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Finden wir uns irgendwann mit allem ab?

„Spirituskreis“ spricht im Studio 17 über vier Bücher rund ums Thema Heimat
Thematisieren die Heimat (von links): Joachim Landkammer, Nikolai Geršak, Maren Lehmann und Christina Weiss diskutieren über Heimatliteratur.
Thematisieren die Heimat (von links): Joachim Landkammer, Nikolai Geršak, Maren Lehmann und Christina Weiss diskutieren über Heimatliteratur.
Lena Reiner

Friedrichshafen sz Der „Spirituskreis“ hat sich am Montagabend zu einem Podiumsgespräch über vier Bücher rund ums Thema Heimat im Studio 17 der Caserne am Fallenbrunnen getroffen. Der soziologisch-philosophische Arbeits- und Diskussionskreis der Zeppelin-Universität (ZU) stellte hierbei „Frost“ von Thomas Bernhard, Robert Schneiders „Schlafes Bruder“, „Eine Dorfgeschichte“ von Katharina Hacker und Josef Bierbichlers „Mittelreich“ in den Mittelpunkt einer Diskussion rund um Heimat, Heimatbilder und deren literarische Wiedergabe.

Die Podiumsdiskussion fand vor der Vorführung des Films „Heimatklänge. Vom Juchzen und anderen Gesängen“ und im Rahmen des Friedrichshafener Literaturherbsts statt. Neben den festen Mitgliedern des Spirituskreises, der Inhaberin des Lehrstuhls für soziologische Theorie an der ZU, Maren Lehmann, der Philosophin und akademischen Mitarbeiterin am selben Lehrstuhl, Christina Weiss, und Joachim Landkammer vom Lehrstuhl für Kunsttheorie und inszenatorische Praxis, nahm Komponist und Organist Nikolai Geršak als Mitleser und Mitdiskutant teil.

„Wenn Sie nur weit sehen, dann passiert noch nichts“, erläuterte Landkammer zu Beginn, wieso sie die Thematik des Literaturherbsts „Weite Sicht“ um ein Element, nämlich das der Akustik, erweitert hätten. „Auch Heimatliteratur braucht etwas Ungewöhnliches, damit sie weiter klingt und nachhallt“, schlug er dann den Bogen zu den vier Heimatromanen, die dieser Begriff nicht so ganz erfassen vermochte, wie sich im Laufe der Diskussion herausstellen würde.

Am Ende bleiben Fragen

Den Auftakt machte Weiss mit einer Zusammenfassung von „Frost“ von 1963. „Ich bin der typische Geschichtenzerstörer“, solle der Autor des Werks in einem Interview einmal gesagt haben und genau das spiegle der Text wieder. Letztlich handle es sich dabei um eine literaturtheoretische Abhandlung, für die die kurze Rahmenhandlung lediglich den Anlass darstelle. „Man sollte das daher nicht als reale Situation interpretieren“, kritisierte sie das Urteil ihrer Mitleserschaft, die den Protagonisten der Geschichte als eitel, narzisstisch und arrogant einstuften. Gersak verriet, dass er bereits im Studium „Schlafes Bruder“ regelrecht verschlungen habe und er positiv überrascht worden sei, dass er sich heute als Leser nicht wie ein Arzt fühle, der die Schwarzwaldklinik anschaue. Die Beschreibung der Musik sei fachlich nämlich korrekt. Das Werk, das dem Thema „Klänge“ am nächsten kam, ließ derweil die übrige Runde als weniger zufriedene Leser zurück. Lehmann stellte anschließend „Eine Dorfgeschichte“ vor, die in fragmentarischen Erinnerungssträngen geschrieben sei, lückenhaft, wie Erinnerungen es seien, mit leeren Flecken dazwischen und Passagen, die nicht richtig zusammenpassten. Landkammer beschrieb es als „das wohltuende Gegenstück zu Bernhard“, eine Rekonstruktion statt einer Dekonstruktion.

Was die Geschichten verband, sei, so war sich die Runde einig, eine wenig positive Definition von Heimat. Was blieb, waren viele Fragen. „Ist das Heimat, dass man irgendwo nicht weggeht oder nicht weg kann?“, fragte Lehmann etwa und: „Finden wir uns irgendwann alle mit diesem Mittelmaß, mit einem ,besser als nichts, ab und leben dann so?“, inspiriert von „Mittelreich“. Der Titel ist übrigens als Attribut zu verstehen.

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