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Lokales

Im Wortlaut: OB Zeidlers Rede zur Heimatstunde


OB Norbert Zeidler bei seiner Rede zur Heimatstunde 2017.
OB Norbert Zeidler bei seiner Rede zur Heimatstunde 2017.
Gerd Mägerle

Biberach sz Es gehört zur Tradition, dass der Biberacher Oberbürgermeister zur Heimatstunde des Biberacher Schützenfests in einer Rede einen Blick auf die Situation in der Welt und in Biberach wirft. Nachfolgend die Rede von OB Norbert Zeidler zur Heimatstunde 2017 im Wortlaut:

„Wer die Nacht nicht ehrt, ist des Tages nicht wert!“ Ich bin 2017 Jahrgänger – Sie können sich vorstellen, meine Nacht war übersichtlich, aber wir haben sie ausgiebig geehrt. Der OB hat dieses Jahr etwas Patina auf der Stimme, aber ich denke, alle zehn Jahre ist das genehmigt. Einen „Guten Morgen“ Ihnen allen!

„Eine gute Zukunft braucht eine gelebte Vergangenheit.“ Jedes Jahr wird die Biberacher Vergangenheit einzigartig in der Heimatstunde lebendig. Nach genau 7 Stunden und 34 Minuten war die letzten Karte verkauft - viermal 855 Plätze! Das spricht für die Qualität der Heimatstunde, das spricht für Leistungen der Schauspieler unter der Regie von Dieter Maucher, das spricht aber auch für das Geschichtsbewusstsein der Biberacher.

Gleich zu Beginn möchte ich den beiden neuen Vorsitzenden der Schützendirektion Rainer Fuchs und Guido Mebold für die Bereitschaft danken, diese große Verantwortung anzunehmen und weiterzutragen. Ich wünsche Euch beiden hierfür Glück und Erfolg und verspreche Euch seitens der Stadt eine konstruktive, das Schützenfest ehrende Begleitung! Ein herzlicher Dank auch an dieser Stelle dem ganzen Team der Schützendirektion für die bestmögliche Vorbereitung und Organisation des Festes.

Meine Damen und Herren, die Erinnerung an das Jahr 1517 und damit 500 Jahre Reformation ist eine sehr gute Chance für unser Land und ganz Europa, um die große Idee der westlichen Welt besser zu begreifen. Die Reformation war eine Revolution des Geistes, und sie ist eine der Geburtsstunden der Neuzeit. Auch deswegen möchte ich Ihnen anhand von drei Luther-Zitaten meine Gedanken zur diesjährigen Heimatstunde näher bringen.

1524 schreibt Martin Luther an die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, „ … dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen.“ Er bringt es darin pointiert auf den Punkt: Dummheit regiert, wenn Bildung krepiert! Das ist hochaktuell, wir sind damit in den höchsten politischen Sphären dieser Welt angekommen.

Da wird aus Great Britain - little England, in Frankreich implodiert das traditionelle Parteiensystem, dass kleine Länder wie Belgien und die Niederlande Schwierigkeiten haben, eine Regierung zu bilden, nehmen wir fast nicht mehr wahr. Präsenter sind uns da die bösen Buben an der Peripherie: Putin in Russland, Erdogan in der Türkei inszenieren sich als tatkräftige Autokraten und lösen im durch und durch heldenbefreiten Deutschland Ängste aus. Niemand aber steht für diese neue Unwissenheit mehr wie Donald Trump, der erratisches im Sinne von unvorhersehbares Handeln geradezu zur Strategie erhoben hat.

Es hat fast 200 Jahre gedauert von der Entdeckung des Treibhauseffektes im Jahr 1824 bis zum Pariser Klimaabkommen. Der amerikanische Präsident braucht ganze vier Monate, um das alles wieder zunichte zu machen. Sein neues Motto lautet wohl: Make America sweat (schwitzen) again! Der Unterschied zwischen Klima und Wetter scheint ihm nicht bekannt zu sein.

Ich möchte Ihnen den Unterschied zwischen einem Aufklärer und einem Fanatiker vermitteln. Aufklärer erschließen sich die Welt wie folgt: Er schaut sich erst die Fakten an und erzählt dann eine Geschichte. Die Fanatiker machen das umgekehrt: Sie denken sich zuerst eine Geschichte aus und passen dann die Fakten dieser Geschichte an – das sind dann die berühmten „alternativen Fakten“. Haben sie sich schon mal mit so jemandem unterhalten? Ich sag nur: „Ganz schön viel Meinung für so wenig Ahnung!“ Für religiöse Fanatiker gilt übrigens die Grundregel: Je größer der Dachschaden, um so schöner der Blick in den Himmel!

Meine Damen und Herren, ich mache mir da Sorgen, genau heute vor einem Monat ist mit Helmut Kohl ein großer Europäer gestorben, so langsam wird aber jede Wahl in Europa zur Schicksalswahl, die Fliehkräfte nehmen zu. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Nachkriegsordnung, die für Frieden und Wohlstand steht.

