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„Dienstleistung hat ihre Grenzen“

Serie „Zeit für Familie“ – Gönnen Geschäfte Mitarbeitern an Heiligabend den freien Tag?

Silke Reh vom Laichinger H-Markt (an der Kasse) findet: „Gegenüber den Mitarbeitern ist eine Öffnung unfair.“
Silke Reh vom Laichinger H-Markt (an der Kasse) findet: „Gegenüber den Mitarbeitern ist eine Öffnung unfair.“
Köpf

Laichingen sz Heiligabend fällt dieses Jahr auf einen Sonntag. Geschäfte dürfen an diesem Tag trotzdem ihre Pforten öffnen – allerdings nicht länger als drei Stunden und nicht über 14 Uhr hinaus. Wie handhaben es die Geschäfte auf der Laichinger Alb? Öffnen sie, oder gönnen sie ihren Mitarbeitern an Heiligabend „Zeit für Familie“?

Ladenschlusszeiten sind Ländersache. Und in Baden-Württemberg gilt, dass Händler selbst entscheiden können, ob sie ihre Türen am 24. Dezember öffnen wollen. Diese Sonderregelung besteht für Läden, in denen vor allem Lebens- und Genussmittel angeboten werden. Dazu gehören auch Tannenbaum-Verkaufsstellen, Bäckereien und Blumenläden.

Wie gehen die Händler in Laichingen und der Umgebung mit dieser Situation um? Eine kleine Überraschung: Tatsächlich haben sich alle Händler, die von der SZ angefragt wurden, gegen eine Ladenöffnung an Heiligabend entschieden. Nur Netto, der in Merklingen und Heroldstatt vertreten ist, konnte noch keine Angabe dazu machen. Die Albbäckerei Wörz in Feldstetten hingegen teilt mit, dass an Heiligabend nicht geöffnet wird. Und auch eine Mitarbeiterin der Bäckerei Becka Beck in Laichingen meint: „Wir hatten die letzten Jahre an Heiligabend immer geöffnet und möchten jetzt mal frei haben.“ Auch die Bäckerei Kirsamer wird ihre Türen an Heiligabend geschlossen halten. „Man muss mal einen Punkt setzen“, sagt Gerhard Grammer.

Verkäuferin Nicole Erz von der Bäckerei Erz in Suppingen meint, sie würde allgemein keine verkaufsoffenen Sonntage unterstützen, vor allem nicht, wenn an diesem Tag Heiligabend sei. „Unter der Woche haben die Läden sowieso schon lang genug geöffnet, da sollte jeder es hinbekommen, alles was man braucht, rechtzeitig einzukaufen.“ Sie hätte deshalb ein allgemeines Öffnungsverbot am Sonntag unterstützt, denn „wenn ein Laden aufmacht, ziehen die anderen mit“.

Blumenläden und Tannenbaum-Verkaufsstellen auf der Laichinger Alb teilen dieselbe Meinung. Simone Rehm, Chefin des Blumenladens Rehm in Westerheim, sagt: „Jeder hat heutzutage eine Gefriertruhe daheim. Es reicht aus, unter der Woche einkaufen zu gehen.“ Auch sie selbst als Kundin verspüre nicht den Wunsch, am Heiligabend einkaufen gehen zu können. Susanne Elser schließt sich dem an: „Unter der Woche ist an allen Tagen viel los, da ist der Sonntag zur Entspannung da“, meint die Chefin des Blumenladens Elser in Laichingen. Sie würde außerdem ein allgemeines Verbot zur Ladenöffnung am Sonntag befürworten: „Warum ist dieser Sonntag wegen Heiligabend anders als ein anderer Sonntag?“

Konkurrenzdenken

Ähnlich sieht dies Claudia Lenz, Chefin vom Pflanzenhof Lenz: „Vor den Feiertagen ist der Laden meistens voll, und auch der Heiligabend ist normalerweise ein sehr umsatzstarker Geschäftstag. Aber wenn dieser auf einen Sonntag fällt und man tatsächlich geöffnet hat, kommt niemand mehr.“ Und auch allgemein würden die meisten Laichinger an den verkaufsoffenen Sonntagen nicht zum Einkaufen gehen, deshalb beschere solch ein Tag dem Laden eher kein Geschäft. Sie selbst würden aber auch aus Kollegialität den anderen Läden gegenüber nicht öffnen, wenn diese geschlossen blieben.

