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Europa: Ivo Gönner warnt vor „zerplatzender Illusion“

Langjähriger Ulmer Oberbürgermeister spricht in Laichingen über Europa

Ohne Viertele geht man nicht hoim. Ivo Gönner (links) stößt mit Zuhörern seines Vortrags an, womöglich auch: auf Europa.
Ohne Viertele geht man nicht hoim. Ivo Gönner (links) stößt mit Zuhörern seines Vortrags an, womöglich auch: auf Europa.
Scheiffele

Laichingen memu Das „Haus Europa“ ist keine Reihenhaussiedlung, sondern ein Gemeinschaftshaus mit vielen Wohnungen. Ivo Gönner, ehemaliger Oberbürgermeister von Ulm, hat in einem flammenden Vortrag über die Europäische Gemeinschaft vor etwa 80 Gästen im Auditorium der Volksbank Laichinger Alb die Vorteile dieser großen „Wohngemeinschaft“ hervor gehoben. Eingeladen hatte die Volkshochschule.

Im Gemeinschaftshaus „Europa“ könne niemand mal eben etwas entfernen, um mit dem anderen nichts mehr zu tun zu haben. „Gelegentlich wechselt in diesem Haus die Belegschaft, nicht jeder hat einen Schäferhund, aber es gibt eine Kehrwoche. Es wird gestritten, saniert, es kann um- und angebaut werden. Es gibt Keller- und Dach-, Ein- und Mehrzimmer-Wohnungen, aber auch feste Werte wie den Respekt vor der Würde des anderen. Außerdem halten Demokratie und Rechtsstaatlichkeit dieses Gemeinschaftshaus zusammen.“

Einfach, aber trefflich, versinnbildlicht Gönner damit seine Hommage auf Europa am Ende eines eindrücklichen Vortrages. Dass der Ex-OB reden und mitreißen kann, ist nach seiner 24-jährigen Amtszeit in Ulm bekannt. Dass er politische Inhalte, Fakten und historische Zusammenhänge mit amüsanten Kommentaren versieht, dem Publikum dabei salonfähiges Hochdeutsch mit schwäbischem Dialekt (bewusst eingesetzt) serviert, das ist dann „Ivo“ – der SPD-Politiker zum Anfassen und irgendwie einer all derer, die ihm mit Spannung zuhören an diesem Abend.

Gönner erinnert an zwei historische Daten: Den Ausbruch der Oktoberrevolution am 7. November 1917 während des Ersten Weltkrieges und die Wahl des amerikanischen Präsidenten Donald Trump vor einem Jahr. Warum? „Weil diese Wahl viel in Frage stellt, was die USA bisher war: das Gegengewicht zur russischen Revolution, aber als freiheitlicher Teil der Welt.“

Kater nach der Begeisterung

Gönner holt aus, erinnert an die Aufteilung der Welt in einen westlichen und einen kommunistischen Teil, an zwei Weltkriege, Spaltung, Zerfall, missglückte demokratische Versuche und die Zeit der Nationalsozialisten. An den Marschall-Plan fünf Jahre nach Kriegsende als Versorgungsplan und die Montan-Union, als ersten Gedanke einer Zusammenarbeit europäischer Länder. Zehn Jahre nach Kriegsende schlossen sich die europäischen Staaten Frankreich, Deutschland, Italien und die Benelux-Staaten zur Förderung der gemeinsamen Wirtschaftspolitik zusammen (EWG), und dieser Kern entwickelte sich weiter: Griechenland überwand die Militärdiktatur (Obriskenherrschaft), Portugal (Nelkenrevolution) und Spanien (Franko-Diktatur) stießen ebenfalls dazu. Russland aber ist auseinander gebrochen, baltische Länder fühlen sich zu Europa hingezogen, Polen, Rumänien und Bulgarien werden ebenso im Bündnis aufgenommen. Als „ein politisches Angebot für eine Aufbruchsbegeisterung“, erinnert Gönner und man vermag als Zuhörer diese Phase in sich selbst noch einmal nachzuspüren. Dann die Kehrseite. Diese „wahnsinnige Dynamik“ lässt vieles nicht mehr „nachvollziehbar“ erscheinen. Fazit Gönners: „Eine Sehnsucht nach dem Vorher entsteht. Grenzen zu. Alles beherrschbar, alles steuerbar und so gemütlich wie vorher.“

Wirtschaftlich, so Gönner, sei die Europäische Gemeinschaft (1993 umbenannt) eine Solidargemeinschaft. Ähnlich wie Deutschland. Auch bei uns gibt es einen Länderfinanzausgleich, um schwächeren Regionen auf die Beine zu helfen. Und die EG ist Handelsraum – für Deutschland: „Wir können schaffen, entwickeln und herstellen, was wir wollen. Aber es muss gekauft werden und unser deutscher Markt ist begrenzt“, betonte Gönner, ein Seitenhieb auf England, das Commonwealth und den Brexit. Aber auch Polen und Tschechien würden glauben, zu viel zu zahlen. Sie wollten „selbst steuern“. Und Ungarn wolle eine „liberale Demokratie“ – was immer das heiße, so der gebürtige Laupheimer.

Zukunft spielt in Asien

Natürlich lässt der Ex-OB auch das Thema „Flüchtlinge“ nicht aus, erinnert auch hier an die „Sehnsucht nach dem Vorher“ und hakt nach, fragt: Ist diese Sehnsucht „ethnisch oder völkisch motiviert? Alle aus demselben Stall? Letzteres hatten wir schon einmal“. Dann der globale Bogen. Noch vor 20 Jahren habe Europa an der Weltwirtschaft einen Anteil von 37 Prozent gehabt, 23 Prozent seien es aktuell, und mit neun Prozent könne die EG in 20 Jahren rechnen. Größter Strohhalm für alle Länder Europas ist und bleibe Europa, weil sich die Gewichte der Welt in den asiatischen Raum verlagert hätten. „Indien und China haben mehr Wirkung auf die Weltwirtschaft als wir. Und dann Hoffnung zu haben, man schafft es alleine, das ist eine zerplatzende Illusion.“

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