Die Demokratie geht nicht an ihren Feinden zugrunde, sie stirbt an der Gleichgültigkeit ihrer Freunde. Oder, um es mit dem französischen Philosophen Albert Thibaudet zu sagen: „Links wird zu viel geträumt, rechts zu viel geschlafen. Lasst uns wachsam sein!“

Meine Damen und Herren, Europa ist mehr als Binnenmarkt, als Bananengröße und Bürokratie. Europa steht für Verständigung, Toleranz und die Liebe zwischen den Völkern und den Kulturen, und das müssen wir im Herzen tragen, das müssen wir vermitteln, dafür lohnt es sich einzustehen.

Und wenn wir dann wie letzte Woche beim G20-Gipfel entsetzt sehen, wie gewaltbereite Chaoten unsere freiheitlichen Grundsätze nutzen, um eben diese Freiheit mit Füßen zu treten, dann darf uns das nicht kalt lassen!

Luther zwei: „Anstrengungen machen gesund und stark!“ Wir sollten uns gegenseitig immer wieder zu Anstrengungen anspornen. Jeder für sich, aber auch wir als Gemeinschaft - gerade so, wie wir uns gegenseitig immer wieder auch fordern: Kollegen, Stadträte und Ehrenamtliche, weil ich weiß, was in ihnen steckt. Sie sind das Glück dieser Gegend. Sie sind das Kapital mit der höchsten Verzinsung. Sie sind das Fundament, auf dem es sich bauen lässt. Vielen Dank für Ihr Tun!

Wir haben in den vergangenen Jahren im Gemeinderat und in der Stadtverwaltung ein enormes Tempo bei der Realisierung fast schon unzähliger Projekte an den Tag gelegt. Das hat uns alle gefordert, manche auch überfordert.

Ja, in Biberach läuft Dank unserer Wirtschaftskraft, Dank erfolgreicher Unternehmen und deren Mitarbeiter sehr vieles, auch Neuerungen und Veränderungen, das muss man nicht immer mögen. Der Fraktion der „No nix Nois-Denker“ und der „aber bitte nicht vor meiner Haustür-Aktivisten“ möchte ich Albert Einstein entgegenhalten: „Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“

Biberach, so unsere Überzeugung, soll in einer Welt permanenter Aufgeregtheit, in einer Gesellschaft in erhöhtem Erregungszustand, ein Ort der Stabilität sein und bleiben. Stabilität - das ist nach meiner Überzeugung die große Klammer, die Mehrheiten schafft in einer Demokratie, die fast nur noch aus Minderheiten besteht.

Wie hält man Biberach stabil? Indem man es aktiv wandelt – und es sich nicht wandeln lässt. Was wie ein Paradoxon klingen mag, ist langfristig gesehen der beste Lösungsansatz, aber immer auch eine Gratwanderung. Ja, wir werden bei unserem Stadtslogan bleiben – wenngleich „Wir können alles-außer Brunnen!“ wäre aktuell und vermutlich auch zutreffend.

Biberach, Oberschwaben, das Land Baden-Württemberg, werden im Wandel bleiben. Und wenn Sie auf Ihr Leben schauen, werden Sie auch sagen: Das Unfertige ist der Normalzustand des Lebens!

Luther drei: „Der Glaube bringt den Menschen zu Gott, die Liebe zu den Menschen.“ Als Bibel-Übersetzer hat sich Luther intensiv mit unserer wunderbaren Sprache auseinandergesetzt. Er hat z.B. auch erkannt, dass „lieb“ ein vollkommen singulär deutsches Wort ist. Wo wir Deutschen hören, dass jemand vom „lieben Gott‘‘ spricht, vom „lieben Kind“, von den „lieben Eltern“, da gehe bei uns so etwas wie ein Fenster auf. Es sind Herztöne, die wir da vernehmen, die ein ganz elementares Gefühl von „Zuhause“, auch von Heimat, schaffen.

Freilich muss man Ohren haben, das zu hören, muss eine gewisse Musikalität mitbringen, die es ja auch für Gefühle braucht, für das eigene Körperbewusstsein, aber auch für einen inneren nationalen Kompass. Man nennt es (übrigens ebenfalls nur sehr schwer übersetzbar) Feingefühl.

Schützen, meine Damen und Herren, ist kein Zeitpunkt und keine Jahreszeit, sondern Schützen ist ein Gefühl. Frieden und Wohlwollen in seinem Herzen zu haben, Gottvertrauen und Heimatliebe zu empfinden, freigiebig zu sein, das heißt, den wahren Geist von Schützen in sich zu tragen. Das wünsche ich in diesen Tagen allen Biberacherinnen und Biberachern und allen Gästen unserer Stadt.

Uns allen: Schöne Schützen!

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Kommentare (1)
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Die Rede des Herrn OB Zeidler könnte aus der Feder von GRIMM´S Märchenstunde
sein - Realitätsverlust inclusive - vielleicht sollte er sich lieber mal die hier in der SZ
veröffentlichten Polizeiberichte zu den Sommerfesten durchlesen.......!!?? mehr

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