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Tettnang
Lokales

Flüchtlings-Familie soll umziehen - unzumutbar?

Hohe Asylbewerberzahlen und Wohnraumknappheit erfordern manchen Kompromiss
Der Umzug der Familie ist erstmal verschoben.
Der Umzug der Familie ist erstmal verschoben.
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Tettnang sz Was ist zumutbar, was nicht? In der Frage der angemessenen Unterbringung von Flüchtlingen bewegen sich Landkreise und Kommunen bisweilen auf einem schmalen Grat, nicht nur bei der Erstunterbringung in Gemeinschafts- und Notunterkünften, sondern auch beim Übergang in die Anschlussunterbringung. Im Bodenseekreis lässt das Spannungsfeld zwischen immer mehr nachkommenden Flüchtlingen einerseits und akuter Wohnraumknappheit andererseits nicht viel Spielraum. Ein aktuelles Beispiel aus Tettnang.

Seit im Spätsommer vergangenen Jahres die ersten Asylbewerber in die Notunterkunft Layer-Halle gezogen sind, kümmern sich Miriam und André Janke als ehrenamtliche Helfer um vier Flüchtlingsfamilien. Drei sind, nach Erhalt der Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre, mittlerweile in Wohnungen umgezogen. In allen drei Fällen hat das laut André Janke reibungslos geklappt. Vergangene Woche erhielt nun auch die vierte, inzwischen im Haus Thanner untergebrachte sechsköpfige Familie ihre Erlaubnis – und sollte in ein Haus nach Frickingen-Altheim umziehen. Wie Janke berichtet, hielt sich die Freude darüber, vorsichtig formuliert, in Grenzen.

Weil Frickingen am anderen Ende des Bodenseekreises liegt – weit weg von den Menschen in Tettnang, mit denen sich die Familie angefreundet hatte. Weil die Entfernungen zu Bushaltestelle und Einkaufsmöglichkeiten groß sind. Weil keine Möbel vorhanden sind und das Bewilligungsschreiben zur Kostenübernahme für Einrichtungsgegenstände noch nicht vorlag. Vor allem aber, weil die Familie sich in dem Haus erneut Bad und Küche mit einer anderen sechsköpfigen Familie teilen sollte. Unzumutbar?

Aus der Sicht von André Janke, bezogen auf diese Familie: Ja. „Diese Menschen haben seit Monaten keine Privatsphäre, jetzt sollen sie wieder mit anderen zusammengesteckt werden“, kritisiert er. Außerdem habe die Familie in Tettnang bereits Kontakte geknüpft und angefangen, sich zu integrieren. „Jetzt werden sie herausgerissen und müssen wieder bei Null anfangen“, sagt Janke. Die Mutter der Familie habe das Ganze so gestresst, dass sie zusammengebrochen sei. Der erste Umzugstermin wurde aufgrund eines entsprechenden ärztlichen Attests schließlich abgesagt.

Miriam und André Janke wandten sich mehrfach ans Landratsamt, um darüber zu verhandeln, ob nicht eine andere Familie vorgezogen und nach Frickingen umgesiedelt werden könnte. Worauf sich die Behörde aber nicht einließ. Mittlerweile hat die Gemeinde Frickingen veranlasst, dass ein zweites Bad und eine zweite Küche im Haus eingebaut werden und zwei getrennte Wohnungen entstehen. Eine Lösung, mit der Jankes und die Familie sich zwischenzeitlich arrangiert haben. Weil die Bauarbeiten noch andauern, ist der für Freitag angesetzte zweite Umzugstermin kurzfristig nochmal verschoben worden.

