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Weingarten (Württemberg)
Lokales

Kohlhepp löst selbst die zähsten Fälle

Improvisations-Krimi in der Linse um eine Katze und eine Kniffelweltmeisterschaft

Weingarten sz „Krimi-Impro“ nennt sich das Format, mit dem am Samstagabend Bernd Kohlhepp und seine Kollegin Mirjam Wogon in Weingarten gastiert haben. Leider lockte die Königsdisziplin des Improvisationstheaters jedoch nur etwa 60 Menschen in den großen Saal der Linse. Ob die maue Zuschauermenge bedingt ist durch die lange Einkaufsnacht im benachbarten Ravensburg oder das übliche Linse-Publikum den jüngst eröffneten Christkindlesmarkt ebendort vorgezogen hat – man wird es nie erfahren. Dafür aber wissen all Jene, die vermutlich allein der Name „Kohlhepp“ getriggert hat, dass der Meister in Sachen Theatersport auch vor überschaubarem Publikum alles gibt.

Der Anfang gestaltet sich erfahrungsgemäß meist etwas zäh, bei solchen Abenden – vor allem, wenn die Zuschauer in den ersten Reihen befürchten, sie könnten Teil des Improvisationsabends werden. Und damit täuschen sie sich auch in der Linse nicht: Nathalie und Maria können ein Lied davon singen. Wird die eine doch ihrer Komforthaltung wegen durchgängig gerügt während die andere wenigstens in den Genuss eines „Sitzkissens mit Feinstaubbelastung“ kommt.

Denn selbstverständlich lebt ein solcher Abend auch, um nicht zu sagen sehr, von den spontanen Einfällen des Publikums. Das gibt die Stichworte vor, zum Ort des Geschehens (die Markthalle in diesem Fall), zur Todesursache (beim Lesen verstorben) und zur Auffindesituation der Leiche (in einem Spind). Und dann legen Bernd Kohlhepp – der flugs in den Trenchcoat und unter den hämmerletypischen Cordhut schlüpft – und Mirjam Wogon los.

Aberwitzige Geschichte

Die Beiden konstruieren eine aberwitzige Geschichte, die auf dem Weihnachtsmarkt und zwar am Stand eines Erzgebirge-Christbaumfiguren-Verkäufers seinen Lauf nimmt und schließlich in den Katakomben der Mehrzweckhalle von Grünkraut endet. Vor Spind Nummer 164. Wogon kommen in diesem Kriminal-Spektakel gleich mehrere Rollen zu: sie mimt Bärbel Müller, der ausgerechnet auf dem Weihnachtsmarkt ihre Katze entwischt ist, die taffe und hoch motorisierte Sportärztin Skubowski und schließlich auch noch die aserbaidschanischen Zwillinge Vasili und Nathalia-Maria Vasiliwitsch.

Manches ist für echte Krimifans nicht ganz nachvollziehbar, ein paar der geforderten Stichworte scheinen auf der Strecke zu bleiben aber schließlich gelingt es Kohlhepp alias Hämmerle und seiner Partnerin doch, den Fall mit all seinen selbst gewickelten Knoten aufzudröseln und zu lösen. Dazwischen amüsiert Kohlhepp mit kurzen Songs, die mindestens so sehr aus der Hüft wie aus der Kehle kommen, er arbeitet sich an der Busverbindung nach Grünkraut ab, an Telefonzellen (genial: die beatboxende Version eines Wählscheibentelefons) und einer Kniffel-Weltmeisterschaft.

Dass die schändliche Tat an der Ärztin alleine auf das Konto der Giftbuch-Mafia geht, die Achtung: Zinksulfat-Substrat-Omega-drei verwendet, um Katzen, ein ganzes Dorf (das ehedem „Kraut“ hieß) und am Ende auch Kniffel-Bücher mit grünem Überzug versieht – geschenkt. Absurdistan lässt grüßen. Die beiden improvisationserprobten Schauspieler aber präsentieren aufs Beste, wie ein etwas mühevoller Abend mit einer Busladung Disziplin gemanagt werden kann.

Und wenn Kohlhepp zum Kummer-Lied seiner ebenfalls äußerst stimmgewaltigen Komplizin das Saxophon bläst – allein Kraft seiner Stimmbänder –, dann ist alleine diese Szene den knapp 75 Minuten langen Abend wert.

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