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Aulendorf
Lokales

Ein Leben im Wohncontainer

Syrische Flüchtlinge berichten über ihren Alltag in Aulendorf und ihre Zukunftsträume
Sie wohnen zur Zeit in der Wohncontaineranlage (von links): Abdul Basets, Mahmoud Alis und Hussam Mudhis Zukunft ist ungewiss, aber die jungen Syrer haben Pläne. Automechaniker werden und in eine eigene Wohnung ziehen zum Beispiel.
Sie wohnen zur Zeit in der Wohncontaineranlage (von links): Abdul Basets, Mahmoud Alis und Hussam Mudhis Zukunft ist ungewiss, aber die jungen Syrer haben Pläne. Automechaniker werden und in eine eigene Wohnung ziehen zum Beispiel.
Paulina Stumm

Aulendorf sz Gut zwei Monate ist es nun her, dass der lange leer stehende Wohncontainer im Aulendorfer Spitalweg bezogen wurde. 34 syrische Bürgerkriegsflüchtlinge hat die Stadt dort untergebracht. Einige der jungen Männer wohnten zuvor im ehemaligen Alten- und Pflegeheim. Die „Schwäbische Zeitung“ hat sie besucht, um zu erfahren, wie sie in der neuen Unterkunft zurecht kommen.

Zum Gespräch kommen Hussam Mudhi (25), Abou Archid (27), Abdul Baset (23), Mahmoud Ali (23) und Abdulkarim Jouk (32) im Besprechungsraum im Obergeschoss der Anlage zusammen: ein paar wenige Quadratmeter Container, ein Plastiktisch, ein paar Stühle, das triste containergrau der Wände wird an der einen Wand von einem Plakat mit Hundewelpen unterbrochen, gegenüber hängt etwas verloren eine Weltkarte. Gemütlich geht anders. Der Umzug in die Wohncontainer hatte für Unmut unter den jungen Männern gesorgt. Den Auszug aus dem Alten- und Pflegeheim haben sie als Verschlechterung empfunden.

Dünne Wände, viele Leute

Das Altenheim sei wenigstens ein richtiges Haus gewesen, sagt Hussam Mudhi, der sich schnell als Sprecher des Grüppchens herauskristallisiert und übersetzt, wenn die anderen ins Arabische wechseln. Hier seien zu viele Leute auf engem Raum, die kleinen Zimmer teilten sie sich zu zweit, es sei laut, Privatsphäre kaum zu haben. „Die Wände sind sehr dünn“, erklärt Abdul Baset. Auch, dass sie jetzt weit weg vom Zentrum wohnten, sei schade. Während das ehemalige Altenheim quasi im Herzen der Stadt steht, ist die Wohncontaineranlage abseits gelegen, neben dem ehemaligen städtischen Wertstoffhof, und direkt neben den Altglascontainern.

Dass es am Anfang Klagen gab, in der Wohnanlage mit zwei Gemeinschaftsküchen und -bädern sei es unordentlich und dreckig, wollen die fünf nicht auf sich sitzen lassen. Es habe gar keine Mülleimer oder Sachen zum Putzen gegeben, als sie einzogen, erklären sie. Mittlerweile hätten sie sich organisiert. Einer kauft Putzsachen, ist für ein Stockwerk zuständig und sammelt bei den anderen ein paar Euro dafür ein. Im Moment beschäftigt sie in Sachen Gemeinschaftshaushalt etwas anderes: „Das große Problem ist: nur zwei Waschmaschinen und ein Trockner.“

„Niemand gefällt das hier“, sagt Mudhi, sie seien jetzt seit zwei Jahren hier und wollten sich weiter entwickeln, in eine eigene Wohnung ziehen, eine Arbeit finden – über Familiengründung spricht an diesem Tag keiner, aber auch das dürfte die jungen Männer beschäftigen.

Ein anderes Leben in Syrien

Die ungewisse Zukunft, das wird deutlich, macht ihnen zu schaffen und lässt sie ungeduldig werden. Schwierigkeiten bereitet ihnen aber nicht nur die Zukunft, auch Vergangenheit und Gegenwart drücken mitunter schwer auf die Stimmung. „Viele Leute hier haben psychische Probleme“, sagen sie, ohne Konkretes preis zu geben. Und alle hatten eigentlich ein anderes Leben, daheim, in Syrien.

„Ich säße mit meiner Familie im Garten und wir würden uns unterhalten“, sagt Mudhi dazu, was er wohl an diesem Sommernachmittag tun würde, wenn die Lage in Syrien eine andere wäre. Der 25-Jährige stammt aus Deir ez-Zor im Osten des Landes. Eigentlich wollte er Englischlehrer werden, erzählt er. Jetzt arbeitet er neben dem Integrationskurs der Volkshochschule, den er an vier Vormittagen in der Woche besucht, als Spülkraft in einer Aulendorfer Hotelküche und träumt von einer Ausbildung als Automechaniker.

