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Meckenbeuren
Lokales

Dem Beifall nach gibt’s kaum Unterschiede

Bürgermeisterkandidaten stellen sich in Humpishalle vor – Zweimal 19 spannende Minuten dank Elisabeth Kugel und Andreas Schmid

Reichlich Applaus spenden die Besucher am Mittwochabend in der Humpishalle nach den Reden von Elisabeth Kugel und Andreas Schmid.
Reichlich Applaus spenden die Besucher am Mittwochabend in der Humpishalle nach den Reden von Elisabeth Kugel und Andreas Schmid.
roland weiss

Meckenbeuren sz Wer am Mittwochabend den Weg in die Humpishalle auf sich genommen hat, dürfte dies nicht bereut haben. Auch wenn das Szenario der öffentlichen Bewerbervorstellung – mit zwei Reden à je 20 Minuten ohne Fragemöglichkeit – eher konventionell wirkt, hatten es die Ansprachen von Bürgermeister Andreas Schmid und seiner Herausforderin bei der Wahl am 22. Oktober, Elisabeth Kugel, doch in sich.

Die knapp 500 Zuhörer begrüßte Karl Gälle als Vorsitzender des Gemeindewahlausschusses. „Das zeugt vom Bewusstsein für die politische Mitverantwortung für unsere Gemeinde“, freute er sich über volle Reihen. Sein Dank galt Hauptamtsleiterin Kathrin Schütz, bei der die Hauptarbeit im Ausschuss liege, die sie „kompetent“ verrichte. Dem Eingang der Bewerbung folgend war der Amtsinhaber als Erster an der Reihe.

Andreas Schmid: „Auch wenn es komisch klingen mag: Auch ich bin dankbar“, bezog sich der Amtsinhaber darauf, dass die Bürger nun tatsächlich eine Wahl haben. Schmid nutzte die Vorstellung, um die acht Jahre Revue passieren zu lassen und zugleich nach vorne zu schauen.

„Finanzen und Bildung – das waren mit Abstand die größten Herausforderungen“, blickte er zurück. Und die seien von den Beteiligten „hervorragend bewältigt“ worden. Was Schmid mit Zahlen untermauerte – angefangen von 50 Millionen Euro, die seit 2010 vor allem in Bildung, Betreuung und Jugend investiert worden seien. Um etwa 70 Prozent sei das Angebot an U3-Betreuungsplätzen gestiegen. An den Grundschulen blieben rund 400 Kinder nach Unterrichtsschluss in der flexiblen Betreuung. Zudem genannt: die Erhöhung des Personalschlüssels in der Schulsozialarbeit von 1,3 auf 1,8 Stellen.

„Wir haben dieses Mammut-Investitionsprogramm absolut solide finanziert“, lenkte Schmid den Blick auf den Finanzsaldo. Schulden abzüglich Rücklagen – das ergibt 2017 ein Minus von 3,1 Millionen Euro, nachdem es 2010 bei minus sieben Millionen gelegen hatte.

Eine erfreuliche Bilanz, die der 51-Jährige mit dem Blick nach vorne verband. Als weitere Punkte auf seiner Agenda nannte er „ein Kunstrasenfeld für die fußballspielenden Vereine“ sowie das Kooperationsprojekt Vereinsraum in Brochenzell.

In puncto Verkehr hob er die Abhängigkeiten hervor, die es gebe: „Glauben Sie mir, da fällt es mir ebenso wie Ihnen schwer, geduldig zu bleiben, immer wieder nachzusetzen und auf Lösungen für unsere Gemeinde zu drängen.“

Großes Thema: die Nachfrage nach Wohnraum und Bauplätzen. Sein Credo: Es gelte realistisch zu bleiben, was die Möglichkeiten der Gemeinde angeht. Eingedenk der Rahmenbedingungen habe Meckenbeuren seine Hausaufgaben“ gemacht – wofür seit 2010 mehr als 300 Wohnungen, Reihenhäuser und Bauplätze stünden.

