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Leid in den Familien ist unvorstellbar

Die Laichinger Alb im Ersten Weltkrieg, Folge 14

Junger deutscher Soldat mit dem 1917 eingeführten neuen Stahlhelm.
Junger deutscher Soldat mit dem 1917 eingeführten neuen Stahlhelm.
Archiv Memorial de Verdun

Laichingen sz Nein, von einem „goldenen Oktober“ kann nicht die Rede sein, auf der Laichinger Alb vor 100 Jahren. Bereits am 7. Oktober gibt es den ersten Schneefall und den ganzen Monat hält das nasskalte Sudelwetter an. Glücklicherweise ist diesmal die Ernte besser ausgefallen als im letzten Jahr, sodass man nicht schon wieder mit einem „Kohlrübenwinter“ rechnen muss.

Somit ist man auch bereit, die siebte Kriegsanleihe zu zeichnen, die in Laichingen immerhin 189 376 Reichsmark erbringt, 3636 Mark tragen die Schüler der Real- und der Volksschule bei. Das Reformationsfest am 31. Oktober indessen wird ruhiger begangen. Verbunden ist das 400-jährige Jubiläum von Luthers Thesenveröffentlichung mit einem Aufruf zur Spende für den „Reformationsdank“, die im Pfarrhaus und im Kaufhaus Palm in der Schulstraße abgegeben werden kann.

Derweil wird an den Fronten in Frankreich, Flandern, Russland, Mazedonien und anderswo weiterhin gekämpft, gelitten und gestorben. Am Mittwoch, 6. Oktober, findet in der St.-Albans-Kirche der Trauergottesdienst für die im August und September gefallenen Laichinger Soldaten statt. Es sind dies Abraham Pfrang, Johannes Huober, Wilhelm Schwenkschuster, Andreas Lamparter, Simon Schneider, Jakob Hermann, Martin Ostertag und Johann Georg Tille. Drei Tage später hält der Buttenhausener Pfarrer Gußmann, der in Laichingen schon Pfarrverweser war, die Kriegsbetstunde ab. Das Leid in den Familien ist unvorstellbar. So hinterlässt Abraham Pfrang eine Witwe mit vier Kindern von drei bis 13 Jahren. Johannes Huober erleidet im Mai eine schwere Verwundung am rechten Ellbogen durch einen Granatsplitter und ist zwei Monate später wieder im Fronteinsatz. Am 23. August werden ihm durch eine Granate beide Beine und die Hüfte zertrümmert. Da hilft es ihm auch nichts, dass er und seine Kameraden im Jahre 1917 mit den neuen Stahlhelmen ausgerüstet worden sind, die die preußischen ledernen Pickelhauben ersetzen. An der Straße Roules de Ruiter bei Molenhoek in Flandern findet er seine letzte Ruhestätte.

„Elektro-Frank“ hat mehr Glück

Mehr Glück dagegen hat Mechaniker Andreas Frank, der spätere „Elektro-Frank“. Am 27. August sieht sich seine Truppe in den Vogesen einem Angriff der Engländer ausgesetzt, die mit ihrer neuesten Waffe, den „Tanks“, also mit Panzern, anrücken. Frank erhält einen Kopfschuss und verbringt zunächst einige Stunden ohne Besinnung. In der Laichinger Kriegerchronik berichtet er: „Als ich wieder zur Besinnung kam, fehlte mir das Augenlicht und ich hörte weit und breit keinen Menschen. Vom Regen ganz durchnässt, taumelte ich im Gelände umher und ich rief, bis ich nicht mehr konnte. Nach drei Tagen, am 1. September, fand mich ein englischer Soldat. Derselbe war sehr freundlich gegen mich und brachte mich auch glücklich in einen Unterstand, in dem ich mich vorerst ganz wohl fühlte. Die Engländer nahmen mir nun alles ab, wovon ich nichts mehr zu sehen bekam. Dann verband mich ein Sanitäter und brachte mich in ein Lazarett; in demselben wurde ich operiert. Als ich transportfähig war, kam ich nach England, wo ich nach und nach die Sehkraft im linken Auge wieder erlangte; mein rechtes Auge aber musste herausgenommen werden.“ Andreas Frank bleibt zunächst in englischer Kriegsgefangenschaft, wo er sich weiter erholen kann. Am 2. April 1918 wird er in die Heimat nach Laichingen entlassen. 12 Jahre später errichtet er sein Elektrogeschäft in der Bahnhofstraße.

Von der Öffentlichkeit unbemerkt hat die deutsche Regierung bereits im April einem russischen Revolutionär die Durchfahrt im verplombten Sonderzug durch Deutschland von Zürich nach Petersburg ermöglicht: Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. Deutschland erhofft sich, dass Russland durch eine bolschewistische Revolution weiter geschwächt wird und somit endlich militärisch besiegt werden kann. Außerdem verspricht Lenin Land für die Bauern, Brot für alle Russen und Frieden um jeden Preis. Am 25. Oktober gelingt den Bolschewiki die gewaltsame Machtübernahme in Petersburg. Wird Lenin sein Versprechen halten? Wird es noch im Jahre 1917 Frieden mit Russland geben?

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