Auch die anderen haben Pläne. „Ich möchte Krankenpfleger werden“, sagt Mahmoud Ali, der angefangen hatte Biologie zu studieren. Aktuell besucht der 23-Jährige über die Jugendintegrationshilfe einen Deutschkurs in Ravensburg. Auch Abou Archid besucht einen Integrationskurs in Ravensburg. In Damaskus war er Elektroniker. Abdul Baset geht zum Sprach- und Integrationskurs nach Weingarten und macht ein dreimonatiges Malerpraktikum in Altshausen. Er wünscht sich, einen Ausbildungsplatz zum Gipser und Maler zu finden, in dem Beruf habe er in Syrien schon sechs Jahre gearbeitet.

Der fünfte in der Runde, Abdulkarim Jouk, ist ein paar Jahre älter als die anderen, besucht einen Alphabetisierungskurs an der Volkshochschule und bringt Erfahrung als Fliesenleger mit. In diesem Beruf hat er eine Anstellung in Aussicht. Mit dem Arbeitsvertrag würde die Residenzpflicht aufgehoben. Wenn er dann eine Wohnung findet, wird er den Wohncontainer und Aulendorf bald verlassen. Jouk hat den Nachzug seiner Familie beantragt.

Integrationsziel: Mit Leuten reden

Fragt man die jungen Männer, wie es um ihre Integration in Aulendorf steht und wie sie sich vorstellen, wie Integration funktioniert, wird es erst einmal still am Tisch. Nach einer kurzen Übersetzung dieser Nachfrage entspinnt sich eine kleine Diskussion auf Arabisch. „Arbeit“, sind sie sich schließlich einig, sei der Schlüssel, darüber bekomme man Kontakt zu Deutschen, der bleibe. Und: „Mit Leuten sprechen“, sagt Archid, der bislang eher still am Tisch saß. Kontakt zu Aulendorfern hätten sie wenig, in die Bar „Irreal“ gingen sie manchmal. Es sei nötig, raus zu gehen und viele Leute zu treffen, findet auch Mudhi. Noch allerdings, blieben viele auf ihren Zimmern. „Es ist nicht einfach, ein neues Leben anzufangen.“

Ihr Kommentar zum Thema
Kommentare (3)
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@2
"Ich frage mich warum zum Großteil nur junge Männer flüchten."

Bei der wahrnehmbaren Häufung kann es nur so zu erklären sein, dass diese Gruppe Schutzsuchender durch Krieg und Armut in besonderem Maße bedroht und gefährdet wird. mehr

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Ich frage mich warum zum Großteil nur junge Männer flüchten.Lassen die Frau und Kind im Bürgerkrieg zurück? Würden sie wirklich vor Krieg flüchten wären sie bescheidener.Aber die sozialen Medien haben eben ein goldenes Land vorgegaukelt.Auch in einem Land wie Deutschland heißt es :"Ohne Fleiß,kein Preis" ! mehr

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„Niemand gefällt das hier“

Der Bericht offenbart dementsprechend von Anfang bis Ende Enttäuschung und Unzufriedenheit mit der Wohn-, Arbeits- und Ausbildungssituation. Gemessen an den Lebensbedingungen der meisten Bürger ist dies durchaus verständlich.

Die Ursachen sind aber vermutlich nicht in schlechter Behandlung durch den Gastgeber, sondern eher in einer möglicherweise unrealistischen Erwartungshaltung zu suchen. Manche Dinge brauchen Zeit,

Die unbestrittene Attraktivität Deutschlands als Zufluchtsort beschränkt sich zwangsläufig zunächst auf eine durchaus respektable Versorgung in einem freien, friedlichen Land. Alles andere, angefangen beim Erwerb der deutschen Sprache als Voraussetzung für alles weitere, braucht Zeit und echte Leistungsbereitschaft.

Vergleichsmaßstab können nicht die Lebensbedingungen der arbeitenden Bevölkerung sein.Wer nicht nur über Deutschland sondern auch über die Versorgung von Schutzsuchenden in bestimmten außereuropäischen und auch anderen europäischen Ländern informiert ist sollte verstehen, dass die Sogwirkung in dieses Land kein Zufall, sondern Folge solcher Vergleiche ist.

Man muss für die Gewährung eines Grundrechts nicht dankbar sein, aber bei aller Unzufriedenheit auch mal ein kleines Signal der Anerkennung übrig zu haben würde der Integration gewiss nicht schaden.

Es gibt bestimmt auch viele hart arbeitende Menschen, die mit ihrer materiellen Situation auch nicht immer rundum zufrieden sind, die aber das Angebot dieses Grundrechts auf Asyl mit ermöglichen. Vielen Ressentiments kann man entgegen wirken.

Kosten tut das nichts.

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