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Ein anderes Leben: Wohnungslos auf Wanderschaft

Begegnung am Straßenrand: Wie zwei Männer durch Land und Leben ziehen

Kurze Station in Laupheim: Holger Deminie (l.) und Matthias Wagner auf dem Weg zum Bodensee.
Kurze Station in Laupheim: Holger Deminie (l.) und Matthias Wagner auf dem Weg zum Bodensee.
Axel Pries

Laupheim sz Auf den ersten Blick sieht das Gespann nach verspäteter Sommer-Radeltour aus: mit Sack und Pack auf dem Stahlross, mit Hund und viel Abenteuer halt. Doch ganz so einfach liegt der Fall nicht bei Matthias Wagner und Holger Deminie, die am Donnerstag in Laupheim kurz Station machten, um dann gen Biberach weiter zu fahren. Denn die beiden Männer spielen kein Freiluft-Reiseabenteuer, sie leben tatsächlich auf der Straße, die sie durch Deutschland und Europa trägt. Oder anders: Sie machen das Beste aus ihrem Wohnungslosen-Dasein, das beide seit Jahren verbindet. Noch eines verbindet sie – auch mit den meisten Wohnungslosen: Sie hatten Berufe und Beziehungen, bis sie auf die Straße ausstiegen.

Das geschah bei Matthias Wagner schon im Jahr 1992. Aus Bitterfeld stammt er, als Seemann hat er gearbeitet, erzählt der heute 57-Jährige. Doch dann wurden in den achtziger Jahren die meisten deutschen Seeleute buchstäblich ausgemustert – und im wiedervereinigten Deutschland war auch Matthias Wagner bei den Verlierern. Das ist der Grund, weshalb er heute noch mit der „Regierung Kohl“ grollt, die damals mitverantwortlich für seinen Jobverlust gewesen sei. Matthias Wagner stieg aus der Gesellschaft aus, lebt seither meist vom Tagessatz für Wohnungslose auf der Straße. Schon ziemlich lange ist auch sein Gefährte Holger Deminie nicht mehr in dem Leben dabei, das als normal gilt. Eigentlich lief bei ihm vieles von Anfang an schief. Er wuchs im Heim auf, erzählt der 44-Jährige. Später hatte er Beziehungen, Familie sogar mit Kindern, erlernte den Beruf des Stuckateurs – aber ein gesetztes Leben wollte in ihm nicht fruchten. Er brach einmal aus, ging auf die Straße, kehrte zurück, bezog in Konstanz eine Wohnung, aber sesshaft wurde er doch nicht. Als er den Vagabunden Matthias Wagner kennenlernte, „da hat es mich mitgerissen“, erzählt Holger Deminie bei einem Kaffee am Stehtisch in der Mittelstraße.

Seine wenige Habe packte er vor Monaten aufs Fahrrad und zog mit dem Abenteurer los, der es durch irgendeine Spendenaktion vor Jahren sogar zu einer Art Liegendfahrrad mit Anhänger gebracht hat. „Mich hält nichts mehr“, sagte er sich. Und die Geschichten des Älteren lockten, war der doch schon an vielen Orten in Deutschland und Europa gewesen. Es hat etwas von einem modernen Selbstfindungstrip, wenn Matthias Wagner von Fahrten am Rhein entlang berichtet, von Ausflügen nach Frankreich und Luxemburg oder von Montpellier und Bremen. Davon zeugen auch die Wimpel am Fahrrad.

Winter können tödlich werden

Dabei selbstständig und ungebunden am Wegesrand oder im Wald zu campen – das klingt mehr nach Freiheit als nach Armut. Schlafsack, Zelt, Decke, Benzin für den Kocher, Wasser, Essen und Futter für den Hund haben sie dabei. Die Männer leben von dem, was der Staat als Mindesteinkommen bietet: „Hartz IV“ oder der Tagessatz für Menschen ohne festen Wohnsitz. Auf der Straße braucht man nicht viel. Bis es kalt wird, dann ist der „Spaß“ rum. Wohnungslose härten zwar ab: „Man gewöhnt sich dran“, erklärt Holger Deminie seine Empfindung in Frostnächten auf der Straße. Aber er weiß auch: Winter kann für Obdachlose tödlich werden.

