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Eine junge Frau will nicht länger das Opfer sein

Mobbing per Facebook - leider ein häufig anzutreffendes Phänomen.
dpa

Isny mp Eine 16-jährige Isnyerin wird nach einer Vergewaltigung im Internet gemobbt. Jetzt kämpft sie um Selbstbestimmung.

Gerade als sie denkt, dass es endlich vorbei ist, setzt sich die Leidensgeschichte einer jungen Isnyerin fort: Das Leben der 16 Jahre alten Schülerin erfährt durch die Veröffentlichung zweier Fotos einen entscheidenden Einschnitt. Es ist für die junge Frau bereits der zweite innerhalb kürzester Zeit. Erst wird sie das Opfer einer Vergewaltigung, dann wird sie im Internet gemobbt. Die Ereignisse ergeben eine Geschichte, die am Rande des Naturschutzgebiets Rotmoos in Isny beginnt, sich über ein Gerichtsurteil ins soziale Online-Netzwerk Facebook verlagert und dort ungeahnte Ausmaße annimmt.

Auf einem der Fotos, die im November veröffentlicht werden, ist ein Mädchen zu sehen, 16 Jahre alt, sie blickt direkt in die Kamera, ihr langes blondes Haar liegt über der linken Schulter, der Mund ist zu einem Lächeln geöffnet, die linke Hand zum Gruß erhoben. Auf der Handfläche steht: „Give me 5“. Auf dem zweiten Foto, das wenig später veröffentlicht wurde, ist ein Junge zu sehen, er ist 17 Jahre alt, trägt ein Muskelshirt, der Blick geht ins Leere.

Johanna F. und Konrad P. (alle Namen von der Redaktion geändert) sind zwei Jugendliche, die sich seit der Grundschule kennen. Über die Jahre danach gibt es nichts Außergewöhnliches zu berichten, außer dass Johannas beste Freundin eine Beziehung mit Konrad hatte. „Weil meine beste Freundin ihn geliebt hat, habe ich ihn akzeptiert“, sagt Johanna. Im Sommer 2012 sind Johanna und Konrad abends in der Isnyer Innenstadt unterwegs, später gehen sie in Richtung Naturschutzgebiet Rotmoos. Am Ende dieses Abends wird Konrad verhaftet. Einige Monate später wird er zu fünf Jahren Jugendstrafe wegen Vergewaltigung zweier Mädchen verurteilt.

Zuhause im Gefängnis

Über die Tatnacht erzählt Johanna bis heute nur wenig, bei der Polizei machte sie aber noch in der Nacht eine ausführliche Aussage. Zwei Tage später geschieht an der gleichen Stelle am Rotmoos die zweite Tat. Das Mädchen, eine 15-Jährige, flüchtet sich in die Arme einer zufällig vorbeifahrenden Polizeistreife. Seither sitzt Konrad in Haft, Anfang November wurde das Urteil gesprochen, es ist noch nicht rechtskräftig, die Revision läuft. Sollte diese abgelehnt werden, würde der 17-Jährige in die Justizvollzugsanstalt nach Adelsheim gebracht, um dort seine Strafe abzusitzen.

Johanna befindet sich seit dem Urteilsspruch ebenfalls in einem Gefängnis, so drückt sie es zumindest aus – ihrem Zuhause. Sie hat nach diesem Tag am Landgericht Ravensburg nie wieder ihr Elternhaus ohne Begleitung verlassen. Die Gedanken, aus der Region wegzuziehen, alles hinter sich zu lassen, seien seither mal mehr, mal weniger stark. In die Schule in einer Nachbarstadt, auf die sie seit zwei Jahren geht, bringt sie ihr Vater Rainer F. Die Zeit während des Unterrichts sei die einzige, in der sie ohne Begleitung auskomme, sagt Johanna. Ihre Mitschüler wüssten Bescheid, was passiert ist.