„Ich verstehe vieles, was Ehrenamtliche sich wünschen, und es ist toll, dass die Menschen sich dermaßen einsetzen“, sagt Yalcin Bayraktar, Sachgebietsleiter Migration im Landratsamt. Man müsse aber eben auch das große Ganze im Blick behalten. „Wenn sich zehn Familien mit Kindern weigern, aus einer Gemeinschaftsunterkunft auszuziehen, müssten wir eine komplette neue Halle als Notunterkunft belegen“, sagt er vor dem Hintergrund, dass pro Monat mehr als 300 Flüchtlinge neu im Bodenseekreis ankommen. Und: „Ich bin froh, dass wir überhaupt Wohnungen anbieten können. In anderen Landkreisen müssen sich auch in der Anschlussunterbringung sechs Familien Küche und Bad teilen“, so Bayraktar. Es sei ihm bewusst, dass die Wohnung in Frickingen „kein Fünf-Sterne-Hotel“ sei, „aber auf jeden Fall besser als eine Gemeinschaftsunterkunft“. Und: Man dürfe nicht vergessen, dass auch einheimische Familien oft nicht in wesentlich besseren Wohnumständen lebten. Generell sei der Standard der Unterbringung im Bodenseekreis vergleichsweise hoch. „Mir persönlich sind jedenfalls keine Bruchbuden bekannt, in denen Menschen untergebracht sind.“ Grundsätzlich sei das Landratsamt sehr kulant, vermittle zusammen mit den Kommunen nicht nur die Wohnungen, sondern organisiere auch die Umzüge. Was die Behörde tatsächlich nicht tun müsste. Im Prinzip müsste das Landratsamt die Flüchtlinge lediglich dazu auffordern, nach Erhalt der entsprechenden Papiere die Gemeinschaftsunterkunft zu einem bestimmten Zeitpunkt zu verlassen – und sie einer Gemeinde zuteilen, die sich dann selber um die Anschlussunterbringung kümmern müsste.

Auch im Leitungsteam des Asylnetzwerks Tettnang sieht man den vehementen Einsatz von Familie Janke eher kritisch. „Frickingen ist nicht aus der Welt. Und wenn die Familie kontaktfreudig ist, wird sie auch dort Anschluss finden“, sagt Eva-Maria Aicher. Priorität müsse aber erst mal haben, die Menschen so schnell wie möglich aus den Gemeinschafts- und vor allem den Notunterkünften zu bekommen. Weil eben auch jene wieder ein Dach über dem Kopf benötigen, die nachkommen. „Wir dürfen dem Landratsamt da nicht zu sehr reinreden, sondern müssen versuchen, in einer guten Kommunikation Lösungen zu finden“, sagt Aicher.

Dass Integration derzeit in Tettnang schwierig ist, sieht aber auch Aicher so – weil es hier bislang fast ausschließlich Notunterkünfte gibt und die Menschen oft nach ein paar Wochen wieder weg sind. „Wenn man nah dran ist an den Menschen, fällt es natürlich schwer, wenn man wieder loslassen muss“, so Aicher. Deshalb hat das Asylnetzwerk die Idee, feste Bezugspersonen für die einzelnen Asylbewerber zu vermitteln, erst mal auf Eis gelegt – bis Unterkünfte gebaut sind, in denen die Flüchtlinge länger bleiben. Bis dahin besteht die Hauptaufgabe des Netzwerks in der Organisation von Deutschkursen und Kinderbetreuung oder auch Alltagshilfen wie Arztbesuche und Behördengänge. „Alles, was Integration vorbereitet“, so Aicher.

Von der Erst- in die Anschlussunterbringung

Der Begriff „Anschlussunterbringung“ wird als Abgrenzung zur „Erstunterbringung“ von Asylbewerbern in Gemeinschafts- oder Notunterkünften verwendet. Die Landkreise sind für die Unterbringung von Flüchtlingen nur so lange zuständig, bis ihr Antrag bewilligt worden ist. Wenn sie ihre dreijährige Aufenthaltserlaubnis haben, spätestens aber nach zwei Jahren, müssen sie die Gemeinschafts- oder Notunterkunft verlassen. Generell dürften sie dann selber entscheiden, wo sie leben möchten, und sich selbstständig um eine Wohnung kümmern. In der Praxis funktioniert das teilweise mit Unterstützung von ehrenamtlichen Helfern, in der Regel stehen die Flüchtlinge aber erst mal ohne Bleibe da.

