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In Vereinen ist sexueller Missbrauch Tabuthema

Sexueller Missbrauch in Vereinen ist weiter ein Tabuthema – Schemmerhofen will aufklären
Sexuelle Gewalt und Missbrauch ist immer noch ein Tabuthema in vielenen Vereinen, sagen Experte vom Sportjugendbund.
Sexuelle Gewalt und Missbrauch ist immer noch ein Tabuthema in vielenen Vereinen, sagen Experte vom Sportjugendbund.
Arne Dedert/ dpa

Schemmerhofen sz Anzügliche Worte auf dem Sportplatz, intime Berührungen beim Training, Annäherungen in der Umkleidekabine: sexueller Missbrauch im Sport ist kein Einzelfall. Doch Missbrauch auszuschließen, stellt die Vereine vor Herausforderungen. Strenge Vorschriften sollen helfen, aber manche Funktionäre und Trainer fühlen sich unter Generalverdacht. Die Gemeinde Schemmerhofen bietet jetzt eine Infoveranstaltung an, will aufklären und vermitteln.

Die Fälle sind erschreckend: In den Jahren 1990 bis 2008 missbrauchte ein Sporttrainer eines Spitzenverbands in Baden-Württemberg immer wieder Kinder in seiner Trainingsgruppe. Das jüngste war acht Jahre alt. Der Trainer beging schwere sexuelle Übergriffe. Die Kinder aber ließen diese Handlung über sich ergehen, weil sie um ihre Karriere fürchteten, wenn sie gegen den Trainer aussagen würden.

Hohe Dunkelziffer

Fälle wie diese kennt Matthias Reimann von der Württembergischen Sportjugend zuhauf. Etwa 1200 Fälle von sexuellem Missbrauch wurden laut Landeskriminalamt in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr angezeigt. Die Dunkelziffer schätzt Reimann auf mindestens das 15-fache. Vor allem Sportvereine bieten für potenzielle Täter gefährliche Möglichkeiten: Im Training kommen sie den Kindern nahe, haben häufig Körperkontakt und können Vertrauen aufbauen.

Doch Reimann glaubt, dass die Vereine vorbeugen können, mit einem umfassenden Schutzkonzept. Am 26. September spricht der Experte der Württembergischen Sportjugend zu dem Thema „Kindeswohlgefährdung im Verein“ im Rathaus in Schemmerhofen. Organisiert hat die Veranstaltung Hauptamtsleiter Alfons Link. Einen konkreten Auslöser habe es dafür nicht gegeben, betont er. Doch als Vorsitzender der Gymnastikabteilung in Äpfingen versteht er auch die Sichtweise mancher Vereine, die sich über zu viel Burokratie beschweren.

Wer als Trainer häufiger mit Kindern zu tun hat, muss inzwischen ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Ob ein solches Zeugnis notwendig ist, müssen die Vereine anhand zahlreicher Kriterien überprüfen. „Der Aufwand für uns als Verein ist schon sehr groß“, sagt Stefan Klinger, zweiter Vorsitzender des SV Schemmerhofen. Die rechtlichen Vorschriften seien „nicht so einfach“ umzusetzen. „Dennoch finde ich diese richtig“, betont er. Manche Vereinsfunktionäre klagen jedoch: Bei soviel Auflagen, sei es kaum verwunderlich, dass immer weniger Menschen zu einer ehrenamtlichen Arbeit bereit sind. „Was den Vereinen aufgehalst wird, ist grenzwertig“, sagt ein Trainer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Reimann von der Sportjugend glaubt, dass der bürokratische Aufwand durchaus Sinn mache. „Es geht nicht darum, einen Generalverdacht auszusprechen, sondern darum, Kinder zu schützen.“

Vereinen empfiehlt er, von jedem Trainer und Funktionär ein Führungszeugnis zu verlangen. Damit falle die aufwendige Vorprüfung weg. Die Zeugnisse lassen sich per Sammelbestellung beim Einwohnermeldeamt beantragen und werden an die privaten Adressen verschickt. Vergleichsweise wenig Arbeit für ein wichtiges Thema.

Thema offensiv ansprechen

Das Führungszeugnis könne aber nur ein erster Schritt sein, besser sei es, wenn der Verein zusätzlich ein breites Schutzkonzept erarbeite. Dazu gehört zum Beispiel, einen Schutzbeauftragten zu benennen und einen Verhaltenskodex aufzustellen. Je offensiver ein Verein mit dem Thema umgehe, desto eher würden potenzielle Täter abgeschreckt. Denn meistens werden sexuelle Übergriffe über lange Zeit vorbereitet, sagt Riemann.

Die Täter sind in rund 85 Prozent der Fälle Männer, aber auch in 15 Prozent Frauen. Meist bauen sie ein intensives Vertrauensverhältnis zu ihren Opfern auf, um dieses später auszunutzen. Wie sich das im Vereinsalltag verhindern lässt, auch darüber möchte Reimann in Schemmerhofen sprechen. Er fordert, sexueller Missbrauch dürfe kein „Tabuthema“ bleiben. „Wir brauchen dringend eine Kultur des Hinsehens.“

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