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Keine Angst vor dem Silicon Valley

Wirtschaftsforscher Prof. Michael Hüther spricht beim Neujahrsempfang der Handwerkskammer Konstanz

Gab beim Neujahrsempfang der Handwerkskammer Konstanz und der IHK Hochrhein-Bodensee am Donnerstag einen Einblick in sein umfangreiches Wissen über die deutsche Wirtschaft: Prof. Michael Hüther.
Gab beim Neujahrsempfang der Handwerkskammer Konstanz und der IHK Hochrhein-Bodensee am Donnerstag einen Einblick in sein umfangreiches Wissen über die deutsche Wirtschaft: Prof. Michael Hüther.
Oliver Hanser

Singen sz Die Handwerkskammer Konstanz, die auch für den Landkreis Tuttlingen zuständig ist, hat am Donnerstagabend gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee und tausend Gästen ihren Neujahrsempfang in der Singener Stadthalle gefeiert. Hauptredner war mit Prof. Michael Hüther der Direktor und das Präsidiumsmitglied des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln.

Hüther sprach zum Thema „Fit für die Zukunft? Chancen und Risiken in Zeiten von Digitalisierung und Demographie“. Sein 60-minütiger Vortrag war ein exzellenter Rückblick auf die deutsche Wirtschaftsgeschichte gepaart mit dem Hinweis, dass das Land durchaus den Mut aufbringen soll, sich nicht vor dem Silicon Valley in Kalifornien zu verstecken. Angesichts des seit acht Jahren ununterbrochenen Wirtschaftswachstums in Deutschland gebe es einen guten Grund „für einen realistischen Optimismus“.

Woher kommen Innovationen?

Hüthers These: Die Integration von Dienstleistungen in die Industrie ist ein wichtiger Treiber der deutschen Wettbewerbsfähigkeit. Hierdurch kämen Innovationen aus bestehenden Unternehmen. Dagegen entstünden in den USA digitale Innovationen durch neue Unternehmen und würden eigentlich immer zum Ziel haben, das private Leben leichter zu organisieren. „Die Business-to-consumer-Welt (die Kommunikations- und Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen und Privatpersonen) hat nichts mit der Industrie 4.0 zu tun“, betonte er. Die Nutzer könnten nur die Differenzierungen annehmen, die von Unternehmen angeboten werden.

Anders sehe es bei der deutschen Wirtschaft aus, in der eine Differenzierung bis zur Losgröße eins, also einem passgenauen, individualisierten Produkt, reichen würde. Daher sei es kein Wunder, dass 43 Prozent der Patente für das autonome Fahren in Deutschland angemeldet würden. Es überrasche ihn nicht, dass der amerikanische E-Auto-Produzent Tesla nicht die Anzahl an Wagen produzieren könne, die er benötige.

Eine Bedrohung für die Gesellschaft sieht Hüther durch die Digitalisierung allerdings – und zwar nicht in der Produktionsweise, sondern in dem Rückgang einer fairen und transparenten Unterhaltung. Durch die Echtzeit-Kommunikation in Netzwerken könne sich der Mensch wie es der deutsche Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas genannt habe „ganz schnell abschotten in einzelne Kommunikationszirkel“. Eine Auseinandersetzung mit einer anderen Meinung würde hierdurch immer seltener erfolgen.

Angesichts einer Beschäftigungsquote von 78 Prozent sei das Arbeitskräftepotential in Deutschland ausgeschöpft. Daher sei die Rente mit 63 Jahren auch angesichts der demografischen Entwicklung der falsche Weg. Die aktuelle Forderung der IG Metall nach einer Arbeitszeitreduzierung auf maximal 28 Stunden für maximal zwei Jahre bezeichnete Hüther als „aus der Zeit gefallen“. Vielmehr gehe es um individuelle Lösungen in der flexiblen Gestaltung der Arbeitszeit. Auch benötige das Land aus diesem Grund eine gesteuerte Zuwanderung.

„Es geht nicht ohne Europa“

Hüther betonte, dass das Lernen von anderen Nationen nur in einem begrenzten Maße stattfinden würde, und Entscheidungsprozesse in einer Demokratie ihre Zeit brauchen: „Es ist noch nie so schnell gebaut worden wie im Dritten Reich“, sagte Hüther und kritisierte damit lobende Aussagen über die mitunter schnelle Entscheidungsfreudigkeit der Chinesen.

Dazu rückte Hüther die Europäische Union in den Mittelpunkt: „Es geht nicht ohne Europa“. Jede Nation habe zu ihr eine andere Zugangsgeschichte. Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, der Ausgangspunkt der EU, wurde 1952 von Belgien, der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und den Niederlanden gegründet – also von Ländern, die noch sieben Jahre zuvor im Zweiten Weltkrieg gegeneinander gekämpft haben. Großbritannien sei 1973 aus wirtschaftlichen Erwägungen der EU beigetreten, die Länder Osteuropas nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, um Gelder zu bekommen.

Deutschland sei laut des polnische Außenministers Radosław Sikorski von 2011 eine „unentbehrliche Nation in der Europäischen Union“. Das habe laut Hüther nicht nur mit der geographischen Lage zu tun: Deutschland sei strukturell zu groß, dass es ohne das Land in der EU nicht gehen würde, aber andererseits zu klein, um alleine zu agieren.

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