Drohende Obdachlosigkeit zu verhindern, ist dann wiederum Aufgabe der Kommunen. Theoretisch würde das so ablaufen, dass das Landratsamt den betreffenden Flüchtling einer Kommune innerhalb des Kreisgebietes zuteilt, die sich dann wiederum selber um dessen Unterbringung kümmern muss. Welche Kommune das ist, hat erst mal nichts damit zu tun, wo der betreffende Flüchtling bis dahin untergebracht war, sondern eher damit, wo bisher wie viele in der Anschlussunterbringung leben. „Wir versuchen, das gleichmäßig zu verteilen“, sagt Robert Schwarz, Pressesprecher des Landratsamtes, dazu. Wobei die entscheidende Frage letztlich die ist, wo akut Wohnraum vorhanden ist. „Wir müssen froh sein, wenn wir überhaupt etwas finden“, sagt Schwarz vor dem Hintergrund der Wohnungsknappheit in der Region. In der Praxis sieht es deshalb so aus, dass Wohnungen in Absprache zwischen Landratsamt und Kommunen zur Verfügung gestellt werden.

„Letztlich sind das Angebote“, sagt Schwarz. Angebote, die die Flüchtlinge nicht annehmen müssen, es in den meisten Fällen aber tun. Zwar leben auch in Tettnang bereits Flüchtlinge in der Anschlussunterbringung, den mittel- bis langfristigen Bedarf an Wohnungen wird die Stadt aber nur abdecken können, wenn sie baut – oder bauen lässt. Wie die Stadt das Problem angehen will, ist am Dienstag Thema im Gemeinderat.

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Kommentare (9)
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Zu Beitrag 3: Ich selbst habe bereits 3 Jahre in einem Wohnheim gelebt, als Azubi, dort teilten sich 15 Personen 2 WC`s, 1 Dusche, 1 Badewanne und 1 Küche. Und WOW, Taraaaaa, ich lebe noch! Natürlich ist das kein Luxus, hat aber auch keiner behauptet. Wenn ich aber aus einem Kriegsland komme, in dem ich um mein Leben fürchten muss, kann ich durchaus auch mal froh sein, wenn ich in einem sicheren Land leben darf, auf Kosten der Bürger und mir nur mit einer weiteren Familie ein Bad/Küche teilen muss! Wenn man sich nämlich die Zustände in anderen EU Ländern anschaut, unter denen die Flüchtlinge dort leben müssen, ist das hier wirklich ein jammern auf gang ganz hohem Niveau! Kaum angekommen in einem sicheren Land, schon wird gemeckert und Ansprüche gestellt. Bei sowas platzt mir wirklich der Kragen! Viele, sehr sehr viele Deutsche, Obdachlose, Familien, Arbeitslose, Alte usw. leben in großer Armut und wären froh wenn sie den Luxus einer eigenen Wohnung hätten. Auch wenn es in Frickingen ist! Im übrigen gibt es in Frickingen einen EDEKA, eine Bäckerei, einen Arzt und auch eine Bushaltestelle mit Busverbindungen gibt es da! In dem Ort in dem ich lebe, gibt es keines davon! Die nächste Einkaufsmöglichkeit ist nach 2 km. Und es gibt auch hier Menschen ohne Auto. Die benutzen ihre Füße. Und welch Überaschung, auch sie leben noch! mehr

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Habe es schon mal geschrieben... Ich bin der Meinung das Tettnang hier eindeutig viel zu viel unternimmt im Gegensatz zu anderen Städten und Kommunen. In Tettnang wohnen auch viele Menschen die an das Armutsgrenze leben und das schon mehr als 20 Jahre. Hier wird nicht ehrenamtlich so viel Herzblut gezeigt wie gegenüber jetzt als Beispiel dieser Familie. Mir klar - Krieg und Vertreibung aus dem eigenen Land und der Horror den diese Familie zu teil wurde, jedoch kenne ich KEIN Land in dem die Flüchtlinge mit tosendem Applaus an den Bahnhöfen empfangen worden sind nach dem Motto "Endlich seid ihr da"... diese Bilder gingen um die Welt und haben vielen offen gelegt wie die Vergangenheit Deutschlands in den Köpfen vieler Menschen noch drin steckt. Ich selber habe mit dem Land aus den 40er Jahren rein gar nichts zu tun, bin selber mit Migrationshintergrund und verstehe das Verhalten mancher Leute wirklich nicht. Meine Eltern sind in den 80er Jahren hier her gekommen, haben hart gearbeitet und sich so was aufgebaut. Damals wurde ihnen nicht geholfen - sie haben sich Arbeit gesucht und sodurch ihr Leben re-finanziert und versucht einen Beitrag zu leisten. So wie aktuell die Migranten herkommen (mit der Grundeinstellung das hier alles "geschenkt wird und alle Willkommen sind) wundert es mich nicht das andere Länder alle Menschen nach Deutschland schicken und sagen dort kriegt ihr alles geht nach Deutschland. Wirklich traurig das es hier keine verbindliche EU-Richtlinien gibt, wo sich ALLE dran halten müssen und überall den gleichen Standard verwenden. mehr

