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Hinter Antisemitismus stand oft schlichte Habgier

Bopfingen rd Gebannt lauschten die Besucher des Vortrags „Historische Voraussetzungen bei der Ausbildung des modernen Antisemitismus“ Professor Dr. Gerhard Hirschfeld, bis vor einem Jahr Direktor der Bibliothek für Zeitgeschichte in Stuttgart. In verständlichen Worten und mit vielen Fakten erläuterte dieser in der Synagoge dieses schwierige Thema. Veranstalter der Gedenkstunde am Vorabend der Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 waren der Trägerverein ehemalige Synagoge Oberdorf und die Vereinigung „Gegen Vergessen – für Demokratie“.

Dr. Alfred Geisel von eben diesem Verein freute sich über die spontane Zusage von Hirschfeld, zum Gedenken den Vortrag zu halten. Geisel betonte bei der Eröffnung, dass neueste Untersuchungen zeigten, dass immer noch über 20 Prozent der Deutschen antisemitische Ansichten hätten. Er selbst glaubt, dies könnte mit einer Vermischung mit den in Palästina ausgetragenen Kämpfen zusammenhängen.

Hirschfeld hoffte an diesem Abend einen leicht zu verstehenden Vortrag halten zu können. Dies ist ihm gelungen. Geschickt band er gleich zu Anfang die Politik der heutigen Zeit mit ein. Er wies darauf hin, dass bis vor kurzem viele noch von einer „christlichen Leitkultur“ sprachen, die sich auf jüdische Wurzeln gründe. Hirschfeld: „Diese Formel ist nicht nur gesellschaftspolitisch bedenklich – sie ist vor allem zutiefst unhistorisch.“ Er betonte, dass bereits eine oberflächliche Kenntnis der abendländischen Geschichte zeige, dass es in den vergangenen 2000 Jahren weder jemals eine christlich-jüdische Symbiose gab noch eine Bereitschaft seitens der Kirchen und der christlichen Mehrheitsgesellschaften in Europa, die zweifellos theologisch vorhandenen gemeinsamen Wurzeln der beiden Religionen anzuerkennen.

Er betonte, dass es seit der Zeit der Kreuzzüge belegbare Beweise für antijüdischen Ausgrenzungen, Verfolgungen und Pogrome gab. Theologische Begründungen, die es seit 1096 gibt, halten sich teilweise hartnäckig bis in das 20. Jahrhundert. Gleichzeitig erklärte der Vortragende auch: „Hinter den Anschuldigungen standen nicht selten, wie aus den zeitgenössischen Chroniken hervorgeht, ökonomische Rivalitäten oder schlichte Habgier, mitunter auch ein diffuser sozialer Protest, der sich gegen eine im allgemeinen recht- und machtlose Minderheit richtete.“

Doch brachte der Professor bei seiner Zeitreise auch die guten Dinge mit ein, die einen wichtigen Beitrag zur Gleichstellung der Juden geleistet hätten. Geschickt band er das Publikum mit in seinen Vortrag ein. Bei seiner Frage, wie viele Juden denn um 1871 in Deutschland lebten, waren die Annahmen der Gäste weit auseinander. So stieß schließlich die Zahl von 512 000 Juden bei einer Gesamtbevölkerung von 41 Millionen Menschen des deutschen Reichs auf große Verwunderung. Hirschfeld stellte somit klar, dass lediglich 1,25 Prozent der Bevölkerung jüdischen Glaubens waren.

Nach dem Vortrag stellte sich Professor Hirschfeld vielen Fragen und beteiligte sich an der lebhaften Diskussion, die noch lange dauerte.

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