Schwäbische.de Schwäbische.de
Heiter 5
Tuttlingen
Lokales

Ein Anruf nach sieben Jahren

Der lange Weg zum Kind – Ein junges Tuttlinger Paar erzählt vom Warten und Hoffen auf ein Adoptivkind
Hoffen und bangen: Sieben Jahre lang wartete ein Tuttlinger Paar, bis es ein Kind adoptieren konnte.
Hoffen und bangen: Sieben Jahre lang wartete ein Tuttlinger Paar, bis es ein Kind adoptieren konnte.
Colourbox

Tuttlingen sz Seit Anfang Mai sind Maike und Marc W. (Namen von der Redaktion geändert) die Eltern des kleinen Tim. Was sich scheinbar normal anhört, ist jedoch alles andere als selbstverständlich. Es war ein anderer Mann, der Tim zeugte und eine andere Frau, die ihn zur Welt brachte. Wenn er älter wird, werden seine Eltern ihm von seiner „Bauchmama“ erzählen. Maike W., die an ihrer Stelle Tim durchs Leben begleiten wird, ist seine „Herzmama“.

Es war im Frühjahr 2011, als das junge Tuttlinger Paar die Diagnose erhielt, keine eigenen Kinder zeugen zu können. „Für uns brach eine Welt zusammen“, erinnert sich Maike W. an diese Zeit zurück, „plötzlich wird die komplette Lebensplanung über den Haufen geworfen, das war ein richtiger Schock“. Unvorstellbar war es für beide, ein Leben ohne Kinder zu führen, „Kinder haben für uns einfach immer dazugehört“.

Schnell zog das junge Paar die Möglichkeit einer Adoption in Betracht und wurde nach dem üblichen Aufnahmeverfahren bei einer kirchlichen Vermittlungsstelle als Adoptiveltern anerkannt. „Wir haben uns dort gut betreut gefühlt, aber man hat uns auch klar gemacht, dass es sehr wohl sein könne, kein Kind zu bekommen“, erzählt Maike W. Das Problem: Viele Bewerber und wenig Kinder, die überhaupt zur Adoption freigegeben werden.

„Zwischendurch Thema schon abgehakt“

Sieben Jahre wartete das Tuttlinger Paar auf einen Anruf, von dem nicht einmal sicher war, ob er je kommen würde. „Zwischendurch hatten wir das Thema schon abgehakt, auch wenn ich immer noch ein bisschen Hoffnung in mir hatte“, erzählt Maike W. von dieser langen Zeit des Wartens und des Hoffens. Zwischenzeitlich telefonierte sie auch viele Jugendämter in ganz Deutschland ab, „doch überall gab es Absagen“.

Doch dann, an einem Dienstagmorgen, klingelte das Handy. „Ich saß gerade im Auto und war auf dem Weg zu einem Termin“, erinnert sich die Tuttlingerin zurück. Ein Kind sei zur Welt gekommen und sie sollten am besten noch am selben Tag in dessen rund 500 Kilometer entfernte Geburtsstadt kommen. „Es war wie im Traum“, so Maike W., „wir haben uns so gefreut – und doch war es irgendwie unwirklich.“ Mit einigen von der Schwester ausgeliehenen Babysachen im Gepäck machte sich das Paar auf die Reise.

Und da war Tim: „Ich habe mich auf den ersten Blick in ihn verliebt“, erzählt die junge Mutter, als sie das Neugeborene in der Klinik sogleich in den Arm nehmen durfte. Geboren von einer jungen Frau, die nach einem One-Night-Stand ungewollt schwanger geworden war und eine Abtreibung von Anfang an abgelehnt hatte. Auch mit ihr trafen Maike und Marc W. zusammen – die selbst viele Fragen an das Paar hatte, das Tim an ihrer Stelle durchs Leben begleiten würde. „Es war eine schöne Begegnung und ich habe großen Respekt vor dieser Frau, die ihr Kind austrägt, um es dann anderen zu geben“, sagt Maike W.

Von heute auf morgen begann für die junge Adoptivmutter eine andere Zeit. Gestern hatte sie noch gearbeitet, nun war sie plötzlich in Elternzeit. „Mein Arbeitgeber hatte zum Glück großes Verständnis“, sagt sie, „und auch in die Mutterrolle bin ich schnell hineingekommen.“ Acht Wochen lang mussten sie und Ehemann Marc noch im Ungewissen leben, da in dieser Zeit die leibliche Mutter ihr Kind hätte zurückverlangen können.

Vier Monate später sind Maike und Marc W. nur noch glücklich und dankbar darüber, nach sieben Jahren doch noch zu einer richtigen Familie geworden zu sein. Und wenn Tim zwei Jahre alt geworden ist, wollen sie sich erneut bewerben – schließlich soll ihr Sohn kein Einzelkind bleiben.

Ihr Kommentar zum Thema

 
URL: http://www.schwaebische.de/region_artikel,-Ein-Anruf-nach-sieben-Jahren-_arid,10732552_toid,705.html
Copyright: Schwäbisch Media Digital GmbH & Co. KG / Schwäbischer Verlag GmbH & Co. KG Drexler, Gessler. Jegliche Veröffentlichung, Vervielfältung und nicht-private Nutzung nur mit schriftlicher Genehmigung.
Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an online@schwaebische.de.