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Die Rabenstraße wird zum Mütter-Highway

Die Anstifter spiegeln im Kulturhaus die Kuriositäten des kleinbürgerlichen Lebens und der Weltpolitik wider

Laupheim sz Das Rathaus wird zum Erotik-Center, die Rabenstraße dreispurig und Winnetou neuer Laupheimer Oberbürgermeister. Kaum vorstellbar – es sei denn, man gehört zur Kabarettgruppe „Die Anstifter“, die am Wochenende bei zwei restlos ausverkauften Vorstellungen im Kulturhaus das Publikum mit schrägen Ideen und klugen Gedanken bestens unterhalten hat. Vermutlich erkannte sich mancher Besucher wieder in den „Spiegelungen“, so der Titel des gut zweistündigen Programms.

Gewiss befand sich unter den Zuschauern die eine oder andere Helikopter-Mutter, die von Annika Halder, Eva Nertinger-Merz und der kessen Debütantin Milena Hänisch auf dem Parkbänkle köstlich persifliert wurden. Da wird den Kindern von Geburt an Mandarin gelehrt, um die Sprachkompetenz frühzeitig zu fördern, und beklagt, dass es in der Stadt noch keinen Drohnen-Führerschein für Kindergartenkinder gibt. Ganz wichtig ist freilich die Unterschriftenaktion „FFFM“ – „Freie Fahrt für Mütter – wir fordern den dreispurigen Ausbau der Rabenstraße“.

Jede Menge Wiedererkennungswert besaß auch der Sketch „Hüftgold“, bei dem Halder, Nertinger-Merz und Marlies Grötzinger im Sportstudio eine gute Figur machen und über Fitness- und Ernährungsfragen fachsimpeln, ehe frau der Lactose-Intoleranz trotzt und am Ende doch in die Pizzeria drängt, denn: „Auch mit Dünnpfiff lässt sich abnehmen.“ Passend zum Thema brilliert Dieter Freihardt als Schlagersängerin Andrea Berg mit dem Titel: „Ich hab mich tausendmal gewogen.“

Trump (t)wittert Fake News

Apropos Freihardt: Der Verwandlungskünstler par excellence begeistert einmal mehr in vielfältigen Rollen. Er entlarvt als Donald Trump, die Hände ungelenk fuchtelnd und den Mund zum Fischmaul geformt, die Gründung Hollywoods durch Carl Laemmle als „Fake News“ („Desaster! That was me! Das war ich!“) und warnt die Laupheimer vor den Immigranten aus Bihlafingen: „They only want your money – die wollen nur euer Geld!“ Auch den Winfried Kretschmann nimmt man ihm sofort ab. Der Ministerpräsident ist aus Stuttgart nach Laupheim gekommen, um über einen Zuschuss für das Parkhaus-Klo zu entscheiden, und schaut beim Sprachkurs für Wirtschaftsflüchtlinge aus Norddeutschland (Annika Halder), Sachsen (Klaus Breitling) und Bayern (Marlies Grötzinger) vorbei. Die lernen zwar, dass Sprache der Schlüssel zur Integration ist, aber: „Koi Kehrwoch g’macht isch en Abschiebungsgrund.“ Der Landesvater schickt sie schließlich zur Zweitverwertung auf die Schwäbische Alb: „Damit se merket: Wenn ma bloß ,mäh’ sait, kommt am Ende bloß Scheiße raus.“

Neben Trump und Kretschmann gibt es weiteren hohen Besuch. Putin und Erdogan singen an der Seite des US-Präsidenten „Ich will die Macht, die hol ich mir“. Putzfrau Fatima (Nertinger-Merz) fällt zu Trumps Twitter-(Zwitscher)Sucht und seiner Nest-Frisur nur eines ein: „Sei Vögele dort oba will halt au mitschwätza.“

