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Ein (kurzes) Gefühl wie Fliegen

Ein Selbstversuch beim Training mit den Turnern des TV Eisenharz

Eisenharz sz Es ist, als würde ich fliegen. Für einen kurzen Moment zumindest. Dann kommt die Matte auf mich zu. Schnell, viel zu schnell. Gerade noch rechtzeitig erinnere ich mich an Roberts mahnende Worte: „Erst mit den Händen abstützen, dann abrollen.“ Geschafft. Stolz kugle ich mich vom Mattenberg herunter. Keiner applaudiert. Denn die Übung, die ich gerade absolviert habe, ist eigentlich als Aufwärmübung für die Nachwuchsturner beim TV Eisenharz gedacht. Ich trotte zurück in die Reihe und stelle mich an für den nächsten Versuch. Dieses Mal schaffe ich es bestimmt noch höher und weiter.

Wirklich geturnt habe ich in meinem Leben bisher eigentlich nie. Gut, im Sportunterricht musste ich mich das ein oder andere Mal am Reck oder Stufenbarren abmühen. Meist gelang mir das mehr schlecht als recht, die Sportlehrerin hatte für meinen Aufschwung nur ein müdes Lächeln und eine gnädige 3 Minus übrig. Und Handstand habe ich mit fünf oder sechs Jahren mal mit einer Freundin auf der Wiese vor dem elterlichen Haus geübt. Sie musste danach mit gebrochenem Arm ins Krankenhaus.

Meine Turnbilanz ist also wirklich eher mäßig. Warum also nicht einen Neustart wagen und bei Drittligisten der Turnbundesliga diese Sportart ganz neu für mich entdecken? So bin ich also im Nachwuchstraining bei Robert Teiber gelandet, der unter anderem die Jugend und die Bundesligaturner in Wangen und Eisenharz trainiert. „In Eisenharz hat Turnen Tradition“, versucht Teiber eine Antwort darauf zu finden, warum gerade hier so viele gute Turner leben. „Es gibt zum Beispiel auch keinen Fußballverein. Die Nachwuchssportler kommen daher aus der ganzen Umgebung zu uns.“

Schwieriger Klassenerhalt

Und sie sind seit Jahren erfolgreich: Seit 2013 turnen Sportler aus Wangen und Argenbühl zusammen in einer Mannschaft in der dritten Bundesliga und haben seither immer den Klassenerhalt geschafft. Leicht ist es allerdings nicht, in der Dritten Liga zu bestehen, erzählt Robert Teiber: „Eigentlich ist unsere Halle zu klein und zu niedrig. Wir haben keine stehenden Geräte, so wie die meisten anderen Mannschaften in der Bundesliga.“ Es fehle auch eine Sandgrube. Wenn in Wangen trainiert wird, hätten die Bundesligisten manchmal gar keinen Platz an den Geräten, weil viele Trainingsstunden aus Platzgründen gleichzeitig in einer Halle abgehalten werden müssten. „Es ist für uns schon sehr schwierig“, sagt Teiber.

An erster Stelle steht neben den Erfolgen daher der Spaß am Turnen für die Bundesligisten und Nachwuchssportler. Und den möchte ich jetzt mal nachvollziehen. Nach der erfolgreich gelandeten Flugrolle geht es weiter mit Dehn- und Gymnastikübungen. Leicht sieht es aus, wie die 12-jährigen Jungs aus der Nachwuchsmannschaft in den Spagat gehen. „Alle drei Seiten immer schön abwechselnd“, gibt der Trainer vor. Alle drei Seiten? Ich muss links und rechts von meiner Matte bei den Nachbarn spickeln. Aha! Erst das linke Bein nach vorne, dann das rechte und dann noch einen seitlichen Spagat. Klar, kein Problem. Immerhin mache ich ja einmal pro Woche für bestimmt 20 Minuten Yoga zu Hause. Meine Knie berühren den Boden, ich muss mich abstützen. Es zieht in den Oberschenkeln und auch mit viel Willenskraft komme ich einfach nicht runter. Durchatmen.

Puh. So einfach, wie es aussieht, ist es eben bei Weitem nicht. Mindestens dreimal pro Woche kommen die Jungs zum Training. Wer mit Zwölf noch keine leichten Übungen der Männermannschaft mitmachen kann, der wird es wohl auch nicht in die Bundesliga schaffen, erklärt Teiber. „Mittrainieren dürfen hier aber alle.“

Beinahe Flickflack

Also auch ich. Nächste Übung: Handstand auf der Matte und abrollen. Das Abrollen streiche ich so gut wie sofort aus meiner gedanklichen Liste der Ziele. Ich konzentriere mich auf die Vorübung: Mit den Händen gut abstützen und dann mit den Füßen an der Wand hochlaufen. Weit komme ich nicht. Für mich fühlt es sich zwar so an, als stünde ich kurz vor einem Flickflack. Ein Blick nach links und rechts auf meine grinsenden Mitturner zeigt aber: wirklich nach Handstand sieht das nicht aus, was ich hier abliefere. Während ich mich noch damit abmühe, mich selbst irgendwie in der Luft und an der Wand zu halten, bauen die Jungs schon ihre Geräte auf. Sechs verschiedene gibt es in der Bundesliga, von Pauschenpferd über die Ringe bis hin zu meinem gefürchteten Reck. Ein bis zwei Geräte turnen die Bundesligisten aus Eisenharz normalerweise bei Wettkämpfen, manche schaffen sogar bis zu vier Geräte wettkampftauglich zu trainieren. Ich probiere noch ein paar Schwünge am Stufenbarren und lass es dann gut sein.

Potenzial sei da, behauptet Robert Teiber am Ende meiner Probestunde: „Ein wenig Arbeit liegt natürlich noch vor dir.“ Ein wenig ist sehr optimistisch ausgedrückt. Ich spüre jetzt schon den Muskelkater, der sich in Armen und Beinen ankündigt. Die nächste Saison in der Dritten Bundesliga geht aber erst im September los. Da hab ich ja noch ein paar Monate Zeit, um zu trainieren.

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