Schwäbische.de Schwäbische.de
Heiter 3
Biberach an der Riß
Lokales

Der Bruddler schimpft und philosophiert

„Der Feierabendbauer“ des Theaters Lindennhof machte Station im Komödienhaus
Heimatliebender Nomade: Berthold Biesinger ist als „Feierabendbauer“ auf dem Weg in den Süden.
Heimatliebender Nomade: Berthold Biesinger ist als „Feierabendbauer“ auf dem Weg in den Süden.
Günter Vogel

Biberach sz Das Theater Lindenhof aus Melchingen hat am Freitagabend mit dem Einakter „Der Feierabendbauer“ im Biberacher Komödienhaus gastiert. Dabei ging es rustikal und handfest zu, aber auch sehr still und nachdenklich.

Die Kabarettistin Dietlinde Ellsässer, Autorin und Regisseurin des „Feierabendbauer“, nennt ihr Stück einen „Monolog mit Musik drin“, und in der Tat spielt Berthold Biesinger die pausenlosen 80 Minuten alleine, unterstützt lediglich von Victor Oswald als Wladimir mit dem Knopf-Akkordeon.

Der „Feierabendbauer“ Karl Hofreiter hat „sei Sach“ verkauft und macht sich mit seinem Leiterwägele auf den Weg, irgendwohin nach Süden. Er bruddelt mundartlich lautstark über die Bürokratie, die ihm mit unsinnigen behördliche Vorschriften das Leben schwer macht. „Die schreibe vor, wann’d die Gülle ausbringe derfscht! „Soll doch d’r Blitz neischlage!“

Er geißelt die Supermärkte mit ihren Niedrigpreisen, die Brüsseler Politik: „Wa dent denn dia in Brüssel, für oi Kilo Floisch siebe Kilo Futt’r und der Rescht goht hinde naus!“ Und kritisiert, dass „d’ Leut“ im Supermarkt lieber den „eig’schwoißte Scheißdreck“ kaufen, als richtiges Fleisch von einem glücklichen Bauern mit handgestreichelten Kühen.

Er redet sich in Rage. Zum Publikum sagt er: „Habt ihr nix bess’res zum Daue als hier hogge und gugge?“ Seine Tiraden gegen alles und jeden sind aber immer wieder voller philosophischer Weisheiten. Zwischen Heiterkeit und gespanntem Mitdenken hört man gebannt zu. Er erzählt von seiner kleinen Landwirtschaft mit 20 Kühen „un anneres Ziefer: Häsle, Goiße und an Bock, der hot vielleicht g’schdunke! Und mei letzt Kuah hot jetzt naus miaßa, Lena hot se g’hoiße“.

Zum Publikum meint er: „Verstohnt ihr mi au? I schwätz halt so, Salonschwäbisch kaa i it, do kriag i an Ausschlag auf d’r Zung.“ Und wieder polemisiert er gegen die überbordende Bürokratie: „Da wirscht du zum Flüchtling in der oigene Hoimet g’macht.“

Über seine verstorbene Frau, „mei Erika“, spricht er mit sehr liebevollen Worten, „und onser Bua baut jetzt in Kanada Fertighäuser.“

Dann springt er zur Politik. „Wiasset Ihr, wer die erschte Politiker waret? Die heil’ge drei König. Sie legten die Arbeit nieder, zogen schöne Gewänder an und gingen auf Reisen.“ Und weiter: „Ma sollet doch e paar von denne Politiker in de Weltraum naufschiaße.“

Klare ethische Haltung

Die Autorin vertritt auf nachdrückliche und auch verständnisvolle Art schwarz-grüne Folklore, lässt, humorvoll verpackt, eine klare politische und ethische Haltung erkennen: sehr konservativ, aber auch mit fortgeschrittenen ökologischen Überzeugungen. Sie lässt Karl überdimensionierte Schweinezuchtbetriebe kritisieren: „Es gibt zu viele Schweine im Land, sotte un sotte!“ Er wird zum heimatliebenden Nomaden. Doch: „Wo isch Hoimet? Wo’s Herz dahoim isch? Wo d’r Acker dampft noch’m Pflüga? Wo’s mir wohl isch? Wo ma mi kennt? Wo ma des braucha ka, was i ka?“

Er trifft auf Wladimir, einen musikalischen Vagabunden, der auch einen Platz für sich sucht. Der spielt deutsche Volkslieder und auch das russische „Kalinka“, es entwickelt sich eine zweisprachig deutsch-russische Unterhaltung. Man versteht sich trotzdem.

Mit knitzem Humor und Bauernschläue durchforstet er sein Leben. Und er hat noch Träume. „Vornedraus ist noch nix verloren, da kannst du ein neues Werk schaffen, vor einem großen Himmel, der wo über dir ist, und doch der gleiche Himmel, wie der wo hinter dir einmal war.“

Und Karl stellt fest, dass an allem Elend letztlich der Mensch schuld sei, mit seiner Gier, seinem Geiz: „Der Mensch ist ein Mängelwesen. Wenn a Kuah so wär, hett mer se schon lang wegdoo.“ Und so macht sich Karl Hofreiter jetzt auf gen Süden. Arrivederci!

Ihr Kommentar zum Thema

 
URL: http://www.schwaebische.de/region_artikel,-Der-Bruddler-schimpft-und-philosophiert-_arid,10634343_toid,112.html
Copyright: Schwäbisch Media Digital GmbH & Co. KG / Schwäbischer Verlag GmbH & Co. KG Drexler, Gessler. Jegliche Veröffentlichung, Vervielfältung und nicht-private Nutzung nur mit schriftlicher Genehmigung.
Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an online@schwaebische.de.