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„Beobachter wäre ein schöner Beruf“

Vorarlberger Autorin liest aus Roman „Ein langes Jahr“
Nach neunzehn Jahren Schreibpause liest Eva Schmidt aus einem neuen Buch.
Nach neunzehn Jahren Schreibpause liest Eva Schmidt aus einem neuen Buch.
Helmut Voith

Tettnang hvo Fast auf den Tag nach 32 Jahren hat die Bregenzer Autorin Eva Schmidt wieder in Tettnang gelesen. Im Gegensatz zum damals gähnend leeren Rittersaal war jetzt bei der Lesung aus ihrem jüngsten Roman „Ein langes Jahr“ die Stadtbücherei gut gefüllt.

„Beobachter wäre ein schöner Beruf“, sagte Eva Schmidt am Ende der Lesung aus ihrem Werk, das der Verlag als Roman einordnet – sie selber setzt dafür „Episodenroman“. Es sind 38 einzelne, flüchtig verwobene Geschichten, einige sehr kurz, die zusammengenommen ein lebendiges Bild eines namenlosen Ortes ergeben, in dem man unschwer Bregenz erkennt. In kurzen dynamischen Sätzen reiht die Autorin kleine, sehr genau beobachtete Skizzen aneinander. Detailreich beschreibt sie Situationen, und das fast ohne Adjektive. So schaut der Zuhörer mit einer Frau auf dem Balkon auf das Haus unten, das sie lange bewohnt hat. Sie hat sich zurückgezogen, sie beobachtet einen Mann, der seinerseits mit dem Fernglas eine Frau in einem Zimmer beobachtet, bis er zur Arbeit aufbricht.

Manche der gelesenen Texte erzählen später aus anderer Perspektive von derselben Person. Da ist der kleine Benjamin, der sich einen Hund wünscht, aber genau weiß, dass die alleinerziehende Mutter das ablehnen wird. Auch der alte Herr Agostini hat sich immer einen Hund gewünscht. Als er seine an den Rollstuhl gefesselte Frau im Pflegeheim besucht, hat er einen Hund dabei – endlich darf er einen halten. Die Eheleute haben einander nicht viel zu sagen, aber sie brauchen sich trotzdem. In einer anderen Miniatur lernen wir eine Frau kennen, die ihre Familie verlassen hat. Ihr Sohn besucht sie, als der Vater auf Geschäftsreise auswärts weilt. Stück für Stück rundet sich das Bild von Menschen in einer Vorstadtsiedlung. Die verschiedenen Typen, viele beschädigte Existenzen, treffen aufeinander. Eigentlich passiert nichts, nur einmal ist von einem schweren Unglück die Rede, das gerade eine junge Mutter betroffen hat. Alltagsgeschehen reiht sich an Alltagsgeschehen, dennoch kommt bei den atmosphärisch dichten Bildern keine Spur von Langeweile auf. Beobachten kann sehr spannend sein, wenn es so gut in Sprache umgesetzt wird.

Wie sie zu ihren Stoffen kommt, fragt eine Zuhörerin. Sie sehe Menschen, denke sich Geschichten aus, in die sie diese stellt. Sie schafft dabei eine Tiefe, die Leser erreicht.

Schon beim Zuhören faszinieren der melodische Sprachton, die ruhige Art des Textflusses. Eva Schmidt liest eigentlich für sich, schenkt dem Publikum während des Lesens kaum einen Blick. Man wundert sich nicht, dass dieses Buch nach knapp einem Jahr in sechster Auflage erschienen ist und auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises kam. Lang war ihre Schreibpause gewesen, doch sie sei an etwas Neuem, beruhigt sie ihre Leser, die nicht wieder neunzehn Jahre warten wollen.

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