Mir hat noch niemand von der IG Metall erklärt, wie wir diesem Problem begegnen können. Dennoch hoffen wir darauf, dass die Verhandlungsführer auf beiden Seiten vernünftige Kompromisse finden und zu einem zügigen Abschluss kommen.“

Die Forderungen: Die IG Metall fordert in der Metall- und Elektro-Tarifrunde 2018 eine Entgelterhöhung von sechs Prozent für zwölf Monate sowie einen individuellen Anspruch auf Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden für maximal zwei Jahre. Danach soll die Rückkehr zur 35-Stunden-Woche oder eine erneute Verkürzung möglich sein. Für Beschäftigte mit zu pflegenden Angehörigen oder Kindern unter 14 Jahren soll es dafür einen monatlichen Entgeltzuschuss von 200 Euro geben, soweit sie ihre Arbeitszeit um mindestens 3,5 Stunden die Woche reduzieren. Für Beschäftigte in Schichtsystemen und anderen gesundheitlich belastenden Arbeitszeitmodellen, die ihre Arbeitszeit für mindestens zehn freie Tage absenken, fordert die IG Metall einen Zuschuss von jährlich 750 Euro. Die Arbeitgeber haben bisher 200 Euro Einmalzahlung und eine Entgelterhöhung um zwei Prozent mit einer Gesamtlaufzeit von 15 Monaten angeboten – dies allerdings an eigene Flexibilisierungswünsche wie eine Arbeitszeitausweitung bei Bedarf geknüpft.

Ein weiterer Warnstreik mit Kundgebung der IG Metall soll am kommenden Freitag, 11 Uhr, bei Liebherr stattfinden.

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