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Ein Stück Farbfernsehgeschichte in Tettnang

Elektronikmuseum freut sich über ein neues Exponat von 1965 – TV-Experten im Förderverein sind begeistert

Tettnang sz Das Elektronikmuseum nennt seit gestern Abend einen Farbfernseher sein eigen. Der Clou dabei: Es handelt sich um ein Profimodell von 1965, das wohl schon vor der Einführung des Farbfernsehens in Deutschland im Jahr 1967 in einem Studio zum Einsatz gekommen sein muss. Das zumindest ist die Vermutung der Tettnanger Experten.

Fernseher klingt in diesem Fall etwas verniedlichend: 275 Kilogramm wiegt der graue Schrank mit all seinen Schaltungen, Röhren, Einstellknöpfen und der Bildröhre. Das Gerät befand sich ursprünglich auf der Bühne der Firma Brobeil in Dürmentingen. Alexander Baur, der ehemalige Elektromeister, hatte es irgendwo gekauft und dort abgestellt. Mit den Jahren geriet das von der „Fernseh GmbH“ gebaute Gerät in Vergessenheit. Bis es beim Aufräumen des Dachbodens wieder auftauchte.

Deutsches Museum will Exemplar nicht

Das Deutsche Museum in München reagierte nicht auf das Angebot von Firmenchef Rolf Brobeil, der den TV-Schrank stiften wollte. Dadurch kam das Elektronikmuseum Tettnang zum Zug. Mitarbeiter des Unternehmens transportierten den Kasten mit einem sogenannten Treppensteiger ins zweite Stockwerk – normalerweise nutzt das Aufzugsunternehmen das etwa 60 Kilo schwere Gerät für den Transport von Liftgetrieben oder -motoren.

Auf dem Weg nach oben stockte einigen zwischendurch der Atem. An der einen oder anderen Stelle ging es um wenige Zentimeter. Dem Ausruf „Oben!“ folgte denn auch der erleichterte Applaus der Mitglieder des Fördervereins. Als der Bildschirm dann erst zur falschen Seite zeigte, gab es erst nur verhaltene Lacher. Durch die Rollen ließ sich das Gerät dann aber doch recht leicht drehen.

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Hunderte Teile in Gerät verbaut

Jetzt geht es an die Reinigung des Innenraums und eine erste Bilanz – am Ende sollen Besucher Bilder auf dem Bildschirm sehen können. Allerdings relativiert Fördervereinsvorstand Rainer Specker: „Das ist purer Optimismus, wenn ich sage, dass wir das Ding in die Gänge kriegen.“ Hunderte Teile sind in dem Gerät verbaut. Ginge es nur um fehlende Röhren, könnten die Techniker auf ein umfangreiches Lager im Elektronikmuseum zugreifen.

Doch Heiko Dobslaw, einer der TV-Experten im Elektronikmuseum, verweist darauf, dass auch andere Teile defekt sein könnten: „Wir müssen erst einmal alles saubermachen und offensichtliche Schäden beheben. Aber auch dann müssen wir erst einmal alles ausgiebig testen, bevor wir den Netzstecker endgültig einstecken können.“ Für diese Arbeiten werden sicher auch Spenden des Arbeitskreises „Tettnang – regional und fair“ aus einer Mobiltelefonsammelaktion zum Einsatz kommen.

Zwar ist das Gerät innen beschriftet, aber es gibt keine vorhandene Dokumentation. Auch eine Recherche blieb ergebnislos. Das Gerät trägt die Seriennummer „115“, aber Richard Kurz vom Elektronikmuseum mutmaßt, dass „es wohl eher Apparat Nummer 15 sein dürfte, der hier steht“. Sprich: Die Serie beginnt mit der Nummer 101. Dass es nicht viele Geräte gegeben haben dürfte, werde schon daran deutlich, ergänzt Rainer Specker, dass in der Mitte der 1960er allein drei Farbkameras samt Schaltschränken für ein Studio zusammen fast 750 000 D-Mark gekostet hätten. Der Farbfernseher dürfte demnach auch nicht günstig gewesen sein. Die Verarbeitungsqualität ist laut Heiko Dobslaw sehr gut. Zudem gibt es viele Einstellmöglichkeiten.

678 Stunden Betriebszeit

Wie in anderen Profigeräten auch gibt es sogar einen Betriebsstundenzähler. Der steht bei 678 Stunden. Bei dem Fernseher kann jedes Einzelteil gesondert ausgetauscht werden. Hier verweisen die Experten vom Elektronikmuseum darauf, dass es möglicherweise Wartungsintervalle für Bauteile gegeben haben könne, damit das Gerät nicht im Ernstfall ausfalle. So seien sicherlich Röhren regelmäßig nach einer bestimmten Laufzeit ausgetauscht worden, vermutet Richard Kurz.

Mit heutigen Flachbildfernsehern hat das Exponat nichts mehr zu tun. Einige Anschlüsse gleichen sich noch, aber ansonsten ist heutzutage alles digital. Richard Kurz: „Es handelt sich hier um ein Gerät der ersten Stunde, also quasi aus der Steinzeit des Farbfernsehens in Deutschland.“

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