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Der Beginn mörderischen Terrors

Laupheimer gedenken der Zerstörung der Synagoge am 9. November 1938

Andreas Berger, Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Laupheim, die evangelische Pfarrerin Martina Servatius und der katholische Pfarrer Alexander Hermann (vorne, von links) halten die Emma, Regina und Frieda Laupheimer gewidmeten Kerzen in Händen.
Andreas Berger, Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Laupheim, die evangelische Pfarrerin Martina Servatius und der katholische Pfarrer Alexander Hermann (vorne, von links) halten die Emma, Regina und Frieda Laupheimer gewidmeten Kerzen in H
Roland Ray

Laupheim sz 75 Jahre ist es her, dass die Nationalsozialisten die einst blühende jüdische Gemeinde in Laupheim endgültig auslöschten: Am 19. August 1942 wurden die letzten Angehörigen vom Westbahnhof aus in die Vernichtungslager im Osten deportiert. An dieses „dunkelste Kapitel der Stadtgeschichte“ hat Oberbürgermeister Rainer Kapellen am Donnerstagabend beim Gedenken an die Zerstörung der Laupheimer Synagoge am 9. November 1938 erinnert.

Die „Reichskristallnacht“ markiert den Beginn eines mörderischen Terrors, der in die Gaskammern von Auschwitz führte. Es offenbarte sich, so Kapellen, „ein Ausmaß an Vernichtungsabsicht, das über alles Begreifen hinausgehen will“. Und gerade weil es auch helle Jahre im Zusammenleben von Christen und Juden in Laupheim gab, erschrecke das gewaltsame Ende nur noch mehr.

Millionen Menschen kostete der Rassenwahn der Nationalsozialisten das Leben. Der Arbeitskreis Schalom-Tage, der die Gedenkfeier gestaltete, machte den Irrsinn am Schicksal von sechs jüdischen Laupheimerinnen fest. Michael Schick, Christoph Schmid und Josef Schoch erzählten von den Schwestern Kirschbaum und Laupheimer.

Den Opfern Namen geben

Therese, Jette und Sally Kirschbaum, die von Kindheit an zusammenlebten, sind 1941 im hohen Alter, gezeichnet von Entbehrungen und der Bedrohung durch die Nazis, an drei aufeinander folgenden Tagen gestorben. Ihr dreigliedriger Grabstein auf dem jüdischen Friedhof berührt viele Besucher besonders.

Im Leben und in der Todesstunde vereint waren Regina, Frieda und Emma Laupheimer, Töchter eines jüdischen Metzgers. Mit fünf weiteren Geschwistern wachsen sie gegenüber vom jüdischen Friedhof auf. In Stuttgart verdingen sie sich als Näherinnen oder Schneiderinnen, um 1911 eröffnet Emma dort ein Weißwarengeschäft. 1919 wird sie Inhaberin eines Ladens für Aussteuerartikel, Wäsche und Kurzwaren am Ludwigsburger Holzmarkt. Regina übernimmt die Buchführung, Frieda besorgt in den Wohnräumen über dem Laden den Haushalt. Alle drei sind unverheiratet.

Im November 1938 müssen sie schließen; die Nazis drängen alle jüdischen Geschäftsleute aus ihren Betrieben. Ihrer Existenzgrundlage beraubt, kehren die drei Frauen nach Laupheim zurück. Wie gefährlich die Lage auch dort geworden ist, verdeutlicht ein Brief des nationalsozialistischen Bürgermeisters Ludwig Marxer an eine ihrer Schwestern und deren Mann, die ein Schuhgeschäft haben. Am 16. Dezember 1938 schreibt ihnen Marxer: „Zur Vermeidung unliebsamer Zwischenfälle ersuche ich Sie in Ihrem eigenen Interesse, Ihr Geschäft unverzüglich zu schließen.“ Hinter der geheuchelten Fürsorge steckt die unverhohlene Drohung.

Am 19. August 1942 treten Emma, Regina und Frieda Laupheimer vom Westbahnhof die Reise ins Konzentrationslager Theresienstadt an. Von dort werden sie, mit Tausenden Leidensgenossen in Güterwaggons gepfercht, nach Treblinka gebracht. Sollten sie bei der Ankunft noch gelebt haben, so wurden sie in den fest verschlossenen Räumen eines Backsteingebäudes mit den Abgasen eines Panzermotors ermordet. Keine Grabstätte wurde ihnen zuteil, ihr Leben einfach ausgelöscht.

Und doch nicht ganz: 2013 hat der Künstler Gunter Demnig vor ihrem früheren Haus in Ludwigsburg für sie drei Gedenkplaketten – sogenannte „Stolpersteine“ – ins Trottoir eingelassen. Beim Gedenken in Laupheim waren den Schwestern am Donnerstag drei Kerzen gewidmet. „Nicht um sie über die anderen Opfer hinauszuheben“, wie der Museumsleiter Michael Niemetz betonte, „sondern um deutlich zu machen: Jedes ausgelöschte Leben hatte seine eigene Geschichte, eine besondere Würde und Gestalt. Für diesen wichtigen Gedanken standen heute diese drei Schwestern, stellvertretend für die anderen.“

Elke Rueß und Marit Sahm trugen das Lied „Ich wandere durch Theresienstadt“ von Ilse Weber vor. Die Pragerin wirkte in der Kinderkrankenstube, beim Gang in die Gaskammer in Auschwitz soll sie für ihren Sohn und die anderen Kinder ihr Schlaflied „Wiegala“ gesungen haben.

9. November 2017: Schweigend schreiten die Menschen vom Ernst-Schäll-Platz zum Gedenkstein für die Synagoge. 102 Lichter flackern im Abendwind, für jedes Holocaust-Opfer aus Laupheim eine.

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