Auch mit Blick auf die Unterbringung der Flüchtlinge befand er: „Wir haben viel erreicht“, was nur gemeinsam gelungen sei. Bürgerbeteiligung sei für ihn ein wichtiger Aspekt, der ausgebaut werden soll.

Verbesserungen, denen er sich an weiteren Punkten – auch als Folge seiner Bürgergespräche – widmen will: beim Busverkehr, bei Radabstellmöglichkeiten am Gewerbegebiet Flughafen oder auch bei der Barrierefreiheit im öffentlichen Raum.

Der klare Fokus bei all dem: „Meckenbeuren und seine Infrastruktur fit für die Zukunft machen.“ Was Andreas Schmid „im Dialog“ mit der Bürgerschaft angehen will. Konkret: „Möglichst bald nach der Wahl“ soll es mit der Bevölkerung eine Zukunftswerkstatt rund um die Themen der nächsten acht Jahre geben.

Doch auch persönlich hat er Pläne für die zweite Amtszeit – sei doch bei all dem, was geschafft wurde, „vielleicht manchmal das lockere Gespräch oder gemeinsame Feiern auf der Strecke geblieben. Zugegeben, da kann ich in einer zweiten Amtszeit auf jeden Fall noch besser werden.“

Schlusswort: „Ich freue mich über Ihre Unterstützung und Ihre Stimme – für Kontinuität und weiterhin solide Arbeit in Meckenbeuren.“

Applaus: 19 Minuten 27 Sekunden dauerte die Rede, auf die 16 Sekunden Applaus folgten. Spontan war solcher zu hören gewesen, als Schmid beim Punkt Finanzen Simon Vallaster und seinem Team dankte.

Elisabeth Kugel: „46 Jahre alt und seit 24 Jahren Bürgerin von Meckenbeuren“, so stellte sich die Diplom-Sozialpädagogin vor. Speziell lenkte sie den Blick auf die letzten vier Wochen, seit sie ihre Bewerbung abgegeben hat: „Es war und ist für mich unglaublich ermutigend, wie viele Menschen mir voller Freude und Überzeugungskraft bestätigt haben, dass sie sich in meinen Vorstellungen für Meckenbeuren wiederfinden.“ Als ihre Motivation nannte Elisabeth Kugel ihre Verbundenheit zu Meckenbeuren samt der „zunehmenden Erkenntnis, dass einige Entwicklungen in die falsche Richtung laufen oder blockiert sind“.

Nach den vielen Begegnungen der Vorwochen haben sich für Elisabeth Kugel zehn Aspekte herauskristallisiert, die sie „für eine erfolgreiche, lebendige und stabile Gemeindeentwicklung“ als entscheidend ansieht. Das beginnt mit der Aussage: „Unser Selbstbewusstsein als Gemeinde ist noch zu wenig ausgebildet und ermöglicht Fremdbestimmung und unpassende Entwicklungen, die unzufrieden machen.“ Dem will die 46-Jährige „ein solides Gesamtkonzept“ entgegensetzen, das von Bürgern, Gemeinderat und Verwaltung zu erarbeiten sei. Ihre Sicht: Meckenbeuren als stattliche Gemeinde „und nicht irgendein verstädterter Ort, in dem sich alles ausdehnen und beliebig wuchern kann“.

„Unsere Verkehrssituation braucht dringend Entlastung“, hieß die zweite Forderung, bei der sich Elisabeth Kugel zur Westtrasse der B 30-neu bekannte und Mängel im öffentlichen Nahverkehr sah.

Punkt 3 bezog sich darauf, dass Meckenbeurer Interessen eine überzeugende Vertretung bräuchten – was durch aktive Kooperation etwa mit Nachbarkommunen möglich sei.

