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Dekane fordern Segnung gleichgeschlechtlicher Paare


Prälatin Gabriele Wulz und der Aalener Dekan Ralf Drescher gehören zu den Unterzeichnern des „Einwurfs“ des Ulmer Sprengels zur Segnung homosexueller Paare, dem sich inzwischen die überwältigende Mehrheit der Dekane in der evangelischen Landeskirche in Württemberg angeschlossen hat.
Prälatin Gabriele Wulz und der Aalener Dekan Ralf Drescher gehören zu den Unterzeichnern des „Einwurfs“ des Ulmer Sprengels zur Segnung homosexueller Paare, dem sich inzwischen die überwältigende Mehrheit der Dekane in der evangelischen Landeski
Viktor Turad

Aalen sz Die überwältigende Mehrheit der Dekane in der evangelischen Landeskirche fordert nun eine kirchliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Sie hat sich damit einer Forderung aus der Prälatur Ulm angeschlossen, an der auch der Aalener evangelische Dekan Ralf Drescher mitgewirkt hat (wir berichteten).

Drescher hatte noch vor etwas mehr als einem Jahr zu einem der wenigen Rufer in der Wüste gehört und sogar verbale Prügel bekommen, als er sich „maßlos enttäuscht“ über den Landesbischof äußerte, der einen anderen Dekan wegen der Trauung eines lesbischen Paares kritisiert hatte. Jetzt dagegen ist Drescher Teil eines Aufstands in der mittleren Führungsebene der evangelischen Landeskirche: 80 Prozent der Dekane fordern nämlich inzwischen eine kirchliche Amtshandlung zur Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren. Also genau das, was die jüngste Landessynode abgelehnt hat.

Entscheidung macht betroffen

Diese Entscheidung habe viele sehr betroffen gemacht, sagt Drescher auf Anfrage der Aalener Nachrichten nun im Rückblick. Daher wundere er sich nicht, dass sie diese Nachwirkungen, eben den innerkirchlichen Aufstand, habe. Und der weitet sich sogar noch aus: Das Ditzinger Pfarrer-Ehepaar Frauer hat eine Unterschriftenaktion unter seinen Kollegen gestartet. Drescher: „Ich bin sehr froh darüber, dass das Thema nicht einfach abgeschlossen wird, sondern dass es weitergeht.“

Es sei nämlich nur schwer zu vermitteln, dass die Schaffung einer Rechtsgrundlage, die niemanden unter Druck gesetzt, aber Möglichkeiten eröffnet hätte, abgelehnt worden sei. „Keine Gemeinde und kein Pfarrer wäre gezwungen worden, aber diejenigen, die eine Segnung wollten, nämlich die Mehrheit, hätten sie vornehmen können.“

Das Erfordernis einer Zwei-Drittel-Mehrheit habe aber dazu geführt, dass eine Minderheit die Mehrheit blockieren könne. Die Folge seien Ärger und Betroffenheit – auch außerhalb der Synode.

Diskussion schon seit den 1990er Jahren

Was sich jetzt zu etwas ausgewachsen hat, was manche Beobachter sogar eine Kirchenrevolte nennen, beschäftige die Landeskirche schon seit den 90er Jahren, blendet der Dekan zurück. Seit damals seien Homosexualität und Kirche, Homosexualität und Pfarramt ein Thema. Parallel dazu habe sich auch in der Gesellschaft das Bewusstsein immer mehr geändert bis hin zu einer Öffnung für gleichgeschlechtliche Paare. Deshalb habe die Kirche für eine Segnung, um die sie gleichgeschlechtliche Paare gebeten hätten, eine rechtliche Grundlage schaffen wollen. Daran hätten Bischof, Oberkirchenrat und die Mehrheit der Synodalen intensiv gearbeitet – und seien nach der Ablehnung jetzt verständlicherweise sehr betroffen.

Weil die mittlere Führungsebene – also die Prälaten und Dekane – nahe bei den Pfarrern und den Gemeinden sei und folglich mit der „Not“ stärker konfrontiert sei als mancher Synodale, habe sich der Sprengel Ulm mit Prälatin Gabriele Wulz auf einen sogenannten „Einwurf“ verständigt, den auch Drescher unterschrieben hat. Bei einer Tagung im Kloster Neresheim sei darin noch einmal eine kirchliche Amtshandlung zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare gefordert worden.

Offener als gedacht

Dem hat sich inzwischen die überwältigende Mehrheit der Dekane – die Rede ist von mehr als 80 Prozent – aus den Prälaturen Stuttgart, Heilbronn und Reutlingen angeschlossen. Diese klare Positionierung bringt nach Dreschers Einschätzung zum Ausdruck, dass die Landeskirche offensichtlich offener ist, als es vor dem Hintergrund des Synodalbeschlusses scheinen möge. „Auch dafür bin ich sehr dankbar.“

Die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Paare sei ein Unrecht und daher gelte es nach wie vor, einen Weg zu finden, der eine Segnung ermögliche. „Auch wenn württembergische Dekane überwiegend sehr loyal und anständig sind und daher die Entscheidung der Synode akzeptieren und respektieren“, fügt Drescher augenzwinkernd hinzu.

Andererseits ist er sich auch sicher, dass die Realitäten und die Basis Fakten schaffen werden, zumal er wisse, dass viele Christen, die sich dem pietistischen Lager zugehörig fühlen, über die Entscheidung der Synode auch nicht glücklich seien. Und: „Auch bei denen gibt es Homosexuelle und Lesben.“

Drescher: Kreativmit dem Thema umgehen

Ob es allerdings schon bei der nächsten Synode zu einem neuen Beschluss kommt, daran hat der Aalener Dekan Zweifel. „Daher vermute ich, dass wir mit dem Thema weiter kreativ werden umgehen müssen.“

Wenn aber Pfarrerinnen oder Pfarrer im Kirchenbezirk Aalen nicht auf einen geänderten Synodalbeschluss warten wollen und gleichgeschlechtliche Paare segnen? „Dann“, sagt Drescher unzweideutig, „werde ich die Pfarrerin oder den Pfarrer und die Gemeinde in jeder Hinsicht unterstützen.“

Dabei ist ihm aber der Appell wichtig, sich in der Rhetorik zu mäßigen und das Thema weder zu skandalisieren noch besonders hervorzuheben. „Sonst suggerieren wir, dass dies das wichtigste Thema wäre. Andere sind mindestens genauso drängend, etwa die Armut oder dass wir junge Menschen besser ansprechen müssen, wenn wir als Kirche unsere Botschaft unters Volk bringen und für die Menschen da sein wollen.“

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