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Biberach an der Riß
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Die Reformation kommt mit Macht nach Biberach

Heimatstunde des Schützenfests widmet sich den religiösen Auseinandersetzungen vor 500 Jahren

Von der Zeit der Reformation in Biberach handelte die diesjährige Heimatstunde des Schützenfests.
Von der Zeit der Reformation in Biberach handelte die diesjährige Heimatstunde des Schützenfests.
Günter Vogel

Biberach sz Mit dem Beginn der Reformation vor 500 Jahren und ihrem Weg nach Biberach hat sich die Heimatstunde des Schützenfests befasst. „Allein aus Glaube - allein aus Gnade“ hat Autor und Regisseur Dieter Maucher seine zehn Szenen betitelt, die zeigten wie der evangelische Glaube in den Jahren von 1516 bis 1531 gegen manchmal harten Widerstand der Katholiken in Biberach eingeführt wurde. Musikalisch eingeleitet wurde das Stück von den Spitaltrommlern der Mali-Schule.

Am Vorabend der Reformation wird gezeigt, wie weit verbreitet soziales Elend ist. Die Ärmsten haben nicht genug zum Leben, müssen hart arbeiten. Die Armen klagen: „Kaum ein Weber wird älter als 30.“ Von den Erlösen des von ihnen gewebten Qualitäts-Barchent bekommen sie am wenigsten. Das Meiste blieb Zwischenhandel im Geldbeutel, auch bei den Patriziern. Die Mönche vom Kloster Eberbach, denen seit 1349 die Pfarrei St. Martin gehört, beherrschen die Stadt.

Schlechte Moral der „Gottesdiener“

Die schlechte Moral und Gier dieser „Gottesdiener“ wurde beklagt. Ihre Wirtshauszechen bezahlen sie nicht. Maucher vermittelt diskret, aber drastisch, wie der Mönch Egidius (Ulrich Berg) ein armes hübsches Mädchen (Petra Sontheimer) vergewaltigt. Als dann ein Kind geboren wird, tauft er seinen eigenen Abkömmling. Die junge Mutter wird vom verwitweten Schneider Paternosterer (Marcus Pfab) und dessen zwei Kindern aufgenommen. Die adeligen katholischen Würdenträger geben allesamt keine gute Figur ab.

Der Regisseur lässt auf mehreren Handlungsebenen spielen, als da sind die katholischen Priester mit ihrem geistigen Beherrschungsmonopol der Gläubigen. Da sind die Pfründner, die vom Spital versorgt werden. Da sind die Handwerker, denen es wirtschaftlich schlecht geht. Es erscheinen die ersten Schriften von Martin Luther. Die Menschen kaufen sie trotz ihrer Armut. Luthers zentrales Thema: Er stellt das das gesprochenen Wort des Evangeliums gegen Papst und die katholische Kirche. Die Meinungen prallen scharf aufeinander. Die Geistlichkeit appelliert an die Stadtregierung, die „Lutherei“ zu verbieten. Der Stadtrat will auch die Bücher des Reformators verbieten lassen Der Großteil der Bevölkerung erwarten von Luther aber mehr Freiheit und auch mehr Geld.

Maucher typisiert scharf einige der Hauptfiguren des Spiels. Da treiben korrupte Gestalten ihr betrügerisches Unwesen. Vor allem ist das der Rat Eggelspach (Martin Schäffer), der mit dem Nachtwächter (Jan Sandel) und dem Bettler (Günther Bilsky) seine intriganten Geschäfte auf Kosten der Bauern und Handwerker treibt: „Ein Teil für dich, neun Teile für mich!“ Und seine Empfehlung für die Luther-Schriften lautet: Bücher konfiszieren, nicht verbrennen, unterschlagen und wieder verkaufen und „neun Teile für mich.“ Eggelspach ist der klassische Krisengewinnler.

Prediger wieglt das Volk auf

Prediger Bartholomäus Müller (Hans-Joachim Bündgen) wiegelt das Volk auf. Die geraten in entsprechende Stimmung, wollen die Patrizier über die Mauern von Schloss Schemmerberg werfen. Eine große Auseinandersetzung zeichnet sich ab: Die Bauern gegen den Schwäbischen Bund. Sie werden angeführt von Ulrich Schmied von Sulmingen mit dem Baltringer Haufen und stehen gegen den von Waldburg.