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Die anerkannten Flüchtlinge können sich ja eine eigene Wohnung suchen. Die will halt bezahlt werden, aber für einen syrischen Facharbeiter bestimmt kein Problem hier Arbeit zu finden. Die Wirtschaft im Bodenseekreis sucht ja händeringend nach Personal. mehr

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Als wir 1991 nach Deutschland eingereist waren, hat man uns dem Bundesland Baden-Württemberg zugeteilt. Unserer erstes Heim war dann für die nächste 1,5 Jahre eine alte Gaststätte im tiefsten Schwarzwald, ohne Bus, ohne Einkaufsmöglichkeit, ohne einen einzigen Nachbar. Wir waren insgesamt 16 Familien aus Russland/Kasachstan mit einer Küche, 3 WC, 2 Duschen. Unserer Familie mit 5 Personen wurde ein Zimmer von 20 qm zugeteilt. Zum Einkaufen, zum Sprachkurs und zur Schule ging es 3 km zu Fuß durch den Wald. Die erste Wohnung hatten wir erst, als mein Vater Arbeit gefunden hatte. Wir alle erinnern uns aber trotzdem sehr gerne an diese Zeit. mehr

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und noch ein Nachklapp: Frickingen mag zwar "nicht aus der Welt sein" aus Perspektive von uns Autobesitzern, aber mit dem Nahverkehr braucht es vom Zentrum Altheim ins Tettnanger Zentrum (ohne Zusatzwege zu Wohnhäusern) sage und schreibe 2 Stunden und 7 Minuten. Ich habe das eben mal auf Bodo.de abgefragt. Das ist schon echt nicht ohne, wenn man die einzigen sozialen Kontakte dort geknüpft hat. mehr

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Ich bin kein Asylsuchender, habe aber auch Küche sowie Bad mit anderen Bewohnern in einem Haus geteilt. Die Hauptsache wir hatten ein Zimmer und waren nicht ALLEIN.

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Möchten Sie sich mit 12 Personen ein Bad und eine Küche teilen? Das hat ja wohl mit Luxus wenig zu tun.

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Ein Zusammenbruch wegen eines Umzugs... Klingt erstmal albern, ist es aber nicht. Wer sich mit Psychologie befasst, weiß, auf welchem nervlichen Stresslevel sich bereits ein ganz herkömmlicher Umzug befindet und wird die ganze Situation vielleicht ein wenig besser einordnen können. Ich wünsche der Familie jedenfalls einen guten Umzug und... naja... hoffentlich tolle Kontakte in Frickingen. Es ist zwar ein wenig am ADW, wenn man kein Auto hat (was ich einfach mal voraussetze), aber es gibt dort viele nette Leute :). mehr

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Weil die Familie sich eine Küche und ein Bad mit einer anderen Familie teilen muss, wollen sie nicht ausziehen? Zu weit weg, zu wenig Busverbindung, was denn noch? Vielleicht noch Beschwerden dass sie keinen eigenen Koch gestellt bekommen? Oder kein Auto? Oder warum nicht gleich eine ganze Villa? Was erwarten diese Leute? Und vor allem, warum unternimmt keiner unserer Gutmenschen etwas um die Leute aufzuklären? Wenn die Wohnung nicht recht ist, gut, dann geht doch woanders hin. Berlin zum Beispiel. Da werden sie dann sehr schnell merken, dass sie hier bei uns wirklich Luxuswohnungen haben und einfach mal zufrieden sein sollten! mehr

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