Deshalb sind Heime, die Menschen wie die beiden im Winter für Wochen, manchmal Monate beherbergen, sehr begehrt. Aber Matthias Wagner rümpft dennoch die Nase. Viele wollen ihn mit seinem Hund „Pero Bequerio“ nicht aufnehmen, manche sind sehr beengt. „Es sind immer mehr auf der Straße“, meint er. Die beiden Reisenden in Laupheim zieht es nach Konstanz in ihr Winterquartier. Sie kamen aus Bremen und wollen möglichst direkt zum Bodensee weiter. Es ist nicht die schöne Landschaft, die sie zurück zieht, nicht einmal die geringe Aussicht auf eine Wohnungsunterkunft. Aber dort kennen sie Menschen, kennt man sie. Matthias Wagner will vielleicht sogar in der benachbarten Schweiz sein Camp aufschlagen: „Dort komme ich zurecht“. Auf die Frage, ob er nicht doch von der Sicherheit eines gesettelten Lebens mit Heim und Job träumt, zuckt sein Gefährte indes die Schultern. Eigentlich hätte das schon was, gesteht er. „Aber dazu habe ich keine Kraft.“

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Eine bedauerliche Engstirnigkeit sticht aus dem vorangehenden Kommentar hervor. Der Autor ist nicht in der Lage zu verstehen, dass Arbeitswilligkeit immer am Arbeitsangebot und dessen Entlohnung scheitert. Ein Manko des Kapitalismus, das Menschen wie dieser Autor nutzen um den knallharten Ausscheidungskampf in der Zivilisation zu einer moralischen Hoheit zu stilisieren. Arbeit ist immer da, aber niemand will sie bezahlen - das ist die Tatsache, weil es sonst an seinem Standesdünkel kratzt.

Ich halte diesen Kommentar für gefährlich sozialrassistisch. Spätestens seit dem FDP-Wahlkampf 2009 gilt es allerdings als gute bürgerliche Tugend, die von keinem Medium mehr gelöscht wird. In diesem Zusammenhang muss aber auch Roland Koch (CDU) erwähnt werden.

Abhängigbeschäftige begreifen sich leider mehr und mehr als Bürgertum, dabei kennzeichnet sich das Bürgertum durch die Tatsache, dass es in Wohlstand lebt ohne sich oder ihrer Hände Arbeit verkaufen zu müssen.

Dieser Kommentator legt den Lesern nahe, den erwähnten Menschen im Artikel der Natur unserer Zivilisation auszusetzen, was nichts anderes bedeutet, als dass sie verhungern und erfrieren sollen. Das begreift er wohl als Toleranz.

Gefühlte Bürgerliche halten Rasenmähen für 5 Euro die Stunde für eine auskömmliche Arbeit. Noch schlimmer ist, sie annehmen sie seinen sozial, wenn sie die Schwächsten in unserer Gesellschaft für solche entlohnte Arbeiten heranziehen. Dabei ist es Ausbeutung der Not - eine sehr neoliberale Einstellung.

Solche Kommentatoren brüskieren sich allerdings niemals über den schamlosen Reichtum, der sich ohne Skrupel vom Steuersäckel aushalten lässt. mehr

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Man darf manchmal schon staunen was unsere SZ für Knaller hervorbringt.

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Aussteiger und Abenteurer?
Eher arbeitscheu und vom Busen der Wohlfahrt schmarotzen.
Warum wird diesen Tagedieben hier eine Plattform geboten?

Fragt den Kollegen Wagner mal ob der auch auf den Montagsdemos gewesen ist.
Eigenes Versagen auf die Wiedervereinigung zu schieben ist doch eher leichter als die Fehler im eigenem Handeln zu suchen.

Kein Mitleid für die Kameraden mehr

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