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„Knights“ öffnen Blick in fremde Welten

Kammerorchester gibt im GZH elektrisierendes Konzert quer durch Epochen und Genres
„Knights“ öffnen Blick in fremde Welten
„Knights“ öffnen Blick in fremde Welten
Helmut Voith

Friedrichshafen sz Epochen, Stile, Länder, Genregrenzen? Die darf man getrost vergessen beim New Yorker Kammerorchester „The Knights“, das am Montagabend das Publikum im Graf-Zeppelin-Haus elektrisiert hat. Denn das von Eric und Colin Jacobsen gegründete Ensemble sucht neue Wege des Musizierens, will Bezüge herstellen, neu hören lassen. Dabei ist Eric Jacobsen Dirigent, Cellist und sympathischer Moderator, sein Bruder Colin spielt exzellent – wie die übrigen Musiker – die Geige.

Wer wohl zuerst gemerkt hat, dass das Ensemble sich von Johann Sebastian Bachs Brandenburgischem Konzert Nr. 3 G-Dur BWV 1048 entfernt hatte? Mittendrin trat eine Geigerin ans Mikro und sang, von Streichern und Cembalo umspielt, Paul Simons „American Tune“, ein Song, der auf Bachs Matthäus-Passion basiert. Ebenso selbstverständlich kehrte die Sängerin an ihre Geige und die Musiker zum Brandenburgischen Konzert zurück.

Nicht minder spannend war die Lebendigkeit und Frische von Joseph Haydns Sinfonie Nr. 80 d-Moll, der tänzerische Schwung, der Gesang der Flöte und die bezaubernden Wechsel von Soli und Tutti. Mit Luigi Boccherinis „Fandango“ aus dem Gitarrenquintett Nr. 4 D-Dur vereinten sich die Alte Welt und das Reich der Mitte, denn noch einmal war hier die zirpende, zwitschernde „Pipa“, die chinesische Laute, zu hören, hier von südlichem Feuer umgeben.

Diese Pipa, von der Virtuosin Wu Man geschlagen, stand im Mittelpunkt des Konzerts des zeitgenössischen chinesischen Komponisten Tan Dun. Das Konzert für Streichorchester und Pipa eröffnete einen faszinierenden Blick in eine fremde Welt, einen Blick in die Tradition taoistischer Beisetzungszeremonien, in die der Komponist zugleich ein Bach-Zitat einbringt – ein Dialog der Klangwelten, ganz im Sinne der Brüder Jacobsen. Während Eric Jacobsen sonst am Cello unter den Musikern saß, hat er hier das komplexe Werk dirigiert, das mit energischem Aufstampfen und einem wahren Sturm der Streicher beginnt, die später auch zupfen, die Saiten anreißen, auf die Instrumente trommeln oder in gemeinsame Schreie ausbrechen. Und immer ist da der Klang der Pipa, mal flatternd und lockend wie ein kleiner Vogel, mal leise singend, in die fernöstliche Welt entführend – insgesamt ein unbeschreibliches, faszinierendes Klangbild.

Als Überleitung zu Bachs Konzert spielte das Kammerorchester – jetzt mit Bläsern – Igor Strawinskys Konzert Es-Dur „Dumbarton Oaks“, laut Komponist „ein kleines Konzert im Stil der Brandenburgischen Konzerte“, das an barocke Concerti grossi erinnert und Parallelen zum folgenden Bach-Konzert aufweist. Wieder eine Suche nach einer neuen Tonsprache, mit drängenden, aggressiven, aber auch melodiösen Phasen.

Noch ungewöhnlicher war der Auftakt gewesen mit Steve Reichs „Duet“ für zwei Violinen und Streicherensemble, Minimal Music von ungewöhnlich suggestiver Kraft. Mit der mitreißenden Komposition „Ascending Bird“ von Colin Jacobsen als Zugabe endete ein Konzert voller spannender, hinreißender neuer Hörerfahrungen.

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