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Das Fair-Kaufhaus wird größer

Michael Femmer zieht mit seinem Fair-Kaufhaus in größere Räume um.
Michael Femmer zieht mit seinem Fair-Kaufhaus in größere Räume um.

MENGEN sz Nach einem Jahr Probelauf zieht das Fair-Kaufhaus in größere Räume um. Auf 800 Quadratmetern Fläche können Bürger gebrauchte Möbel und gut erhaltene Dinge für den Haushalt zu günstigen Preisen erwerben. Das Warenangebot entsteht aus Haushaltsauflösungen und Spenden.

Von unserer Mitarbeiterin Vera Romeu

Vor einem Jahr hat Michael Femmer begonnen, gebrauchte Möbel und Haushaltswaren bei Spendern ehrenamtlich einzusammeln, um sie in einem extra dafür angemieteten Laden an Bürger mit niedrigem Einkommen zu günstigen Preisen zu verkaufen. Er war sich ziemlich sicher, dass die Armut es manchem Bürger nicht ermöglicht, in den herkömmlichen Geschäften einzukaufen. Das Probejahr hat ihm Recht gegeben.

Ein Sozialhelfer ist diese Woche bei ihm vorbeigekommen, um Bett, Lattenrost, Matratze, Federbett und Bezüge für eine alte Frau zu holen. „Das zeigt doch, dass wir Bürger haben, die plötzlich in Not geraten und nicht die notwendigsten Dinge haben“, stellt Femmer fest. Nach einer Trennung brauchen manche ganz schnell Möbel, Waschmaschine und Geschirr. „Manchmal muss man einfach Not lindern, der Umsatz wird zweitrangig“, sagt Femmer. „Jede Stadt braucht einen Tafelladen, um ärmere Bürger mit Lebensmitteln zu versorgen, einen Diakonieladen für die Kleidung und ein Fair-Kaufhaus, um die Wohnungen mit den Dingen des täglichen Bedarfs auszustatten“, erklärt Femmer.

Das erste Fair-Kaufhaus in Mengen hat sich rasant entwickelt. 25 000 Euro hat es umgesetzt und somit die Kosten für Pacht, Fahrzeug und anderes auf den Euro genau decken können. Die Pacht des neuen 800 Quadratmeter großen Lokals, rund 2000 Euro, ist für Januar auch schon bezahlt. Anfang Dezember vergangenen Jahres hat Femmer zusätzlich die Anschubfinanzierung eines zweiten Ladens leisten können, nämlich in Bad Saulgau. „Uns schwebt vor, in Sigmaringen, Pfullendorf und Gammertingen neue Läden einzurichten.

Femmers Idee ist eigentlich einfach: Es gibt Bürger, die wollen gebrauchte Möbel, Maschinen, Bücher oder Haushaltswaren entsorgen. Sie sind aber noch in gutem Zustand. Er nimmt sie, nachdem er sie angeschaut hat, als Spenden an und verkauft sie zu günstigen Preisen. Inzwischen hat er zwölf Mitarbeiter, die wie er ehrenamtlich tätig sind. Die Mitarbeiter sind Langzeitarbeitslose, Hausfrauen, Rentner.

Um im Fair-Kaufhaus einzukaufen, braucht es keinen Berechtigungsschein: Jeder darf stöbern, auch von Armut nicht Betroffene. „Wir haben zum Teil interessante Antiquitäten und originelle Dinge, die man verschenken kann. Wer Flohmärkte mag und neugierig ist, wird bei uns einiges entdecken. Wir sind auf solche Kunden angewiesen, um die Pacht bezahlen zu können“, erklärt Femmer. Ihm ist es aber auch wichtig, dass Bürger, die nicht arm sind, im Fair-Kaufhaus vorbei kommen, um sich zu informieren, um ein Gespür für die Not Anderer zu entwickeln.

Verkaufen statt entsorgen

Immer mehr Bürger melden sich, damit Femmer mit seinem Team ihnen bei der Abwicklung von Haushaltsauflösungen hilft. „Man packt gemeinsam an, entsorgt zu einem fairen Preis, nimmt in das Fair-Kaufhaus, was andere noch brauchen könnten“, erklärt Femmer. Die Kunden bezahlen die Fahrten, die Entsorgungskosten und auch den Entschädigungsstundensatz für die Ehrenamtlichen. „Das lohnt sich für beide Seiten“, rechnet Femmer vor: 600 Haushaltsauflösungen hat er im vergangenen Jahr geleistet. 2010 werden es voraussichtlich mehr sein.

Am Samstag, 30. Januar, wird Femmer die neuen Räume in der Uhlandstraße 10 in Mengen, gegenüber vom Parkplatz des Lebensmittelgeschäfts Neukauf, beziehen. Ganz unspektakulär, ohne Sekt und Reden, nahtlos. In Zukunft werden Bürger auch ihre Spenden während der Geschäftszeiten vorbeibringen können. „Tendenziell kann man sagen, dass die Armut zunehmen wird, weil das soziale Klima kälter wird“, stellt Femmer fest. Der Einzelne kann nicht den Staat ersetzen, aber doch in seinem Umfeld der Armut ein wenig entgegenwirken, zum Beispiel indem er sich ehrenamtlich und in einem von ihm bestimmten Zeitumfang im Fair-Kaufhaus engagiert.

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