Verhängnisvolles Foto

Nach dem Urteilsspruch am Landgericht Ravensburg machte Johanna ein Foto mit Selbstauslöser von sich in ihrem Zimmer. Das „Gib mir 5“ auf ihrer Handfläche sollte Ausdruck der Genugtuung sein, ein Zeichen, dass sie immer noch da ist, sich nicht unterkriegen lässt – mit verheerenden Folgen. Die 16-Jährige hatte ihr Profil zwar so gut wie möglich geschützt, das Foto konnte sie aber nicht schützen. Freunde Konrads verknüpften das Bild mit ihrem eigenen Profil und kommentierten es. So machte das Thema die Runde. Wenig später ging ein Facebook-Profil online, das den verurteilten Täter zeigt, darunter die Zeile „Unschuldig fünf Jahre in Haft – Free Konrad“. Verantwortlich für die Seite sei die Mutter von Konrads 14 Jahre alter Freundin gewesen, behaupten Johanna und ihre Eltern Rainer und Bettina. Wer auch immer der Urheber war; in den kommenden zwei Tagen spielten sich auf diesem Profil Dialoge ab, die von Beleidigungen bis zu unmissverständlichen Drohungen gegen Johanna reichten. Jugendliche warfen ihr vor, gelogen zu haben und den Geschlechtsverkehr mit Konrad einvernehmlich eingegangen zu sein.

Überwiegend veröffentlichten die Jugendlichen ihre Kommentare mit ihrem Bild und dem kompletten Namen – offenbar ohne über die Konsequenzen für sich und für Johanna nachzudenken. „So sieht kein Mädchen nach einer Vergewaltigung aus“ steht da etwa – in Bezug auf Johannas Foto, auf dem sie lächelt - oder: „Die Wahrheit wird ans Licht kommen!“. Für ein 16 Jahre altes Mädchen hatten ihre Kommentare auf dem Facebook-Profil für Konrad zur Folge, dass inzwischen ein Verfahren wegen Beleidigung gegen sie eröffnet wurde. Das bestätigt die Polizei in Ravensburg.

Hetze im Netz

Als Johanna von der Hetze gegen sie erfuhr, endete das Gefühl, gewonnen zu haben, schlagartig. „Ich habe aufgehört zu sprechen“, erzählt sie. In die Schule ging sie in den folgenden Tagen auch nicht mehr. Eines kam ihr aber nie in den Sinn: Ihr Profil auf Facebook zu löschen. „Dann hätten die gewonnen“, sagt Johanna. Die, das sind auch Menschen, denen sie bis dahin vertraut hatte – und die sie als Freunde und Freundinnen bezeichnete. Schnell habe sich abgezeichnet, dass es nur ganz wenige Menschen gab, die zu ihr hielten, erzählt Johanna.

Nach zwei Tagen wurde das Profil, das für Konrad angelegt wurde, gesperrt. Ein zweites Profil hatte nur wenige Stunden Bestand, dann wurde es ebenfalls vom Netz genommen. Die Bedrohungen gegen Johanna waren damit aber offenbar längst nicht unterbunden. Denn allein traute sich das Mädchen nicht mehr auf die Isnyer Straßen – die Angst, es könnte ihr jemand auflauern, war zu groß. Erst nach und nach versuchte sie es wieder, in Begleitung von Freunden ging sie etwa in den Supermarkt, später sogar ins Café. „Man wird böse angeschaut“, sagt Mutter Bettina. Sie und ihre Tochter hätten immer CS-Gas in der Tasche dabei. „Du gehst raus und hast das Gefühl, nicht zu wissen, wer gut und wer böse ist“, sagt Bettina. Auch ihr Sohn Florian habe schon unangenehme Erfahrungen gemacht. In der Fahrschule wurde er von einem anderen Fahrschüler auf seine Schwester angesprochen, danach ging er nicht mehr hin. „Entweder ich gehe nicht oder ich tue ihm etwas an“, hat er seiner Mutter als Begründung genannt.

Wie es weitergeht? Die vierköpfige Familie F. aus Isny versucht, nach und nach wieder so etwas wie Normalität zu leben. Damit sie irgendwann wieder an dem Punkt sein kann, an dem sie vor dieser Julinacht am Rande des Naturschutzgebiets Rotmoos war. Der Schritt, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, sei ein bewusster und wichtiger gewesen, sind sich Johanna und ihre Eltern einig. Ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstbestimmung.

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