Dempfle teilt aus

Auch der Laupheimer Rathauspförtner a. D. Dempfle – eine weitere Paraderolle für Dieter Freihardt – hat einiges zu schwätzen. Auf dem Globus säßen nur noch „die Arschgeigen unter den Stradivaris“ an der Macht, und auch in Laupheim sei manches verdreht. Erstmal in Fahrt, teilt Dempfle kräftig aus. Die Polizei bekommt ihr Fett weg („Ruft man nachts beim Revier in Laupheim an, heißt es, die Streife ist grad in Attenweiler. Da frag ich mich: Wo gibt’s dort um diese Zeit nen Leberkäs?“) – vor allem aber die Kommunalpolitiker. Dass bei der ersten Kostenberechnung für das Hallenbad der Brandschutz nicht berücksichtigt worden sei, erinnere ihn an den Berliner Flughafen. „Da lob ich mir den Bischof von Limburg“, sagt Dempfle, „der isch wenigstens fertig worra.“ Im Laupheimer Bauamt dagegen arbeite man so, wie die Chefin Klavier spiele: „andante, adagio“ – gemächlich halt. Bei der Diskussion um den Vandalismus auf dem Schulcampus entdecke er statt eines schlüssigen Konzepts nur „menschlichen Gehirnfraß“, und Videokameras empfiehlt er eher für den Sitzungsaal als für den Schulhof.

Natürlich darf auch eine Gemeinderatssitzung nicht fehlen im Programm der Anstifter. Diesmal geht’s um Ideen für neue Einnahmequellen. Franz Romer (Freihardt) empfiehlt, die Kapellenstraße als Testbuckelstrecke für die Pistenbullys der Firma Kässbohrer anzubieten, noch besser aber kommt der Vorschlag von Simona Mangold (Milena Hänisch) an, das Rathaus in ein Erotik-Center umzuwandeln. Der Investor habe eine Übernahme der Belegschaft signalisiert, womit sich einige mal wieder bewegen müssten. Vor allem aber, so das Fazit im Gremium, sei das wenigstens ein vernünftiges Verkehrskonzept.

Logenplätze im Kreisel-Café

Dass es daran hakt, machen vier Greise im Kreisel-Café im Activ-Center klar. Klaus Breitling, Annika Halder, Marlies Grötzinger und Gerhard Bayer beobachten bei Kreiselbeerschnitten mit Genuss das Chaos auf dem Rewe-Parkplatz und im Kreisverkehr, während „der Karle“ für seine Verkehrsbeobachtungen das erlebbare Rottumufer bevorzugt und dabei seine Füßchen badet. Mit Besorgnis erfüllt das Seniorenquartett das Gerücht, die Stadt wolle die geplante Nordtangente mit dem Bau eines Parkhauses und einem Parkleitsystem verbinden, um die Innenstadt zu entlasten. Jedoch bestehe kein Grund zur Panik: „Bei dem langsamen Gemeinderat, meint ihr, wir erleben das noch?“

Die bevorstehende Oberbürgermeisterwahl beschäftigt nicht nur Dempfle („Als der OB gsait hot, er hört auf, war i überrascht: I han denkt, der hot scho aufg’hört“), sondern ist auch Thema im Friseursalon. Dessen Männer liebender Inhaber (köstlich: Benny Fetscher) und seine Kundschaft kreieren im Baukastensystem nach dem Vorbild von „my- müsli.com“ den perfekten Kandidaten, der keinen Dienstwagen braucht, weil er ein weißes Pferd hat, lange Haare und Tatoos trägt, freundlich und umweltbewusst ist und verdammt gut aussieht – also Winnetou!

Niedlicher Laemmle-Song

Stichwort lange Haare: Bei der Verleihung des Laemmle-Preises an Roland Emmerich habe ihm dessen Heiratsantrag an seinen langjährigen Freund ganz besonders gefallen, sagt Dempfle. Ansonsten aber sei der Carl-Laemmle-Hype in diesem Jahr grenzwertig gewesen: „Als meine Frau Osterlämmer gebacken und mit Spritzguss Carl geschrieben hat, da war’s bei mir vorbei.“ Dennoch huldigen auch die Anstifter dem großen Sohn der Stadt mit dem wunderbar originellen Song „Ich wollt’ ich wär’ ein Lamm“ – a cappella vorgetragen vom dezent als Lämmchen dekorierten Quartett Klaus Breitling, Dieter Freihardt, Eva Nertinger-Merz und Annika Halder, dirigiert von Benny Fetscher und begleitet von Ulli Hagel, der das Publikum den ganzen Abend über in den kleinen Umbaupausen zwischen den Programmpunkten mit seinem Flügelspiel bei Laune hält.

Viele weitere Sketche, etwa zu den Themen Brexit, Bankenkrise, Dieselskandal und Feiertagsdebatte, sorgten für ein abendfüllendes Kabarett. In „Luther 4.0.“ und „Glaubst du?“ lieferten die Anstifter auch Nachdenkliches zum allgegenwärtigen Handywahn und zum Werte- und Glaubensverlust – und hielten wohl auch damit manchem Besucher den Spiegel vor.

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