Auf die Wirtschaftsförderung, die Haushaltssituation und den Schutz von Natur und Umwelt zielten weitere Aspekte ab, ehe Elisabeth Kugel „besonderes Augenmerk für unsere Familien und Senioren“ forderte – stärke dies doch die Gesellschaft und helfe Folgekosten zu vermeiden.

Eine Lanze brach sie für „ehrenamtliche Nachwuchskräfte, die sich an der Gestaltung unseres Gemeindelebens auch in Zukunft beteiligen“ – wohlwissend, dass junge Leute „attraktive Anreize“ erwarten, „um sich für die Gemeinschaft zu engagieren“.

Im zehnten Aspekt bezog sich Elisabeth Kugel auf kritische Stimmen, die bemängelten, dass Anliegen in der Verwaltung nicht zeitnah behandelt, wichtige Bauvorhaben vorab nichtöffentlich entschieden und die Öffentlichkeit nicht angemessen beteiligt würden. Dem will sie entgegensetzen, dass das „wertvolle Wissen“ der Bürger berücksichtigt werden soll und regelmäßige Bürgerversammlungen stattfinden. Denn: „Entscheidungen, die von möglichst vielen mitberaten und mitgetragen werden, haben eine überzeugende Kraft.“

Ihre Arbeit will Elisabeth Kugel, so sie gewählt wird, am Rat des Apostels Paulus ausrichten: „Prüfet alles – und das Gute behaltet.“ Frei und unabhängig wolle sie sich für das Wohlergehen aller einsetzen.

Schlusswort: „Mit großer Zielstrebigkeit und unterstützt durch eine maximale Nutzung aller Fachkompetenzen, werde ich dafür sorgen, dass Meckenbeuren die zukünftigen Herausforderungen souverän meistert und aufblüht.“

Applaus: Auf die 19 Minuten sieben Sekunden lange Rede folgten 19 Sekunden Beifall, der etwas lauter ausfiel als beim Amtsinhaber.

Kommentar

Der Wahlkampf gewinnt an Profil

Von Roland Weiß

Eine eigene Dynamik ist jedem Wahlkampf zu Eigen. Die kann – siehe Bundestagswahl – im Ausbleiben von Dynamik samt Verlagern auf zweitrangige Schauplätze bestehen, Stichwort: FDP oder Grüne, wer wird Dritter?

Beides trifft auf die hiesige Bürgermeisterwahl nicht zu – das hat die Kandidatenvorstellung gezeigt. Sie hatte zwei höchst unterschiedliche und gerade deshalb interessante Reden zum Inhalt, die souverän vorgetragen wurden.

Die Dynamik des Wahlkampfs hat noch mal zugenommen, was wesentlich an Elisabeth Kugel liegt. Sie hat die Rolle der Zuhörerin verlassen und zehn zentrale Aspekte präsentiert. Inwiefern diese an Präzision und Tiefe den Erwartungen entsprechen, kann und wird jeder Wähler für sich selbst beantworten. Und: Es geht nicht um Nebenschauplätze, sondern es spitzt sich zu und zwar bei durchaus relevanten Themen – etwa wenn Andreas Schmid davon spricht, dass Lösungsansätze in Sachen Wohnraum nicht so einfach seien, „wie es manche Wahlkampfrede glauben lässt“. Oder wenn Elisabeth Kugel als letzten ihrer zehn Punkte hervorhebt: „Sie sind bei uns im Rathaus willkommen – und zwar auf Augenhöhe.“ Wohlgemerkt: dann mit ihr als Bürgermeisterin.

Gemeinsamkeiten (beide für die B 30-Westtrasse) wie Unterschiede sind klarer geworden, dürfen es noch weiter werden. Auch das ist bei der Bürgermeisterwahl wohltuend anders als bei der Kanzlerwahl, solange es fair bleibt.

Am Dienstag lädt die SZ ab 19.30 Uhr (19 Uhr Einlass) in Kehlens Karl-Brugger-Halle ein.

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