1528 verändern sich die Schwerpunkte im Rat. Handwerker werden Ratsherren. Der erste Patrizier, Christoph Gräter (Manfred Buck) bekennt sich zur evangelischen Kirche, protestiert gegen die Katholiken. Der Protestantenbegriff für die lutherische Religion entsteht. Gräter wird der erste evangelische Bürgermeister, unterstellt die Geistlichkeit der städtischen Gerichtsbarkeit. Es wird entdeckt, dass viele Biberacher Frauen, selbst die Eggelspacherin, Verhältnisse mit den Eberbacher Mönchen hatten. Zum Schluss wird berichtet, dass die wütenden Ehemänner gegen die Mönche kaum zurückzuhalten waren. Eine Abstimmung in der Stadt ergibt, dass nur 70 Bürger dafür sind, Katholiken zu bleiben, darunter 13 Geistliche und 14 Adlige.

Spannend und beeindruckend

Das waren 90 Minuten sehr spannendes, beeindruckendes historisches Theaterspiel, und zum Schluss sangen Evangelische wie Katholische auf der Bühne umd im Zuschauerraum gemeinsam „Rund um mich her ist alles Freude“.

Der neue Vorsitzende der Schützendirektion, Rainer Fuchs, bedankte bei Freunden und Förderern des Schützenfests und bei allen Mitwirkenden dieser so sehr gelungenen Heimatstunde für „harte Arbeit für Gotteslohn“. Er hebt die seit langem bestens bestehende Zusammenarbeit zwischen Dramatischem Verein und Schützendirektion hervor.

Stadtarchivarin Ursula Maerker hatte vor Beginn des Spiels über die historischen Hintergründe des damaligen Geschehens gesprochen.

Am Beginn des 16. Jahrhunderts ist die alte Welt im Umbruch. Kurz zuvor wurde eine neue Welt – Amerika – entdeckt. Die Bevölkerung wuchs, Nahrungsmittel wurden teurer, Arbeitskräfte billiger. Für die Menschen bedeutete das Unsicherheit, Angst und Armut.

In Biberach lebten damals etwa 3500 Menschen; eine mittelalterliche Mauer schützte vor kriegerischen Angriffen. Das neue Rathaus war gerade einmal zehn Jahre alt. Ende des 15. Jahrhunderts hatte das städtische Territorium seine größte Ausdehnung erreicht und war nach Ulm das größte in Oberschwaben.

Biberach hatte sich administrativ zwar weitgehend von seinem Stadtherrn, dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation lösen können, doch blieben die Habsburger, seit 1436 deutsche Könige und römisch-deutsche Kaiser, rund um die Stadt gegenwärtig. Biberach wurde von einem Rat aus zwei Gremien regiert mit 24 und 88 Mitgliedern. Der „Kleine Rat“ bestimmte die städtische Politik, die Zünfte hatten eine nominelle Mehrheit, die Spitzenpositionen blieben jedoch dem städtischen Adel vorbehalten. Hauptsäule des Biberacher Wirtschaftsleben war das Handwerk.

Und das kirchliche Leben? 1349 wurde die Pfarrei St. Martin dem Kloster Eberbach im Rheingau zugeschlagen. Der Abt bestimmte den Biberacher Pfarrer, die Einnahmen der Pfarrei gehörten dem Kloster. Der Verwalter der hiesigen Güter residierte im „Eberbacher Hof“ in der heutigen Schulstraße. Anhäufung und Ausuferung geistlicher Handlungen war die Folge.

Jährlich wurden von 19 Geistlichen in Biberach etwa 7500 Messen gelesen. Ursula Maerker sprach von „religiösen Leistungsgesellschaft“ in Biberach.

Erste reformatorische Ideen kamen zu Beginn der 1520er-Jahre nach Biberach. Zunächst stellte sich der Rat gegen die Reformen, diese ließen sich aber auf Dauer nicht verhindern. 1525 erhoben sich im Spitalgebiet die Bauern gegen ihre Herren, beriefen sich auf Luther, stellten Forderungen. Beim Augsburger Reichstag fiel 1530 die Entscheidung für die Reformation. 1531 bis 1546 wurde sie in Biberach umgesetzt. Ein Jahr später musste sich Biberach aber wieder dem Kaiser unterwerfen, und 1548 wurde in der Stadtpfarrkirche wieder die katholische Messe gelesen. Das war das Geburtsjahr der simultanen Nutzung der Kirche.

Im Augsburger Religionsfrieden von 1555 wurde für Biberach die Bikonfessionalität festgeschrieben. Man ging zum katholischen oder evangelischen Metzger, in die katholische Marktapotheke oder die evangelische Kronapotheke. Gegensätze, von denen im frühen 21. Jahrhundert nichts mehr zu spüren ist.

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