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Lindau (Bodensee)
Lokales

„Die Menschen in Syrien sind verzweifelt“

Adnan Wahhouds Medical Points zwischen Aleppo und Idlib sind wichtiger denn je – Medikamente immer teurer – Winteraktion geplant

Adnan Wahhoud in einem der vielen zerbombten Orte südwestlich von Idlib.
Adnan Wahhoud in einem der vielen zerbombten Orte südwestlich von Idlib.
Lindauhilfe für Syrien

Lindau sz Als der Lindauer Adnan Wahhoud im August in sein Geburtsland Syrien gefahren war, um dort nach seinen medizinischen Ambulanzen und seiner Waisenhilfe zu schauen, war die Situation in der Region Idlib schon „schwierig“ gewesen. Immerhin hat seinerzeit der Waffenstillstand im Nordwesten Syriens noch gehalten. Jetzt ist Wahhoud von seiner jüngsten Syrien-Reise zurückgekehrt – und er klingt bedrückt. Denn Ende September fielen erneut Bomben auf die Städte und Dörfer im Nordwesten Syriens: „Die Menschen dort haben große Angst und sind verzweifelt.“

Alle sechs bis acht Wochen fährt der Lindauer nach Syrien: Wahhoud sieht dort in den sieben von ihm gegründeten Medical Points nach dem Rechten. Er bezahlt die Gehälter, kümmert sich um ausreichend Medikamente, lässt sich die Situation und eventuelle Probleme schildern. Gerade ist er aus der Region Idlib zurückgekehrt. Die Ein- und Ausreise nach Syrien sei dieses Mal „verhältnismäßig leicht“ gewesen, sagt Wahhoud. Und die „Arbeit in den Medical Points läuft ganz gut“, stellt er fest.

Akribisch genau hält Wahhoud fest, in welcher Ambulanz wie viele Patienten Monat für Monat versorgt werden. Die Bilanz zeigt: Die Arbeit in den Medical Points – dort hat der Lindauer einheimische Ärzte, Apotheker und weiteres medizinisches Personal angestellt – wird immer wichtiger. Im September sind dort insgesamt fast 11 300 Menschen behandelt worden. Allein im Medical Point Lindau in Yakobiya ist die Patientenzahl in den vergangenen vier Wochen um ein Drittel auf fast 1300 gestiegen. Dreiviertel davon sind Kinder gewesen. Die werden grundsätzlich komplett kostenlos behandelt.

Schwieriger ist es dieses Mal für Wahhoud gewesen, die Ambulanzen mit ausreichend Medikamenten und Verbandsmaterial zu versorgen. „Ich konnte den Bedarf zwar im Land kaufen“, schildert der Lindauer – „jedoch mit deutlich erhöhten Preisen“. Hatte Wahhoud vor einem Jahr dafür noch zwischen 8000 und 10 000 US-Dollar benötigt, so musste er dieses Mal bereits gut 13 500 Dollar bezahlen. Und das nicht nur wegen der gestiegenen Patientenzahlen.

Was Wahhoud ernsthaft Sorgen bereitet, ist die politische Lage in der Region zwischen Aleppo und Idlib. „Während der sechsmonatigen Feuerpause waren viele Menschen hoffnungsvoll zu ihren zerbombten Häusern zurückgekehrt, um sie wieder aufzubauen“, schildert er im Gespräch mit der LZ. Jetzt seien wieder Kampfjets unterwegs: „Die Bombardierungen sind sehr intensiv, treffen viele Krankenhäuser, Schulen und Wohnsiedlungen.“

Die Bomben fallen mittags auf die Moschee

Wahhoud hat das selbst miterlebt, wie er sagt: Nur rund fünf Kilometer entfernt sei er gewesen, als in Idlib ein Bombenangriff eine Moschee traf – zur Mittagszeit, wenn viele Menschen dorthin gehen. Inzwischen gebe es eine Warnung, die Moscheen nicht mehr zu besuchen. „Die Menschen dort haben große Angst und sind verzweifelt.“ Er habe während seiner Reise mit zahlreichen Syrern gesprochen: „Sie hoffen auf den Einmarsch der türkischen Armee, damit vielleicht ihre Dörfer und Städte von den Luftangriffen verschont bleiben.“

Noch herrsche im Nordwesten Syriens angenehmes Herbstwetter. Doch Wahhoud weiß: Der Winter kommt. Und der könnte hart werden nicht nur für die Einheimischen, deren Häuser oft nur noch Ruinen sind. Sondern auch für die Zehntausenden von Flüchtlingen, die zwar in ihrem Heimatland geblieben sind, aber im Nordwesten Syriens nur provisorische Zuflucht gefunden haben. Deswegen will Wahhoud eine Art Winterhilfsaktion starten unter dem Motto „Brennholz“: „Dafür werde ich umgerechnet an die 6000 Euro brauchen.“ Und auch seine Waisenhilfe ist gefragter denn je: Mittlerweile unterstützt Adnan Wahhoud 266 Kinder, die Vater, Mutter oder beide Eltern verloren haben.

Wahhoud zu Gast im Club Vaudeville

Mit den inzwischen sieben medizinischen Ambulanzen will der Lindauer Adnan Wahhoud dazu beitragen, dass die Menschen trotz Bürgerkriegs in ihrem Heimatland Syrien bleiben können. Vier der Medical Points werden mit Hilfe von Spenden aus Lindau getragen. Über seine Hilfsprojekte in der Provinz Idlib spricht Wahhoud jetzt auch im Club Vaudeville: Der Deutsch-Syrer ist am Donnerstag, 12. Oktober, ab 20 Uhr zu Gast in den Clubräumen in der Von-Behring-Straße 6-8. Dort zeigt zudem die Lindauer Ortsgruppe von Amnesty International die Ausstellung „Menschen auf der Flucht“, die sich mit Flüchtlingsschicksalen weltweit befasst. Einige Bilder zeigen auch den Syrienkonflikt und seine Folgen. Einlass ist ab 19.30 Uhr, der Eintritt ist frei, der Club Vaudeville freut sich aber über Spenden.

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