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Deshalb gibt es die Lebenshilfe Biberach

Seit 50 Jahren engagiert sich der Verein für Menschen mit geistiger Behinderung

Sie sind Familien mit geistig behinderten Kindern eine Stütze: Natascha Mahle (von links), Klara Reisch und Rolf Segiet.
Sie sind Familien mit geistig behinderten Kindern eine Stütze: Natascha Mahle (von links), Klara Reisch und Rolf Segiet.
Daniel Häfele

Biberach sz Die Lebenshilfe Biberach feiert in diesem Jahr 50. Geburtstag. Zum Auftakt des Jubiläumsjahrs findet am Samstag, 20. Mai, um 14.30 Uhr ein Wortgottesdienst in der Kirche St. Johannes Evangelist in Ummendorf statt. Gegründet wurde der Verein im Jahr 1967 und ist Teil der Bundesvereinigung Lebenshilfe mit etwa 130 000 Mitgliedern. Dass es das Angebot für Menschen mit geistiger Behinderung in der Region gibt, ist vor allem der Verdienst von Klara Reisch. Sie hob die Lebenshilfe Biberach aus der Taufe.

Es ist das Jahr 1960. In den USA beginnt mit der Wahl von John F. Kennedy zum Präsidenten eine neue Ära und in Ravensburg erblickt der kleine Peter das Licht der Welt. Seine Mutter, Klara Reisch, weiß damals nicht, dass er das Down Syndrom hat: „Er entwickelte sich eigentlich ganz normal. Doch mein Neffe, der gleich alt war, entwickelte sich anders.“ Sie suchte einen Arzt auf, der ihr dann sagte: „Ihr Sohn ist mongoloid.“ „Im ersten Moment konnte ich damit nichts anfangen. Ich musste es im Lexikon nachschlagen“, schildert die heute 86-Jährige. Sie nahm ihr Schicksal nicht nur an, sondern gestaltete es aktiv.

Erst Ravensburg, dann Biberach

Um ihrem Sohn ein lebenswertes Leben zu ermöglichen, erkundigte sie sich nach Betreuungsplätzen. „Es gab damals keine Angebote für Menschen mit geistiger Behinderung“, so die zweifache Mutter. Durch Zufall fällt ihr 1962 die Zeitung „Christ und Welt“ in die Hände, sie hört erstmals von der Vereinigung „Lebenshilfe“. Sie nimmt Kontakt mit Tom Mutters, dem Begründer der Lebenshilfe, auf. Im März 1964 entsteht die Ortsvereinigung der Lebenshilfe Ravensburg. „Im Jahr 1966 kam mein Mann dann als Lehrer an die Berufsschule Biberach. Für mich war klar: Ich werde erst dorthin ziehen, wenn es für meinen Peter auch in Biberach Betreuungsplätze gibt.“

Also schaltete ihr Mann in der „Schwäbischen Zeitung“ Biberach eine Anzeige: „Eltern und Freunde geistig behinderter Kinder in Biberach beabsichtigen, sich wegen Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten für ihre Sorgenkinder miteinander zu besprechen.“ Es sollte noch ein Jahr dauern, bis am 13. März 1967 die Kreisvereinigung der Lebenshilfe Biberach gegründet werden sollte. Wolfgang Weber war der damalige Vorsitzende. Die Familie Reisch zog von Ravensburg nach Mittelbiberach, wo Klara Reisch noch heute lebt. Über 25 Jahre lang war bei ihr im Haus das Büro der Lebenshilfe beheimatet, bis 1993 das Wohnhaus in der Ziegelhausstraße 36 fertiggestellt wurde.

Jetzt, 50 Jahre später, ist die Lebenshilfe aus Biberach nicht mehr wegzudenken. Es gibt mehrere Angebote für Menschen mit geistiger Behinderung, sei es das ambulant betreute Wohnen, das stationäre Wohnhaus oder die offenen Hilfen. Letztere beinhalten Ferienprogramme, Club- sowie Wochenendangebote, Veranstaltungen und den familienentlastenden Dienst. 343 Mitglieder gehören dem Verein an. Reisch sagt: „Natürlich habe ich gehofft, dass alles so kommt. Aber der Anfang war schwierig, gerade finanziell.“

Vieles hat sich verändert

Viel hat sich im vergangenen halben Jahrhundert bei der Lebenshilfe getan – und auch künftig wird es Veränderungen geben. „Wir werden uns nicht auf den vergangenen 50 Jahren ausruhen“, sagt Natascha Mahle von der Lebenshilfe. Der Vorsitzende, Rolf Segiet, ergänzt: „Demnächst beginnt beispielsweise der Umbau des Gebäudes in der Ziegelhausstraße 34.“ Bis November sollen dort unter anderem Büros der Mitarbeiter der offenen Hilfe sowie Veranstaltungsräume entstehen. „Es wird sozusagen ein Gebäude der offenen Hilfe sowie ein Veranstaltungsgebäude“, erläutert Segiet. Darüber hinaus stehe über kurz oder lang der Umbau des stationären Wohnhauses an. Hintergrund ist, dass es eine neue Landesheimverordnung gibt. „Die Größe der Zimmer unterschreitet leicht die Vorgaben“, so der Vorsitzende. Ab 2029 müsse die Lebenshilfe die neuen Richtlinien erfüllen.

Um die Vorgaben der Politik besser erfüllen zu können, gibt es neben dem ehrenamtlichen Vorstand auch einen Geschäftsführer. Dieser ist Andreas Mahle. „Die Lebensdauer der Vorgaben der Politik wird kürzer. Wir müssen uns immer wieder auf neue Verhältnisse einstellen“, sagt Segiet. Ausschließlich mit Ehrenamtlichen sei die Arbeit nicht mehr zu stemmen gewesen.

Die Lebenshilfe im Jubiläumsjahr:

Im stationären Wohnhaus lebte auch Klara Reisch’ Sohn Peter, bis dieser im Jahr 2015 verstarb. Ohne ihn würde es die Lebenshilfe Biberach in dieser Form wie jetzt vielleicht nicht geben. Reisch sagt: „Ohne Peter wäre mein Leben sicherlich anders verlaufen. Eine Kämpfernatur wird man automatisch, wenn man sich dieser Herausforderung stellt.“

Wortgottesdienstfeier: Die Lebenshilfe Biberach veranstaltet am Samstag, 20. Mai, um 14.30 Uhr einen Wortgottesdienst in der Kirche St. Johannes Evangelist in Ummendorf. Für die Musik sorgen die Lebenshilfe-Band sowie der Biberacher Chor incogniton.

Info-Stände: Im Jubiläumsjahr präsentiert sich die Lebenshilfe mit einem Info-Stand auf dem Biberacher Wochenmarkt. Nächster Termin ist am Mittwoch, 24. Mai, ab 8.30 Uhr.

Ausstellung: Der 50. Geburtstag der Lebenshilfe Biberach ist für die Verantwortlichen Anlass, ein halbes Jahrhundert Revue passieren zu lassen. Deshalb hat die Lebenshilfe mit Schülern des Hauchler-Studios eine Ausstellung über den Verein zusammengestellt. Sie wird im November im Landratsamt zu sehen sein. Ein genauer Termin steht noch nicht fest.

Weitere Informationen über den Verein und Spendenmöglichkeiten gibt’s unter www.lebenshilfe-bc.de

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