Denn das Konkurrenzdenken würde schnell in den Vordergrund rutschen, weshalb ein allgemein geltendes Verbot in ihren Augen sinnvoll sei. Als Kundin würde sie auch am Heiligabend-Sonntag nicht einkaufen gehen: „Weihnachten ist jedes Jahr am selben Datum, und wer bis Heiligabend seine Sachen nicht unter Dach und Fach hat, schafft es an Heiligabend auch nicht mehr.“ Immerhin: Am Samstag vor Heiligabend hat Lenz verlängerte Öffnungszeiten.

Hans-Martin Striebel, der Chef von Striebel Haus des Gartens, lässt verlauten, dass der Betrieb am Sonntag auf jeden Fall geschlossen sei und eine Öffnung gar nicht zur Diskussion stehe. Personalleiterin Luise Zeifang sagt: „Allein die Debatte darüber, ob an Heiligabend geöffnet werden soll, zeigt den Werteverfall unserer Gesellschaft. Alle Mitarbeiter sind froh, dass nicht geöffnet wird.“ Der ganze Tag des Heiligabends solle geehrt werden und die mögliche Ladenöffnung hätte verboten werden sollen, findet Zeifang.

„In Ruhe feiern“

Wie sieht es bei den Lebensmittelhändlern aus? Die Discounter Aldi Süd und Aldi Nord haben angekündigt, ihre Filialen am Sonntag geschlossen zu lassen, demnach auch in Laichingen. „Am Heiligabend denken wir hier vor allem an unsere Mitarbeiter, die nach einer langen, intensiven Woche in Ruhe das Weihnachtsfest begehen sollen“, ließ das Unternehmen in einer Pressemitteilung verlauten. Bei Edeka ist das anders: „Die überwiegende Zahl der Edeka-Märkte wird von selbstständigen Kaufleuten betrieben“, lässt Christhard Deutscher von Edeka Südwest wissen. Diese würden eigenständig entscheiden, der Rest würde aber sicher nicht öffnen.

Und in Laichingen? Hier teilt man mit, dass der Supermarkt nicht öffnen werde – sofern sich die Entscheidung der Zentrale nicht ändert. Der Laichinger Markt wird eben nicht von einem selbstständigen Kaufmann geführt. „Den Laden wegen drei Stunden zu öffnen, lohnt sich allein schon vom kaufmännischen Gedanken her nicht. Der Markt braucht drei Stunden Vorlaufzeit, um überhaupt öffnen zu können, da Fleisch und Obst frisch angeboten werden. Das zahlt sich absolut nicht aus“, heißt es aus dem Laichinger Markt. Auch der H-Markt hat an Heiligabend geschlossen. Chefin Silke Reh meint: „Am Samstag haben wir länger offen, da werden alle bekommen, was sie brauchen, niemand muss verhungern. Die Dienstleistung hat ihre Grenzen, gegenüber den Mitarbeitern ist eine Öffnung unfair.“ Sie selbst sei ganz geschockt gewesen, als sie von der Diskussion erfuhr. Außerdem würde sie als Kundin selbst die Chance auch nicht nutzen wollen, an Heiligabend noch letzte Besorgungen erledigen zu können.

Zusammenfassend kann man sagen: Viele Unternehmen in Laichingen und der Umgebung sind familienfreundlich. Denn zum Vorteil ihrer Mitarbeiter denken sie nicht an zusätzlichen Umsatz, den sie mit einer Öffnung am Heiligabend-Sonntag erreichen könnten. Sie geben ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, den Heiligabend in aller Ruhe zu genießen, und schaffen somit „Zeit für Familie“.

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